Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bio-Sprit aus Regenwäldern verstärkt Klimawandel

03.12.2008
Neue Studie berechnet: Erst nach 75 bis 93 Jahren positive Ökobilanz möglich

Der Handel mit Biosprit boomt, nicht zuletzt durch Subventionen in den Industrieländern, mit denen die Treibhausemissionen dort reduziert werden sollen. Doch so einfach und schnell geht diese Rechnung nicht auf, wie aktuell eine internationale Forschergruppe in der Fachzeitschrift "Conservation Biology" vorrechnet.

Ganz im Gegenteil: Tropische Regenwälder sind gewaltige Kohlendioxid-Speicher, sie filtern Treibhausgase aus der Emission und binden es. In Südostasien müssen jährlich mehr als 2 Millionen Hektar Tropenwald für den Anbau der wirtschaftlich einträglichen Palmölplantagen weichen. Beim Abholzen und insbesondere beim Brandroden der tropischen Hölzer gelangt das gespeicherte Kohlendioxid wieder in die Atmosphäre und forciert dort den Treibhauseffekt.

Erst nach 75 Jahren, so die Rechnung der Forschergruppe, kompensierten die durch die Verwendung der Biokraftstoffe reduzierten Kohlenstoffemissionen den Waldverlust. Wird der Urwald gerodet, sei das Treibhausgas erst nach 93 Jahren und bei einem Kohlenstoffreichen Torfwald gar erst nach 600 Jahren eingespart, so das Ergebnis der Berechnungen.

Ganz anders verhält es sich, wenn Biokraftstoffe auf degradierten Grasflächen angepflanzt werden, die keine vergleichbaren Mengen an Kohlenstoff speichern. Dort könne bereits nach 10 Jahren eine positive Kohlenstoffbilanz gezogen werden, so die Berechnungen der elf Wissenschaftler aus sechs Ländern. "Nicht nur das Klima leidet unter der Rodung der Regenwälder, auch die Artenvielfalt ist bedroht", erklärt der Landauer Umweltwissenschaftler und Mitautor der Studie Dr. Carsten Brühl.

Palmölplantagen verdrängen wertvollen Regenwald

Und der Boom mit den Biokraftstoffen, die als umweltfreundliche Alternative zu fossilen Brennstoffen gepriesen werden, dauert an. Eines der wichtigsten Bioöle wird von der Ölpalme gewonnen, die gerade in Südostasien zur wichtigsten Kulturpflanze avanciert ist. Die Plantagen zur Gewinnung des pflanzlichen Öls erstrecken sich dort bereits auf 130.000 Quadratkilometer, das entspricht ungefähr einem Drittel der Fläche von Deutschland.

Finn Danielsen, Erstautor der Studie und Biologe bei der dänischen "Nordic Agency for Development and Ecology", kurz NORDECO, sieht diese Entwicklung mit großen Bedenken: "Länder in Europa und Nordamerika subventionieren den Kauf von tropischen Biokraftstoffen, um ihre im Transport anfallenden Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Doch während sich diese Länder bemühen, ihren Verpflichtungen aus dem Kyoto-Protokoll nachzukommen, verursachen sie damit einen höheren Emissionsausstoß in den tropischen Ländern und bewirken, dass ein anderes Abkommen, und zwar die Konvention über die biologische Vielfalt, gebrochen wird."

Ölpalmplantagen sind keine Alternative für die Pflanzen- und Tiervielfalt, die es in tropischen Regenwäldern gibt. "Auf den ersten Blick scheinen Ölpalmplantagen reich an Pflanzen", erläutert der Botaniker Dr. Hendrien Beukema von der niederländischen Universität Groningen. "Doch ein Vergleich der Flora zwischen Regenwald und Plantage zeigt ganz deutlich, dass die Artenvielfalt stark leidet." So fehlen beispielsweise bedeutende Pflanzengruppen der tropischen Regenwälder wie Bäume, Lianen, Orchideen oder Palmen gänzlich in den Plantagen. Als Grund nennt Beukema: "Waldpflanzen benötigen Schatten und ein ungestörtes Habitat zum Überleben. Diese Voraussetzungen sind in den sonnendurchfluteten Plantagen nicht zu finden."

Der Schutz der noch existierenden Rest-Urwälder käme somit nicht nur dem Klima sondern auch dem Erhalt der Biodiversität zugute, so Dr. Daniel Murdiyarso vom "Center for International Forestry Research" (CIFOR) in Indonesien. Tropische Wälder beheimaten mehr als die Hälfte der terrestrischen Tierarten der Welt. Die Wälder Südostasiens zählen zu den artenreichsten. Und sie sind ein riesiger Kohlenstoff-Speicher: Bis zu 46% des lebenden Kohlenstoffs der Welt ist in den Tropenwäldern gebunden. 25% der Gesamtkohlenstoffemissionen werden durch Entwaldung verursacht.

"Tropischen Regenwald zu fällen, um vermeintlich 'umweltfreundliche' Kraftstoffe anzubauen, ist ein großer Widerspruch", erklärt Mitautor Faizal Parish vom Global Environment Center in Malaysia. Die Massenrodung sei nicht nur in Südostasien ein Problem, sondern auch in Lateinamerika. Dort müssten Wälder großen Anbauflächen für Soja weichen.

Nachhaltige Biokraftstoffproduktion gefordert
Die Wissenschaftler rufen zu einer Entwicklung gemeinsamer, globaler Standards für die nachhaltige Produktion von Biokraftstoffen auf. Die Rodung von Urwäldern muss zwingend eingestellt werden, zu Gunsten des Klimas und der Artenvielfalt. Biokraftstoffplantagen in tropischen Waldregionen sollten nur noch auf bereits stark degradierten ehemaligen Waldflächen oder Grasflächen erfolgen.
Kontakt:
Dr. Carsten Brühl
Universität Koblenz-Landau, Campus Landau
Institut für Umweltwissenschaften
Fortstraße 7, 76829 Landau
Tel.: 06341/280-310
E-Mail: bruehl@uni-landau.de

Bernd Hegen | idw
Weitere Informationen:
http://www3.interscience.wiley.com/journal/120122721/issue
http://www.uni-koblenz-landau.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Weltweit erste Therapiemöglichkeit für Kinderdemenz CLN2 entwickelt
25.04.2018 | Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

nachricht Tabakrauchen verkalkt Arterien stärker als reiner Cannabis-Konsum
11.04.2018 | Universität Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

Je mehr die Elektronik Autos lenkt, beschleunigt und bremst, desto wichtiger wird der Schutz vor Cyber-Angriffen. Deshalb erarbeiten 15 Partner aus Industrie und Wissenschaft in den kommenden drei Jahren neue Ansätze für die IT-Sicherheit im selbstfahrenden Auto. Das Verbundvorhaben unter dem Namen „Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 7,2 Millionen Euro gefördert. Infineon leitet das Projekt.

Bereits heute bieten Fahrzeuge vielfältige Kommunikationsschnittstellen und immer mehr automatisierte Fahrfunktionen, wie beispielsweise Abstands- und...

Im Focus: Powerful IT security for the car of the future – research alliance develops new approaches

The more electronics steer, accelerate and brake cars, the more important it is to protect them against cyber-attacks. That is why 15 partners from industry and academia will work together over the next three years on new approaches to IT security in self-driving cars. The joint project goes by the name Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) and has funding of €7.2 million from the German Federal Ministry of Education and Research. Infineon is leading the project.

Vehicles already offer diverse communication interfaces and more and more automated functions, such as distance and lane-keeping assist systems. At the same...

Im Focus: Mit Hilfe molekularer Schalter lassen sich künftig neuartige Bauelemente entwickeln

Einem Forscherteam unter Führung von Physikern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, spezielle Moleküle mit einer angelegten Spannung zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Zuständen hin und her zu schalten. Derartige Nano-Schalter könnten Basis für neuartige Bauelemente sein, die auf Silizium basierende Komponenten durch organische Moleküle ersetzen.

Die Entwicklung neuer elektronischer Technologien fordert eine ständige Verkleinerung funktioneller Komponenten. Physikern der TU München ist es im Rahmen...

Im Focus: Molecular switch will facilitate the development of pioneering electro-optical devices

A research team led by physicists at the Technical University of Munich (TUM) has developed molecular nanoswitches that can be toggled between two structurally different states using an applied voltage. They can serve as the basis for a pioneering class of devices that could replace silicon-based components with organic molecules.

The development of new electronic technologies drives the incessant reduction of functional component sizes. In the context of an international collaborative...

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Im Fokus: Klimaangepasste Pflanzen

25.05.2018 | Veranstaltungen

Größter Astronomie-Kongress kommt nach Wien

24.05.2018 | Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Berufsausbildung mit Zukunft

25.05.2018 | Unternehmensmeldung

Untersuchung der Zellmembran: Forscher entwickeln Stoff, der wichtigen Membranbestandteil nachahmt

25.05.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

25.05.2018 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics