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Studien zur Familienpolitik: Höchste Zeit für Abschied vom "Ernährermodell"

15.04.2002


Vater schafft das Geld ran, Mutter sorgt sich um die Kinder und verdient vielleicht noch etwas dazu: Diese traditionelle Rollenaufteilung prägt immer noch das deutsche Steuer- und Sozialsystem, während sich die gesellschaftliche Wirklichkeit wandelt. - Das hat gravierende Folgen. "Konturen einer modernen Familienpolitik" umreißt das Schwerpunktheft des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung anhand von Studien aus dem europäischen TSER-Forschungsnetzwerk. Zwar habe die rot-grüne-Regierung in den letzen vier Jahren einiges auf diesem Feld unternommen. Ein durchgreifender Wandel in der Familienpolitik sei jedoch bisher ausgeblieben.

Stichwort Ehegattensplitting: Die meisten europäischen Länder fördern längst die Erwerbstätigkeit beider Elternteile. Dagegen macht in Deutschland das Ehegattensplitting das zweite Einkommen im Haushalt nach wie vor unattraktiv - und das ist in der Regel dasjenige der Ehefrau. Kein Geld für Familienpolitik? Immerhin mehr als 44 Milliarden Mark an Steuermindereinnahmen war es dem Staat 2001 wert, eine ungleiche Erwerbsbeteiligung von Verheirateten zu fördern. Ein Steueranreiz für die Ehe, der weder an der Erziehung von Kindern ansetzt, noch Alleinerziehenden oder Familien ohne Trauschein zugute kommt.

Stichwort Betreuungseinrichtungen: Nur 5,5 Prozent der Unter-Dreijährigen finden in Westdeutschland einen Krippenplatz. Damit zählt Deutschland zu den Schlusslichtern in Europa. Obendrein mangelt es an der Qualität der Einrichtungen, wie auch von der PISA-Studie bestätigt wurde. Fehlende Betreuungsplätze und unflexible Öffnungszeiten erschweren Müttern die Erwerbstätigkeit.

Stichwort Armut: Das staatlich geförderte Ernährermodell bringt besonders untere Einkommensschichten mit Kindern in finanzielle Notlagen: Schlecht stehen sich in Deutschland vor allem Familien, denen das zweite, oder bei Alleinerziehenden sogar das einzige Gehalt fehlt. Dies, so Dr. Ute Klammer vom WSI, könne angesichts begrenzter öffentlicher Mittel durch keinen noch so großzügig gestalteten Familienlastenausgleich kompensiert werden.

Die Studien zeigen: Eine zukunftsweisende Familienpolitik muss die Erwerbstätigkeit von Eltern und insbesondere von Müttern erleichtern und damit erst wahre Wahlfreiheit schaffen, statt sie mit Ausgleichszahlungen zum Zuhausebleiben zu ermuntern. Derzeit können viele Frauen ihre Berufswünsche nur mühsam realisieren. Oft müssen sie beim Wiedereinstieg in den Job nach der Kinderpause Einkommenseinbußen hinnehmen. Karrierechancen schwinden. Und künftig, so Ute Klammer, werde die Gesellschaft noch weniger auf die Qualifikationen der zahlreichen gut ausgebildeten Frauen in der Berufswelt verzichten können.

Karin Rahn | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/

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