Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wird Arbeit von Hartz IV-Empfängern anerkannt?

17.08.2007
Eine Studie am Institut für Psychologie II der Universität Leipzig untersucht die gesellschaftliche Anerkennung von Arbeit, die von Hartz IV-Empfängern unentgeltlich oder für ein geringfügiges zusätzliches Einkommen geleistet wird.
Ergebnis: Diese Tätigkeiten gehen nur unter bestimmten Bedingungen mit gesellschaftlicher Anerkennung einher.

In den Augen führender Arbeitspsychologen ist die Gleichsetzung von Arbeit und Gelderwerb nicht korrekt: "Man denke nur an die Heerscharen von jungen Menschen, die, um im Beruf Fuß zu fassen, unbezahlte Praktika machen.

Obwohl Geld zu verdienen ein häufiges Motiv dafür ist, dass jemand arbeitet, fällt der Lohn mitunter niedriger aus als erhofft oder entfällt sogar ganz", erklärt die Leipziger Arbeitspsychologin Professor Dr. Gisela Mohr. Andere Arbeitstätigkeiten, wie ehrenamtliche Arbeit und Hausarbeit sind per se unbezahlt. Das führt zu dem paradoxen Sachverhalt, dass Menschen, die zum Teil rund um die Uhr arbeiten, gemeinhin als "arbeitslos" bezeichnet werden.

Nicht nur passiv vor dem Fernseher

Für die Studie wurden 199 Menschen über 40, die im Sinne des Sozialgesetzbuches (SGB II) als "hilfebedürftig" eingestuft worden sind, nach ihren alltäglichen Arbeitstätigkeiten befragt. Entgegen dem geläufigen Vorurteil verbringen die meisten der Befragten keineswegs ihre gesamte Zeit passiv vor dem Fernseher: Viele führen einen eigenen Haushalt, sorgen für Kinder und ältere Angehörige, einige gehen einer geringfügig bezahlten Erwerbsarbeit oder Nebenjob nach und/oder engagieren sich ehrenamtlich in Vereinen, Initiativen, in einer Kirchengemeinde, Partei oder Gewerkschaft.

Regelmäßige, selbst bestimmte Arbeitstätigkeiten außerhalb des eigenen Haushalts

Das Anliegen der Studie geht jedoch weit über die Aufdeckung gängiger Klischees über "Hartz-IV"-Empfänger hinaus. "Als Arbeitspychologen interessieren wir uns für Zusammenhänge zwischen der Arbeitstätigkeit und dem individuellen Befinden", so Dr. Sascha Göttling vom Institut für Psychologie II, der die Studie durchgeführt hat. Trotz der Stigmatisierung als "Hartz-IV"-Empfänger scheint es manchen Personen zu gelingen, eine zumindest einigermaßen anerkannte Identität zu entwickeln. Ein wichtiges Ergebnis der Studie ist, dass gesellschaftliche Anerkennung nicht ausschließlich über Tätigkeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt vermittelt wird. Eine positive Bedeutung scheinen generell solche Arbeitstätigkeiten zu haben, die regelmäßig ausgeführt werden, soziale Kontakte auch außerhalb des eigenen Haushalts und der Familie ermöglichen und einen genügend großen Handlungsspielraum bieten: "Hartz-IV"-EmpfängerInnen, die den Eindruck äußern, selbst über ihre Arbeit entscheiden zu können, erfahren größere Anerkennung durch ihr gesellschaftliches Umfeld als diejenigen, die angeben fremdbestimmt zu handeln.

Zum Teil zeigen sich sogar deutlich niedrigere Depressivitätswerte. Dr. Göttling folgert daraus: "Erstens erscheint es aus arbeitspsychologischer Sicht grundsätzlich nicht sinnvoll, Bezieher staatlicher Leistungen unter Androhung von Sanktionen in beliebige ‚Maßnahmen' zu vermitteln. Zweitens sollten Mitarbeiter, ob bezahlt oder unbezahlt, die Möglichkeit haben, Arbeitsaufgaben und -beziehungen ihren eigenen Bedürfnissen entsprechend mitzugestalten. Den Einzelnen stellt sich dabei natürlich immer die Aufgabe, die eigenen Interessen auch zu äußern und entsprechende Handlungsspielräume einzufordern."

Weitere Informationen:
Dr. Sascha Göttling
Telefon: 030 23271103
E-Mail: goettling@gemeinschaftsentwicklung.de
dol.dl.uni-leipzig.de/servlets/MCRFileNodeServlet/DOLDissHabil_de

Dr. Bärbel Adams | Universität Leipzig
Weitere Informationen:
http://www.uni-leipzig.de/presse

Weitere Berichte zu: Arbeitstätigkeit Hartz-IV Psychologie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wie gesund werden wir alt?
18.09.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Entrepreneurship-Studie: Großes Potential für Unternehmensgründungen in Deutschland
15.09.2017 | Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zum Biomining ab Sonntag in Freiberg

22.09.2017 | Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

DFG bewilligt drei neue Forschergruppen und eine neue Klinische Forschergruppe

22.09.2017 | Förderungen Preise

Lebendiges Gewebe aus dem Drucker

22.09.2017 | Biowissenschaften Chemie