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Das industrielle Herz schlägt nicht mehr im Ruhrgebiet

04.04.2002


Ergebnisse aus der Forschungsarbeit des Instituts Arbeit und Technik zeigen aber Chancen zum Neubeginn

Das Ruhrgebiet, einst Region von Kohle und Stahl, hat den Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft noch nicht verkraftet. Doch es gibt deutliche Anzeichen für einen Neubeginn, der sich in einzelnen Teilregionen langsam herauskristallisiert: Transport und Logistik in Duisburg, Medizintechnik in Essen, Informations- und Kommunikationstechnologie in Dortmund sind nur erste Beispiele. Das zeigen Untersuchungen des Instituts Arbeit und Technik (IAT/Gelsenkirchen), die jetzt im neuen IAT-Report 2002-03 über das Internet verfügbar sind.
Gemessen an absoluten Zahlen gilt NRW nach wie vor als industrielle Kernregion der Bundesrepublik Deutschland. Rund ein viertel der Umsätze der deutschen Industrie werden von Betrieben aus Nordrhein-Westfalen erbracht, und mit rund 1,5 Millionen Industriebeschäftigten liegt NRW mit Abstand an der Spitze der Länder in der Bundesrepublik. "Der Strukturwandel der vergangenen Jahre verlief in Nordrhein-Westfalen allerdings deutlich ausgeprägter, als in anderen Industrieregionen Westdeutschlands, wobei sich die verschiedenen Teilräume des Landes höchst unterschiedlich entwickelten", stellt der IAT-Wissenschaftler Jürgen Nordhause-Janz fest.

So zeigt die langfristige Beschäftigtenstatistik eindeutige Gewinner- und Verliererregionen. Während Ostwestfalen, das Sauer- und das Münsterland im Zeitraum 1982 bis 1999 leicht steigende Prozentgrößenwerte aufweisen und das Rheinland weitestgehend sein Niveau gehalten hat, haben sich das Bergische Land und das Ruhrgebiet schlechter entwickelt. Besonders die negativen Entwicklungen im Ruhrgebiet haben dazu geführt, dass NRW nur ein Beschäftigungswachstum um insgesamt 4,3 Prozent erreichte, während der Anstieg im übrigen Westdeutschland 9,4 Prozent betrug. Erst seit Mitte der 90er Jahre liegen die nordrhein-westfälischen Wachstumsraten der Beschäftigung im oder sogar über dem Bundestrend.

Dies zeigt auch die differenziertere regionale und sektorale Betrachtung. So verbuchen etwa das Münsterland und Ostwestfalen-Lippe überdurchschnittliche Beschäftigungsgewinne im Dienstleistungssektor. Gleichzeitig waren in diesen Regionen leichte Gewinne bzw. nur geringfügige Verluste im Industriebereich zu beobachten. Demgegenüber verzeichnete das Ruhrgebiet im Zeitraum 1982 bis 1999 die höchsten Arbeitsplatzverluste im Produzierenden Gewerbe. Insgesamt gingen mehr als 304.000 Arbeitsplätze verloren, im wesentlichen im Montansektor und den hiermit verflochtenen Industriebereichen. Die Zahl der im Dienstleistungssektor Beschäftigten stieg im gleichen Zeitraum zwar um ca. 222.000 Personen, dies reichte jedoch nicht, um die Verluste aus dem Industriebereich zu kompensieren. Diese negative Entwicklung trifft noch stärker das Bergische Land, dessen Industriestruktur besonders von mittelständischen Betrieben der Metallverarbeitung und Lackherstellung geprägt wird.

Noch im Jahre 1963 trugen Dienstleistungsunternehmen nur knapp 40 Prozent zur Wirtschaftsleistung des Landes bei, inzwischen sind es 66 Prozent. Dieser Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft in Nordrhein-Westfalen verlief jedoch in Teilregionen und Branchen sehr unterschiedlich. Unternehmensnahe Dienstleistungen, Handel und Finanzen sowie Dienstleistungen aus dem Bereich der Verwaltung, Organisationen und Politik spiegeln im Rheinland vor allen Dingen die Dienstleistungszentren Düsseldorf und Köln wider.

Den größten Wandel hat das Ruhrgebiet durchgemacht. Zwar arbeiten in der Region noch rund 27 Prozent aller nordrhein-westfälischen Industriebeschäftigten, das "industrielle Herz" Nordrhein-Westfalens schlägt jedoch heute weniger im Ruhrgebiet als im Sauerland, Ostwestfalen Lippe oder dem Bergischen Land. Haushaltsbezogene Dienstleistungen, unternehmensnahe Dienstleistungen sowie Infrastrukturdienstleistungen sind neben den Vorleistungsproduzenten aus dem Industriesektor die Wirtschaftsbereiche, die mittlerweile die Beschäftigtenstruktur des Ruhrgebiets stärker prägen. Diese Entwicklung verdankt das Ruhrgebiet jedoch weniger einer überdurchschnittlichen Beschäftigungsdynamik im Dienstleistungsbereich. Vielmehr spiegelt sich hierin der negative Saldo aus Beschäftigungsgewinnen im Dienstleistungssektor und -verlusten im Produzierenden Gewerbe wider.

Die einzelnen Teilregionen des Ruhrgebiets weisen mittlerweile eine sehr differenzierte Beschäftigtenstruktur auf. Von einem vergleichsweise einheitlichem Wirtschaftsraum im Ruhrgebiet kann man deshalb nicht mehr ausgehen. So gibt es sehr deutliche Spezialisierungen in einzelnen Dienstleistungssegmenten, etwa in Duisburg, Hamm und Recklinghausen im Infrastruktur- und Transportbereich, während sich die unternehmensnahen Dienste stärker in Essen, Dortmund und auch Oberhausen konzentrieren. Stärker industriell geprägte Beschäftigtenstrukturen finden sich nur noch in Hagen, Hamm und Gelsenkirchen.

Das Ruhrgebiet als industriell, vor allen Dingen von Stahl und Kohle geprägte Region ist Historie. Dieser Wandel hat mehrere Facetten. Mit dem Bedeutungsverlust der Montanindustrie haben sich die einzelnen Teilregionen des Ruhrgebiets auch wirtschaftsstrukturell ausdifferenziert. Zudem haben sich einzelne Ruhrgebietsstädte stärker mit umliegenden Regionen, z.B. dem Rheinland oder dem Münsterland, verflochten. Dies zeigen auch aktuelle Analysen der arbeitsmarktbezogenen Pendlerströme.

"Die Struktur- und Beschäftigungspolitik sollte an diesen Ausdifferenzierungen anknüpfen, wenn sie vorhandene Potentiale in den Regionen nutzen will," so Nordhause-Janz. Einzelnen Dienstleistungsbereichen und ihren Verflechtungen mit dem Industriesektor sollte stärkere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Zudem zeigen die Ergebnisse, dass die Strukturpolitik mit ihrer Konzentration auf das ehemals großbetrieblich strukturierte Ruhrgebiet leicht den Blick für die anderen Regionen NRW´s verstellen kann - seien es die öffentlich kaum wahrgenommenen positiven Entwicklungen des Münsterlandes oder die negativen im Bergischen Land.

Claudia Braczko | idw

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