Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Blasenentzündung behandeln: auch ohne Antibiotika?

07.02.2013
Klinische Studie der Abteilung Allgemeinmedizin der Universitätsmedizin Göttingen untersucht: Reicht bei Frauen mit unkomplizierten Harnwegsinfekten eine Behandlung mit Schmerzmitteln aus? BMBF und DFG fördern Projekt über vier Jahre mit rund 1,2 Mio Euro

Bei der Diagnose "Blasenentzündung" verordnen viele Ärzte sofort ein Antibiotikum. Sie folgen damit den aktuellen Leitlinien zur Behandlung. Doch: Müssen akute, unkomplizierte Harnwegsinfekte bei Frauen immer sofort mit Antibiotika behandelt werden?

Diese Frage untersucht eine klinische Studie unter der Leitung der Abteilung Allgemeinmedizin der Universitätsmedizin Göttingen. An der Studie beteiligt ist das Institut für Allgemeinmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

Die Studie will klären, ob bei unkomplizierten Fällen von Blasenentzündung zunächst auf Antibiotika verzichtet werden kann, ohne dass dadurch die Heilung eingeschränkt ist. In einer Pilotstudie erwies sich die symptomatische Therapie allein mit Schmerzmitteln als aussichtsreich. Die Frage nach der Wirksamkeit einer solchen symptomatischen Therapie wurde bislang noch in keiner großen Studie untersucht.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördern das Projekt über vier Jahre mit rund 1,2 Millionen Euro. Das Institut für anwendungsorientierte Forschung und klinische Studien GmbH (IFS) Göttingen unterstützt die Abteilung Allgemeinmedizin bei der Durchführung und Auswertung der Studie und stellt sicher, dass die hohen nationalen und internationalen Qualitätsstandards in der klinischen Forschung eingehalten werden.

"Mit dieser Studie wollen wir prüfen, wo wir in der Behandlung mit gutem Gewissen auf Antibiotika verzichten können", sagt Dr. Ildikó Gágyor, Projektleiterin in Göttingen. Hintergrund der Studie ist: Krankheitserreger "gewöhnen" sich an Antibiotika, wenn sie häufig verschrieben werden. Die Folge: Irgendwann können auch bislang hilfreiche Antibiotika nichts mehr gegen Erreger von Krankheiten ausrichten. Ihre Wirksamkeit geht verloren.

"Um dieser "Resistenzentwicklung" entgegenzuwirken, sollten Antibiotika nur dann verschrieben werden, wenn sie wirklich nötig sind", sagt Prof. Dr. Eva Hummers-Pradier, Direktorin der Abteilung Allgemeinmedizin der UMG und Leiterin der klinischen Prüfung (LKP). "In unserer Studie prüfen wir, ob bei unkomplizierten Erkrankungen, wie es die meisten Blasenentzündungen sind, die Beschwerden mit einem Schmerzmittel gut behandelt werden können, während die Infektion von selbst abheilt."

Die Studie der Allgemeinmedizin richtet sich an sonst gesunde Frauen, die mit typischen Anzeichen eines Harnwegsinfektes wie Brennen beim Wasserlassen und/oder häufigem Wasserlassen ihren Hausarzt aufsuchen. Insgesamt nehmen 40 hausärztliche Praxen in Niedersachsen und Bremen an der Studie teil. Daten von etwa 500 Frauen sollen ausgewertet werden. Für die Studie werden die Patientinnen per Zufall einer von zwei Behandlungsgruppen zugeteilt. Sie erhalten entweder sofort ein Antibiotikum oder ein Medikament, das Schmerzen lindert und die Entzündung hemmt.

"Alle Frauen bekommen ein Medikament, das wirkt. Durch die Teilnahme an der Studie besteht kein Risiko für die Patientinnen", sagt Projektleiterin Dr. Ildikó Gágyor. "Sollte das Schmerzmittel nicht wirken, erhält die Patientin ein Antibiotikum."

"Wir vermuten, dass ein großer Anteil der unkomplizierten Harnweginfekte auch ohne Antibiotika ausheilt. Wenn unsere Studie dies bestätigt, könnten die Leitlinien geändert werden, so dass zukünftig ein abgestuftes Verfahren gilt. Dann muss der Hausarzt auch nicht den Vorwurf fürchten, Patientinnen mit Harnwegsinfekt eine Behandlung vorzuenthalten, wenn er zunächst ‚nur' ein einfaches Schmerzmittel statt eines Antibiotikums verordnet", so Dr. Jutta Bleidorn, Institut für Allgemeinmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover und Koordinatorin der Studie in Hannover.

"Wir möchten mit der Studie auch das Bewusstsein für die Verwendung von Antibiotika bei Hausärzten und ihren Patienten verändern. Weniger ist hier oft mehr", so Dr. Ildikó Gágyor. "Auch andere unkomplizierte bakterielle Erkrankungen aus dem Praxisalltag eines Allgemeinmediziners können darauf überprüft werden, ob ein abgestuftes Behandlungsverfahren möglich ist. Insgesamt trägt dieses Vorgehen dazu bei, dass Antibiotika ihre Wirkung behalten."

Harnwegsinfekt
Der unkomplizierte Harnwegsinfekt bei Frauen tritt häufig auf und ist relativ einfach zu behandeln. Haupt-Anzeichen sind Brennen beim Wasserlassen und/oder häufiges Wasserlassen, manchmal mit Unterbauchschmerz. Zur Behandlung eines unkomplizierten Harnwegsinfektes werden nach allgemeinmedizinischen Leitlinien meistens Antibiotika verschrieben. Dadurch gehen die Beschwerden schnell zurück. Es gibt jedoch wissenschaftliche Hinweise, dass Harnwegsinfekte bei nicht schwangeren, sonst gesunden Frauen meist auch ohne Behandlung ausheilen, ohne Komplikationen oder Risiko für die betroffenen Frauen.
WEITERE INFORMATIONEN:
Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August Universität
Abteilung Allgemeinmedizin
Dr. Ildikó Gágyor
Telefon 0551 / 39-14226
igagyor@gwdg.de
Humboldtallee 38, 37075 Göttingen
www.allgemeinmedizin.med.uni-goettingen.de/
Medizinische Hochschule Hannover
Institut für Allgemeinmedizin
Dr. Jutta Bleidorn
Telefon 0511 / 532 4997 oder 2744 (Sekr.)
bleidorn.jutta@mh-hannover.de
Carl-Neuberg-Str.1, D-30625 Hannover

Stefan Weller | Universitätsmedizin Göttingen
Weitere Informationen:
http://www.med.uni-goettingen.de/presseinformationen/presseinformationen_18263.asp

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Ab ins Ungewisse: Über das Risikoverhalten von Jugendlichen
19.01.2017 | Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

nachricht Der Klang des Ozeans
12.01.2017 | Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

21.500 Euro für eine grüne Zukunft – Unserer Umwelt zuliebe

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

innovations-report im Interview mit Rolf-Dieter Lafrenz, Gründer und Geschäftsführer der Hamburger Start ups Cargonexx

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

Niederlande: Intelligente Lösungen für Bahn und Stahlindustrie werden gefördert

20.01.2017 | Förderungen Preise