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Bildungsfinanzierung: Massive Umverteilung zugunsten bildungsnaher, einkommensstarker Familien

08.01.2009
Ein Akademiker kostet den Staat mit 100.000 Euro doppelt so viel wie ein Jugendlicher mit Berufsausbildung - Arbeitslosigkeit aufgrund unzureichender Bildung kostet den Staat viel mehr.

In einer aktuellen Studie untersucht das Berliner Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) die Finanzierung lebenslangen Lernens von der Kita bis zur Weiterbildung und die damit verbundenen Finanzierungs- und Verteilungseffekte.

Sie zeigt, dass die Kosten für einen Bildungsteilnehmer tendenziell mit der Verweildauer im Bildungssystem steigen und dadurch bildungsnahe Familien begünstigt werden. "Jedes Kind soll dem Staat gleich viel Wert sein, fordern viele Bildungspolitiker. Beim Blick auf die Bildungsfinanzierung von der Kita bis zum Ende des Hochschulstudiums zeigt sich aber, dass dieser Grundsatz nicht eingehalten wird," erinnert Bildungsökonom Dr. Dieter Dohmen, der Direktor des FiBS.

Die Studie zeigt, dass der Staat für einen Akademiker doppelt so viel ausgibt wie für einen jungen Menschen, der nach der Berufsausbildung das Bildungssystem verlässt. Da aber vor allem die Kinder einkommensstarker Familien studieren, führt dies zu einer beträchtlichen Umverteilung zugunsten dieser Familien. Dies gilt umso mehr, als Akademiker nur halb so oft arbeitslos werden wie Personen mit einer beruflichen Ausbildung und diese somit ein deutlich höheres Lebenseinkommen erzielen. Der Blick auf die einzelnen Bildungsbereiche verdeutlicht das.

Für die Kita gibt der Staat jährlich durchschnittlich 3.500 Euro aus, für einen Studierenden rund 7.500 Euro. Kinder aus einkommensstarken, oft doppelt verdienenden Akademikerhaushalten nutzen aber die Kita deutlich häufiger und täglich meist länger als Kinder aus einkommensschwachen oder erwerbslosen Haushalten. Auch wenn die Elternbeiträge in vielen Kommunen einkommensabhängig sind, kommt es schon im Kita-Bereich zu einer Umverteilung zugunsten bildungsnaher Schichten.

Dieser Trend setzt sich im Schulsystem fort. Kinder aus bildungsnahen Familien besuchen die Schule bis zum Abitur, während Arbeiterkinder die Schule meist nach der Haupt- oder Realschule verlassen. Während ein Grundschüler 4.000 Euro kostet, werden 4.500 Euro für einen Realschüler und 5.400 Euro für einen Gymnasiasten ausgegeben. Für einen Hauptschüler werden mittlerweile mit 5.600 Euro die höchsten durchschnittlichen Beträge verausgabt. Die Folge ist, dass ein Abiturient den Staat insgesamt bis zu 65.000 Euro kostet, und ein Hauptschulabsolvent aufgrund der kürzeren Schulzeit knapp 50.000 Euro verursacht. Realschüler sind mit 43.000 Euro am kostengünstigsten. Auch hier gilt, dass Abiturienten überproportional häufig aus einkommensstärkeren und bildungsnahen Haushalten kommen, während Hauptschulabsolventen vor allem aus einkommensschwachen und bildungsfernen Familien stammen und überproportional häufig einen Migrationshintergrund haben.

Während der Berufsausbildung zahlen Haupt- und Realschulabsolventen bereits Sozialversicherungsbeiträge und danach Steuern; für die Berufsschule werden insgesamt nur rund 7.000 Euro verausgabt. Ein Studierender kostet den Staat bis zum Studienabschluss hingegen durchschnittlich gut 35.000 Euro. Berücksichtigt man auch das Kindergeld während dieser Zeit, dann beläuft sich die staatliche Förderung sogar auf rund 45.000 Euro.

"Fasst man die Beträge zusammen, dann gibt der Staat für einen Hochschulabsolventen über 100.000 Euro aus, für einen jungen Menschen mit dualer Berufsausbildung knapp 60.000 Euro", fasst Dohmen die Ergebnisse der FiBS-Studie zusammen. "Dies ist angesichts deutlich niedriger Arbeitslosigkeit von Akademikern zweifellos eine sinnvolle Investition. Da allerdings Akademiker oft selbst aus Akademikerfamilien kommen, führt dies zu einer massiven Umverteilung zugunsten einkommensstarker Familien, während die Bildung von Kindern aus bildungsferneren Familien dem Staat viel weniger wert ist. In diesen Fällen muss der Staat aber hinterher oft die Kosten der Arbeitslosigkeit tragen, die ein vielfaches der unterbliebenen Bildungsinvestitionen kosten. Wer nur drei Jahre arbeitslos ist, kostet den Staat soviel wie die gymnasiale Oberstufe und das Studium zusammen. Es ist deshalb sinnvoll, mehr in die Bildung junger Menschen zu investieren anstatt hinterher in Nachqualifizierung und Arbeitslosigkeit."

Die Bildungsschere setzt sich auch weiter fort. Wer in frühen Jahren viel Bildung erhalten hat, bekommt hinterher auch viel Weiterbildung, teilweise vom Arbeitgeber, oft auch selbst finanziert. Der Staat beteiligt sich vor allem über die steuerliche Absetzbarkeit oder wenn jemand arbeitslos oder davon bedroht ist.

"Das System der Bildungsfinanzierung sollte grundlegend neu geordnet werden," fordert der Bildungsökonom. "Warum geben wir nicht jedem Menschen bei Geburt ein Bildungskonto für lebenslanges Lernen, dass pauschal mit 100.000 oder 120.000 Euro ausgestattet ist? Wer studiert, hat sein Konto verbraucht und muss die Weiterbildung aus der eigenen Tasche finanzieren und wer eine Berufsausbildung macht, hat noch fünfzig oder sechzigtausend Euro für Weiterbildung zur Verfügung."

Die Studie "Finanzierung lebenslangen Lernens von der Kita bis zur Weiterbildung - Deutschland und Österreich im internationalen Vergleich" kann als FiBS-Forum Nr. 42 von der Homepage des FiBS (www.fibs.eu) heruntergeladen werden.

Kontakt: Birgitt A. Cleuvers (FiBS), Tel. 0 30 - 84 71 22 3-20

Birgitt A. Cleuvers | idw
Weitere Informationen:
http://www.fibs.eu

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