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BfN veröffentlicht Studie zu Auswirkungen des Klimawandels auf Tiere

18.03.2011
Vom Klimawandel sind auch Tiere betroffen. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist der Bienenfresser, der sich infolge des Klimawandels nordwärts in Mitteleuropa ausbreitet.

Als „Verlierer“ des Klimawandels gelten die Langstreckenzieher unter den Zugvögeln, die oft zu spät wieder in Deutschland eintreffen.

Der Gartenrotschwanz oder der Trauerschnäpper finden so kaum noch genügend Brutplätze und Nahrung. Die kälteliebenden Tiere wie Arten des Gebirges (z. B. der Alpensalamander) und Arten der Moore (z. B. die Hochmoor-Mosaikjungfer, eine Libelle, oder das Moor-Wiesenvögelchen, ein Schmetterling) sowie Bewohner von Quellen (z. B. die Rhön-Quellschnecke) gehören zu den Risikokandidaten des Klimawandels. Das BfN veröffentlicht nun eine Studie, die einen Überblick über die aktuelle Forschung und Literatur zu den Auswirkungen des Klimawandels auf Zielarten des zoologischen Artenschutzes aber auch die Fauna Deutschlands insgesamt gibt.

Die Studie präsentiert eine Übersicht über aktuelle Veröffentlichungen zum Thema, Ergebnisse einer Fragebogenaktion unter Klimaforschern zu potentiellen Auswirkungen des Klimawandels auf die gesamte Fauna Deutschlands sowie eine Klima-Sensibilitätsanalyse für über 500 vordringlich zu behandelnde Zielarten des zoologischen Artenschutzes. Besonders viele Arten, die aufgrund des Klimawandels einem höheren Risiko ausgesetzt sind, finden sich demnach bei den Schnecken und den Schmetterlingen. Aus den Ergebnissen der Studie werden Handlungs- und Forschungsbedarf für den zoologischen Artenschutz aber auch den Naturschutz insgesamt abgeleitet. Beispielsweise kommt dem Erhalt intakter Moore eine hohe Priorität für den Klima - wie für den Artenschutz zu.

Als Zielarten vertiefter Analysen wurden ausgewählt:

• Gesetzlich streng geschützte Arten (laut Anlage 1 der Verordnung zum Schutz wild lebender Tier- und Pflanzenarten; Bundesartenschutzverordnung – BArtSchV)

• Arten der Anhänge II und IV der Fauna-Flora-Habitat (FFH)-Richtlinie der EU (92/43/EWG)

• Arten einer vom Bundesamt für Naturschutz erstellten Auswahl von Tierarten, für die Deutschland eine hohe globale Erhaltungs-Verantwortlichkeit besitzt.

Für diese über 500 Arten bzw. Unterarten wurde mit einer in der Studie entwickelten Klimasensibilitätsanalyse (KSA) das Klimawandelrisiko bewertet. Dazu wurden 8 Kriterien verwendet, die klimarelevante Eigenschaften der Arten erfassen und einheitlich gewichten.

In einigen Fällen wurde eine Experteneinschätzung durchgeführt. Der Großteil der betrachteten Arten (77 %) wurde hinsichtlich ihrer Klimasensibilität in die mittlere Risikoklasse eingestuft, für 55 Arten (11 %) wurde ein geringes Risiko und für 63 Arten (12 %) ein hohes Risiko (HR) festgestellt. Die meisten Hochrisiko-Arten wurden in der Gruppe der Schmetterlinge (Tag- und Nachtfalter), gefolgt von den Schnecken und Käfern, festgestellt. Naturräume mit besonders vielen Klimasensiblen Arten wurden in Süd-, Südwest- und Nordostdeutschland identifiziert.

Bezug der Studie: „Auswirkungen des rezenten Klimawandels auf die Fauna in Deutschland“
von: Rabitsch, W., Winter, M., Kühn, E., Kühn, I., Götzl, M., Essl, F. und Gruttke, H.
Erschienen als Band 98 der BfN-Schriftenreihe „Naturschutz und Biologische Vielfalt“

Bezug über: BfN-Schriftenvertrieb im Landwirtschaftsverlag Münster http://www.buchweltshop.de/bfn)

Weitere Informationen
Im Zusammenhang mit der Methodik der Klima-Sensibilitätsanalyse (KSA), die eine standardisierte Gewichtung der klimarelevanten Eigenschaften der Zielarten vornimmt, wurden folgende 8 Kriterien verwendet: Biotopbindung, (thermisch-)ökologische Amplitude, Migrationsfähigkeit, Arealgröße, aktuelle Bestandessituation, Vorkommen in Klimawandelsensiblen Zonen (z. B. dem Küstenbereich), Vermehrungsrate, Rote Liste-Status.

Keine „Hochrisiko-Arten“ ergaben die Bewertungen für Hautflügler, Netzflügler, Krebstiere, Ringelwürmer und Stachelhäuter. Weitere Auswertungen der Hochrisiko-Arten zeigen, dass es sich dabei überdurchschnittlich häufig um extrem seltene Arten handelt, die in der Roten Liste als vom Aussterben bedroht geführt werden, die vergleichsweise kleine bis mittlere Arealgrößen besitzen und die überwiegend keine großen Schwankungen der Umweltfaktoren vertragen (stenök, stentop sind). Die Zuordnung der Hochrisiko-Arten zu Lebensraumgruppen zeigt einen deutlichen Schwerpunkt von Vorkommen in Mooren, gefolgt von Wald, Trockenrasen, Heidegebieten und Quellen. Auch Arten von Gewässerufern und Küstenhabitaten weisen eine überproportional hohe Klimawandelsensibilität auf.

Folgender Handlungs- und Forschungsbedarf wird auf Grundlage dieser Informationen in der Studie in Kurzform dargelegt:
1. Bewusstseinsbildung
• Der Klimawandel wird überwiegend als Auslöser von Arealexpansionen und weniger als Gefährdungsfaktor kalt-stenotoper und warm-stenotoper Arten wahrgenommen, obwohl eine potentielle Gefährdung solcher Arten durch Klimawandel existiert. Diese Erkenntnis sollte vermehrt Eingang in wissenschaftliche Untersuchungen (Forschung) und naturschutzfachliche Maßnahmen (z. B. Artenschutzprogramme) finden.
2. Gefährdungsursachenanalysen und Artenschutzprogramme
• Anthropogen verursachter Klimawandel sollte in einer künftigen Analyse von Gefährdungsursachen als eigenständiger Gefährdungsfaktor stärker berücksichtigt werden.
• Existierende Artenschutzprogramme sollten hinsichtlich Effekten des Klimawandels validiert und bezüglich möglicher Maßnahmen zur Anpassung an Auswirkungen modifiziert werden.
3. Monitoring
• Die Auswertung von historischen Daten (z. B. Museumssammlungen als Biodiversitätsarchive) und die systematische Beobachtung aktueller Daten liefern Grundlagendaten zur Beantwortung wissenschaftlicher Fragen, aber auch zur Erfüllung der Berichtspflichten im Rahmen bestimmter EU-Richtlinien [Fauna-Flora-Habitat(FFH)-Richtlinie, Wasser-Rahmen-Richtlinie (WRRL)]. Zusätzlich zu existierenden Flächenmonitoring-Programmen wird ein Höhenverbreitungs-Monitoring ausgewählter Arten empfohlen.
4. Handlungsbedarf des zoologischen Artenschutzes
a. Eingrenzung klimasensibler Räume:
• Die bekannten Vorkommen der Hochrisiko-Arten wurden den Haupträumen der naturräumlichen Gliederung Deutschlands zugewiesen. Diese grobe aber räumlich explizite Auswertung zeigt Schwerpunkte der Verbreitung von Hochrisiko-Arten im Nordostdeutschen Tiefland, den Südwestlichen Mittelgebirgen und dem Alpenvorland. Daraus ergibt sich eine räumliche Fokussierung für den zoologischen Artenschutz. Klimasensible Räume sollten vordringlichen Schutz genießen.
• Die Auswertung der Biotopbindung der Hochrisiko-Arten ergibt auch eine Fokussierung der für den zoologischen Artenschutz besonders relevanten Lebensräume: Moor-Lebensräume und tyrphobionte Arten sollten vordringlichen Schutz genießen.
b. Realisierbarkeit und Umsetzung:
• Die konkreten Maßnahmen zum Schutz einer Art können nur vor Ort unter Berücksichtigung der lokalen Gegebenheiten erfolgen.
5. Forschungsbedarf
A Biogeographie und Taxonomie:
• Der Kenntnisstand über die tatsächlichen Reaktionen auf und die Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel ist innerhalb der Zielarten des zoologischen Artenschutzes sehr heterogen. Forschungsbedarf besteht vor allem für Insekten (besonders Käfer und Nachtfalter) sowie für Weichtiere (Schnecken und Muscheln).
• Für Tiergruppen ohne besonderen Schutz werden Verantwortlichkeitsanalysen der Vorkommen in Deutschland empfohlen, die eine wichtige Voraussetzung für die Berücksichtigung in einer künftigen Klima-Sensibilitätsanalyse sind.
B Konzeption
• Ein GIS-basierter Klimawandel-Risiko-Atlas sollte durch Verschneidung aggregierter Art-Daten mit verschiedenen Klimawandelszenarien besonders betroffene Lebensräume oder Regionen detailgenauer ausweisen.
C Empirische Forschung
• Bei einer Reihe der Zielarten des zoologischen Artenschutzes fehlt eine Kartierung bzw. Erfassung der Vorkommen sowie Studien zur Biologe und Anpassungsfähigkeit der Arten gegen Klimawandel.
• Studien zu den Wechselwirkungen des Klimawandels mit anderen Umweltveränderungen sind erforderlich.
D Klimamodelle
• Auf Grundlage neuer Daten können Modelle weiterentwickelt und Unsicherheiten in der Prognose reduziert werden.

Franz August Emde | idw
Weitere Informationen:
http://www.bfn.de

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