Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Vorbericht zu Sehscreening im Vorschulalter erschienen

30.10.2007
Unsichere Studienlage lässt keine verlässlichen Aussagen über Nutzen oder Schaden zu

Schätzungen zufolge leiden bis zu 6 % aller Kinder im Vorschulalter an einer Sehschwäche. Diese so genannte Amblyopie entsteht meistens einseitig, wenn von beiden Augen unterschiedliche Bilder an das Gehirn geleitet werden. Das kann beispielsweise bei Schielen oder größeren Brechkraftunterschieden zwischen linkem und rechtem Auge der Fall sein. Das Gehirn schafft dann einen Ausgleich, indem es den Seheindruck eines Auges unterdrückt. Die so entstandene Sehstörung kann durch Sehhilfen wie etwa eine Brille oder Kontaktlinsen nicht ausgeglichen werden.

Fachleute diskutieren bereits seit längerem, ob es sinnvoll ist, alle Kinder im Vorschulalter einem Sehtest durch Augenärzte zu unterziehen. Dieser würde in Deutschland zusätzlich zu den gesetzlich verankerten Früherkennungsuntersuchungen bei Kindern (so genannte U-Untersuchungen) durchgeführt. Das Ziel dabei ist, visuelle Entwicklungsstörungen früher festzustellen und durch eine geeignete Behandlung möglicherweise lebenslange Konsequenzen zu vermeiden oder zumindest zu vermindern.

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat deshalb im Auftrag des G-BA ermittelt, ob laut aktuellem Wissensstand der Nutzen eines solchen universellen Screenings belegt ist. Die vorläufigen Ergebnisse wurden am 29. Oktober publiziert. Bis zum 26. November können interessierte Personen und Institutionen schriftliche Stellungnahmen zum Vorbericht "Früherkennungsuntersuchungen von Sehstörungen bei Kindern bis zur Vollendung des 6. Lebensjahres" abgeben.

Nur wenige Studien mit zumeist geringer Qualität

Die Autoren kommen zu der vorläufigen Schlussfolgerung, dass die verfügbaren Studien weder Belege noch Hinweise auf einen Nutzen eines umfassenden und flächendeckenden Sehscreenings liefern. Zum einen ist insgesamt nur eine Studie verfügbar, die den Nutzen eines Screenings im direkten Vergleich zu keinem Screening untersucht. Zum anderen liegen nur wenige weitere Studien vor, die unterschiedlich intensive Screeningstrategien miteinander vergleichen oder den Vorteil einer vorgezogenen Therapie prüfen. Die Ergebnisse der Studien sind wegen methodischer Mängel zumeist nicht zuverlässig interpretierbar und kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen.

Schadenspotenzial ist noch unklar

Zudem fehlen Untersuchungen, um mögliche Schäden abschätzen zu können: Denn Früherkennungsprogramme können wie alle andere medizinischen Maßnahmen auch unerwünschte Wirkungen haben. Diese können vor allem dann auftreten, wenn der Test zu falsch-positiven Ergebnissen führt, d.h. eine Sehstörung oder eine Sehschwäche diagnostiziert wird, ohne dass diese tatsächlich vorliegt oder wenn sich die zu Grunde liegende Sehstörung auch ohne Behandlung zurückbilden würde, ohne bleibende Schäden zu verursachen.

In diesem Fall könnten Kinder häufiger einer "Übertherapie" ausgesetzt werden, indem beispielsweise unnötigerweise Brillen verordnet oder operative Eingriffe (z.B. bei Schielen) vorgenommen würden. Darüber hinaus ist zu befürchten, dass falsche Diagnosen einer Sehbehinderung negative psycho-soziale Effekte auf Kinder und ihre Familien haben könnten. Da also eine Schädigung möglich, ein Nutzen aber unsicher ist, sollten vor einer Übernahme in die Regelversorgung zunächst weitere wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt werden.

Angesichts der unsicheren Studienlage erscheint es den IQWiG-Wissenschaftlern gegenwärtig nicht gerechtfertigt, zusätzlich zu den bereits gesetzlich verankerten Untersuchungen des so genannten U-Programms ein flächendeckendes Sehscreening in Deutschland einzuführen.

Zum Ablauf der Berichtserstellung

Den Berichtsplan in der vorläufigen Version 1.0 hatte das IQWiG Mitte August 2006 publiziert, ein Amendment folgte Anfang Juli 2007. Gleichzeitig bat das Institut um Stellungnahmen zu der dort dargelegten berichtsspezifischen Methodik. Die Version 2.0 wurde, zusammen mit den eingegangenen Kommentaren, Ende August 2007 veröffentlicht.

Die Stellungnahmen zum Vorbericht werden gesichtet und, sofern Fragen offen bleiben, mit den Autoren in einer mündlichen Erörterung diskutiert. Anschließend wird der Vorbericht überarbeitet und als Abschlussbericht an den Auftraggeber, den Gemeinsamen Bundesausschuss, weitergeleitet.

Dr. Anna-Sabine Ernst | idw
Weitere Informationen:
http://www.iqwig.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Neue Studie „Education first! Bildung entscheidet über die Zukunft Sahel-Afrikas“
29.11.2017 | Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

nachricht Zukunftsstudie zum Autoland Saarland veröffentlicht
29.11.2017 | Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Im Focus: Electromagnetic water cloak eliminates drag and wake

Detailed calculations show water cloaks are feasible with today's technology

Researchers have developed a water cloaking concept based on electromagnetic forces that could eliminate an object's wake, greatly reducing its drag while...

Im Focus: Neue Einblicke in die Materie: Hochdruckforschung in Kombination mit NMR-Spektroskopie

Forschern der Universität Bayreuth und des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) ist es erstmals gelungen, die magnetische Kernresonanzspektroskopie (NMR) in Experimenten anzuwenden, bei denen Materialproben unter sehr hohen Drücken – ähnlich denen im unteren Erdmantel – analysiert werden. Das in der Zeitschrift Science Advances vorgestellte Verfahren verspricht neue Erkenntnisse über Elementarteilchen, die sich unter hohen Drücken oft anders verhalten als unter Normalbedingungen. Es wird voraussichtlich technologische Innovationen fördern, aber auch neue Einblicke in das Erdinnere und die Erdgeschichte, insbesondere die Bedingungen für die Entstehung von Leben, ermöglichen.

Diamanten setzen Materie unter Hochdruck

Im Focus: Scientists channel graphene to understand filtration and ion transport into cells

Tiny pores at a cell's entryway act as miniature bouncers, letting in some electrically charged atoms--ions--but blocking others. Operating as exquisitely sensitive filters, these "ion channels" play a critical role in biological functions such as muscle contraction and the firing of brain cells.

To rapidly transport the right ions through the cell membrane, the tiny channels rely on a complex interplay between the ions and surrounding molecules,...

Im Focus: Stabile Quantenbits

Physiker aus Konstanz, Princeton und Maryland schaffen ein stabiles Quantengatter als Grundelement für den Quantencomputer

Meilenstein auf dem Weg zum Quantencomputer: Wissenschaftler der Universität Konstanz, der Princeton University sowie der University of Maryland entwickeln ein...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Innovative Strategien zur Bekämpfung von parasitären Würmern

08.12.2017 | Veranstaltungen

Hohe Heilungschancen bei Lymphomen im Kindesalter

07.12.2017 | Veranstaltungen

Der Roboter im Pflegeheim – bald Wirklichkeit?

05.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Stottern: Stoppsignale im Gehirn verhindern flüssiges Sprechen

12.12.2017 | Biowissenschaften Chemie

E-Mobilität: Neues Hybridspeicherkonzept soll Reichweite und Leistung erhöhen

12.12.2017 | Energie und Elektrotechnik

Wie Brände die Tundra langfristig verändern

12.12.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz