Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Opioide gegen Nicht-Tumor-Schmerzen: DGSS-Studie vergleicht mehrwöchige Wirksamkeit von Schmerzmitteln

29.10.2007
Gegen Nicht-Tumor-Schmerzen 'gibt' es kein stärkstes Medikament, dass allen Patienten für eine mehrmonatige Anwendung gleichsam empfohlen werden kann. Aber bei einigen Patienten können Opioide durchaus die erste Wahl sein. Prof. Dr. Hardo Sorgatz (Universität Darmstadt) schließt dies aus 62 ausgewerteten Studien mit insgesamt mehr als 27.000 Teilnehmern.

Dabei zeigte sich unter anderem, dass Schmerzmittel erst gemeinsam mit einem begleitenden Placebo-Effekt die gewünschte klinische Wirkung entfalten. Auch zeigte sich, dass die von der WHO entwickelte Einteilung in schwache, mittlere und starke Schmerzmittel sich bei mehrwöchiger Anwendung nicht belegen lässt. Die teils überraschenden Ergebnisse könnten nicht nur Eingang in DGSS-Leitlinien finden, sondern in der Praxis zu veränderten Patientenwünschen und Verschreibungen führen.

Nur zusammen mit Placebo wirken Schmerzmittel ausreichend

Sorgatz interessierte unter anderem die zu erwartende Schmerzreduktion durch Opioide und andere Schmerzmittel im Vergleich mit wirkstofffreien Präparaten. Patienten, die letztere einnehmen, erfahren durch den reinen Placebo-Effekt eine Schmerzreduktion um durchschnittlich 8 Punkte auf einer Skala von 0 bis 100. Schmerzmittel bewirken eine zusätzliche Linderung des Schmerzes um rund 11 Punkte. Erst beide Faktoren zusammen erreichen die klinisch relevante Grenze von nahezu 20 Punkten Schmerzreduktion. "Die in der Literatur als Placebo-Effekt bezeichnete Schmerzreduktion ist Ausdruck einer spontanen 'autoanalgetischen Kompetenz' des Menschen", erklärt Prof. Sorgatz. "Dass weder Medikamente noch Placebo-Effekt für sich allein eine klinisch bedeutsame, anhaltende Schmerzreduktion erzielen, unterstreicht die Bedeutung einer multidisziplinären Schmerztherapie, die sich aus dem bio-psycho-sozialen Schmerzmodell ableitet", erläutert der Psychologe. Die Schmerzlinderung, die durch die Kombination beider Faktoren in Schmerzpraxen erzielt wird, könnte sogar noch höher liegen als in den Studien. Im individuellen Arzt-Patienten Kontakt kann die autoanalgetische Kompetenz des Patienten besser gefördert werden als in den doppelt verblindeten Studien.

Einteilung in schwach-mittel-stark lässt sich nicht belegen

Das WHO-Stufenschema sieht die Behandlung von Schmerzen in drei Abstufungen vor: Leichtere Schmerzen sollten mit Nicht-Opioid-haltigen Schmerzmitteln wie z.B. Acetylsalicylsäure oder Ibuprofen behandelt werden, mittlere mit Opioiden in Kombination mit Nicht-Opioiden und starke überwiegend mit Opioiden. Auf die mehrwöchige Behandlung von Nicht-Tumorschmerzen ist dieses Schema nicht übertragbar, fand Prof. Sorgatz heraus. "Die 62 Studien ergaben keine Belege für die im WHO-Stufenschema angedeutete Wirkungseinteilung 'schwach', 'mittel' und 'stark' für verschiedene Substanzgruppen", zieht er Bilanz. "Die Beurteilung der individuellen Verträglichkeit und von möglicherweise Organ schädigenden Nebenwirkungen könnte somit in der Verschreibungspraxis eine größere Bedeutung gewinnen als bisher vermutete Wirkungsunterschiede zwischen verschiedenen Substanzgruppen."

Stufe II lässt in der Wirkung mit der Zeit nach

Ein Vergleich von Studien mit einer Behandlungsdauer von drei bis sechs Wochen mit längeren Studien (sieben bis 13 Wochen) zeigt für Schmerzmittel der WHO-Stufe II eine deutliche Abnahme der Wirksamkeit mit der Zeit. Bei Präparaten der WHO-Stufen I und III ist dieser Effekt nicht zu beobachten. "Da bei den länger dauernden Studien allerdings auch mehr Teilnehmer abbrachen, ist das nicht schlüssig zu interpretieren", so Prof. Sorgatz. Eine Empfehlung für den Einsatz unterschiedlicher Schmerzmittel für verschiedene Syndrome ließ sich ebenfalls nicht eindeutig abgeben. Deutlich belegbar ist aber die Wirkung von WHO-Stufe I Analgetika bei rheumatischen Schmerzen. Ebenso sicher kann für Analgetika der WHO-Stufe II und III kann die Wirkung bei neuropathischen Schmerzen nachgewiesen werden.

Ansprechpartner

Prof. Dr. Hardo Sorgatz, Klinische Psychologie und Psychotherapie, Universität Darmstadt, Alexanderstr. 10, 64283 Darmstadt, Tel.: 06151-16-5213, Fax: 06151-16-6945, E-Mail: sorgatz@psychologie.tu-darmstadt.de

Meike Drießen | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgss.org

Weitere Berichte zu: Opioide Placebo-Effekt Schmerz Schmerzmittel Schmerzreduktion

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Erste großangelegte Genomstudie prähistorischer Skelette aus Afrika
27.09.2017 | Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte / Max Planck Institute for the Science of Human History

nachricht Wie gesund werden wir alt?
18.09.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Im Focus: Neutron star merger directly observed for the first time

University of Maryland researchers contribute to historic detection of gravitational waves and light created by event

On August 17, 2017, at 12:41:04 UTC, scientists made the first direct observation of a merger between two neutron stars--the dense, collapsed cores that remain...

Im Focus: Breaking: the first light from two neutron stars merging

Seven new papers describe the first-ever detection of light from a gravitational wave source. The event, caused by two neutron stars colliding and merging together, was dubbed GW170817 because it sent ripples through space-time that reached Earth on 2017 August 17. Around the world, hundreds of excited astronomers mobilized quickly and were able to observe the event using numerous telescopes, providing a wealth of new data.

Previous detections of gravitational waves have all involved the merger of two black holes, a feat that won the 2017 Nobel Prize in Physics earlier this month....

Im Focus: Topologische Isolatoren: Neuer Phasenübergang entdeckt

Physiker des HZB haben an BESSY II Materialien untersucht, die zu den topologischen Isolatoren gehören. Dabei entdeckten sie einen neuen Phasenübergang zwischen zwei unterschiedlichen topologischen Phasen. Eine dieser Phasen ist ferroelektrisch: das bedeutet, dass sich im Material spontan eine elektrische Polarisation ausbildet, die sich durch ein äußeres elektrisches Feld umschalten lässt. Dieses Ergebnis könnte neue Anwendungen wie das Schalten zwischen unterschiedlichen Leitfähigkeiten ermöglichen.

Topologische Isolatoren zeichnen sich dadurch aus, dass sie an ihren Oberflächen Strom sehr gut leiten, während sie im Innern Isolatoren sind. Zu dieser neuen...

Im Focus: Smarte Sensoren für effiziente Prozesse

Materialfehler im Endprodukt können in vielen Industriebereichen zu frühzeitigem Versagen führen und den sicheren Gebrauch der Erzeugnisse massiv beeinträchtigen. Eine Schlüsselrolle im Rahmen der Qualitätssicherung kommt daher intelligenten, zerstörungsfreien Sensorsystemen zu, die es erlauben, Bauteile schnell und kostengünstig zu prüfen, ohne das Material selbst zu beschädigen oder die Oberfläche zu verändern. Experten des Fraunhofer IZFP in Saarbrücken präsentieren vom 7. bis 10. November 2017 auf der Blechexpo in Stuttgart zwei Exponate, die eine schnelle, zuverlässige und automatisierte Materialcharakterisierung und Fehlerbestimmung ermöglichen (Halle 5, Stand 5306).

Bei Verwendung zeitaufwändiger zerstörender Prüfverfahren zieht die Qualitätsprüfung durch die Beschädigung oder Zerstörung der Produkte enorme Kosten nach...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Dezember 2017

17.10.2017 | Veranstaltungen

Intelligente Messmethoden für die Bauwerkssicherheit: Fachtagung „Messen im Bauwesen“ am 14.11.2017

17.10.2017 | Veranstaltungen

Meeresbiologe Mark E. Hay zu Gast bei den "Noblen Gesprächen" am Beutenberg Campus in Jena

16.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

17.10.2017 | Informationstechnologie

Pflanzen gegen Staunässe schützen

17.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Trends der Umweltbranche auf der Spur

17.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz