Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Studie zeigt: Sexualhormon verursacht molekulare Signatur, die das Geschlecht besser anzeigt als Chromosomen

18.10.2007
Bei der Bestimmung des Geschlechts von Menschen mit Störungen der Geschlechtsentwicklung (früher = Intersexualität), deren körperliche Merkmale nicht mit ihren Geschlechtschromosomen übereinstimmen, könnten in Zukunft neue diagnostische Möglichkeiten dank der Entdeckung einer dauerhaften Sexualhormon-Signatur in unseren Zellen entwickelt werden.

In einem Artikel, der heute im britischen Onlinejournal BMC Genomics publiziert wurde, zeigen Forscher zum ersten Mal, dass Testosteron eine bleibende molekulare Signatur in Zellen hinterlässt. Dies könnte zukünftig eine differenziertere Betrachtungsweise des Geschlechts liefern, als die alleinige Untersuchung der Geschlechtschromosomen.

Ein Forschungsteam aus den Vereinigten Staaten und Deutschland konnte die Rolle von Testosteron hierbei aufzeigen, indem Personen mit kompletter Androgenresistenz (Complete Androgen Insentivity Syndrome = CAIS) mit Personen ohne CAIS verglichen wurden. Die Ergebnisse schaffen die Ausgangsbasis für künftige Arbeiten, die zu einer verbesserten Beratung für Menschen mit unklarer Geschlechtszuweisung beitragen könnten.

Der leitende Forscher, Professor Paul-Martin Holterhus vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Kiel, sagt dazu: "Männliche Geschlechtshormone, also Androgene, haben bleibende Wirkungen während bestimmter sensitiver Zeitfenster unserer Geschlechtsentwicklung und dies betrifft wahrscheinlich nicht nur das Genitale, sondern auch andere Organe." Er fügt hinzu: "Es wird zunehmend akzeptiert, dass das Gehirn in An- oder Abwesenheit von Testosteron eine geschlechtsspezifische Entwicklung durchmacht. Dies betrifft geschlechtsspezifisches Verhalten und beeinflusst wahrscheinlich auch die geschlechtliche Identität."

Die Rolle von Androgenen - besonders die von Testosteron - in der sexuellen Entwicklung ist seit langem bekannt. Die "Progammierung" des Geschlechts beginnt im Embryo und geht nach unseren Vorstellungen im Laufe des Lebens weiter, auch in der Pubertät. Was zurzeit nicht bekannt ist, ist die unterschiedliche Rolle genetischer und chromosomaler Faktoren (Geschlechtschromosomen) gegenüber langfristigen programmierenden Effekten von Sexualhormonen, den Androgenen.

Personen mit CAIS, das etwa einen von 20.000 Menschen betrifft, sehen wie normale Frauen aus. Auf genetischer Ebene haben CAIS-Frauen jedoch XY-Chromosomen anstelle der üblichen XX-Chromosomen. Die Ursache sind Mutationen im Gen, das für den Androgenrezeptor kodiert, was bedeutet, dass die Signale der männlichen Geschlechtshormone nicht wirken können. Die Wirkung des Testosterons wird quasi außer Kraft gesetzt. Die Forscher untersuchten Hautproben der äußeren Genitalien, um den molekularen "Fingerabdruck" von normalen Männern und CAIS-Frauen zu vergleichen. Die Analysen zeigten, dass zwischen Männern und CAIS-Frauen etwa 440 Gene in ihrem Transkriptions-Grad, also dem Ausmaß wie diese abgelesen werden, unterschiedlich sind. Dadurch wird eine spezielle "Signatur" gebildet, die die Forscher nutzten, um Proben des "Partial Androgen Insensitivity Syndrome" (PAIS) zu bewerten. Die neue Methode könnte weiterentwickelt werden, um die Störung der Geschlechtsentwicklung individueller Menschen mit Androgenresistenz besser zu verstehen.

"Da wir XY-Frauen mit XY-Männern verglichen, kann der Unterschied nur durch die unterschiedliche Aktivität von Androgenen und nicht durch unterschiedliche Geschlechtschromosomen erklärt werden", erläutert Paul-Martin Holterhus. "Eine weitere Beobachtung ist, dass die einzige Frau mit einem weiblichen 46, XX Genotyp in unserer Studie bezüglich der identifizierten Gene nicht sehr in ihrer Signatur von den XY-Frauen abwich. Diese Beobachtung relativiert die Rolle der Geschlechtschromosomen in der Definition des Geschlechts."

Die Studie wurde mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt.

Artikel:
Intrinsic androgen-dependent gene expression patterns revealed by comparison of genital fibroblasts from normal males and individuals with complete and partial androgen insensitivity syndrome
Paul-Martin Holterhus, Uta Deppe, Ralf Werner, Annette Richter-Unruh, Jan-Hendrik Bebermeier, Lutz Wunsch, Susanne Krege, Hans-Udo Schweikert, Janos Demeter, Felix Riepe, Olaf Hiort and James D Brooks

BMC Genomics (in press)

Für Rückfragen steht zur Verfügung:

Prof. Dr. Paul-Martin Holterhus, Leiter des Bereichs Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel
Klinik für Allgemeine Pädiatrie, Schwanenweg 20, 24105 Kiel
Tel.: 0431 / 597-1626, Fax: 0431 / 597-1675
E-Mail: holterhus@pediatrics.uni-kiel.de

Dr. Anja Aldenhoff-Zöllner | idw
Weitere Informationen:
http://www.uk-sh.de
http://www.biomedcentral.com/bmcgenomics

Weitere Berichte zu: Androgen Geschlecht Geschlechtschromosom Signatur Testosteron

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave
02.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT

nachricht Europaweite Studie zu Antibiotikaresistenzen in Krankenhäusern
18.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie