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Interdisziplinäre FiBS-Studie zur Situation der Hochschulen in den neuen Ländern erschienen

10.07.2007
Um ihre Existenz zu sichern, müssen die ostdeutschen Hochschulen jetzt die Weichen stellen: Der demografische Wandel, die Abwanderung junger Frauen und der drohende Fachkräftemangel sind entscheidende Herausforderungen für Lehre, Forschung und Weiterbildung.

Das Berliner Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) hat heute eine umfassende Bestandsanalyse und ein Zukunftskonzept zur Situation der Hochschulen in den neuen Ländern vorgelegt, in der neben den bildungspolitischen, auch die sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen berücksichtigt werden.

Die Studie bestätigt, dass die Hochschulen mit dramatischen Einbrüchen bei den Studierendenzahlen rechnen müssen und es ihnen derzeit nur sehr eingeschränkt gelingt, die hohe Anzahl der Abiturientinnen anzusprechen. Die Wanderungsbilanz der neuen Länder ist alarmierend: 75 Prozent der abwandernden Studienanfänger sind weiblich, dafür 90 Prozent der zuwandernden Studienanfänger Männer. Da gleichzeitig fast 60 Prozent der Abiturienten weiblich sind, liegt die Ausschöpfungsquote der Abiturientinnen unter 70 Prozent. Im Vergleich: An den westdeutschen Hochschulen sind es annähernd 90 Prozent.

Für diese geringe Ausschöpfung der Abiturientinnen ist auch die starke ingenieurwissenschaftliche Ausrichtung der ostdeutschen Hochschulen sowie die geringe Hochschuldichte mitverantwortlich. "Es zeigen sich deutliche Zusammenhänge zwischen dem Fächerangebot einer Hochschule und dem Anteil junger Frauen an den 18- bis 35-Jährigen in der Region," erklärt Dr. Dieter Dohmen, der Direktor des FiBS und Projektleiter. "Natürlich spielt dabei auch die Situation am Arbeitsmarkt eine wichtige Rolle, doch wird sich diese Situation in wenigen Jahren umkehren. Dann droht ein gigantischer Fachkräftemangel." Nach den Berechnungen des FiBS wird ein Drittel des Ersatzbedarfs durch ausscheidende Akademiker nicht besetzt werden können. Geht man gar davon aus, dass nicht das Bachelor-, sondern erst das Master-Studium dem alten Qualifikationsniveau von Hochschulabsolventen entspricht, dann können wohl zwei Drittel der freiwerdenden Stellen nicht wieder besetzt werden. "Der Wettbewerb um Fachkräfte wird gnadenlos werden," meint Bildungsökonom Dohmen. "Finanzkräftige und global aktive Unternehmen aus West- und Süddeutschland werden die besten Fachkräfte mit guten Gehältern und spannenden Karriereangeboten weglocken. Die fast ausschließlich kleinen und mittleren Unternehmen in den neuen Ländern werden kaum eine Chance haben. Auch die Hochschulen der neuen Länder werden Rekrutierungsprobleme beim wissenschaftlichen Nachwuchs bekommen. Letztlich ist die ohnehin geringe Innovationskraft der ostdeutschen Wirtschaft in Gefahr, wenn sich ihre Rahmenbedingungen nicht deutlich verbessern."

Für die Hochschulen ergibt sich daher die Notwendigkeit, sich kurzfristig neu auszurichten. Sie sollten sich stärker in der Weiterbildung engagieren und dabei auch auf nicht-traditionelle Zielgruppen setzen. Eine ganz besondere Herausforderung ist die stärkere Zielgruppenorientierung auf Frauen in den mathematischen, natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern, in der Lehre überhaupt. "Wenn es nicht gelingt, die Frauen durch interdisziplinäre, qualitativ hochwertige Studienangebote anzusprechen, dann werden nicht nur viele Fakultäten schließen müssen, sondern vor allem die Unternehmen ihren Fachkräftebedarf nicht befriedigen können. Wenn hochqualifizierte Frauen durch Studienangebote, die auf Männer zugeschnitten sind, weiterhin zur Abwanderung gezwungen werden, dann droht ein Aderlass, der kaum wieder aufzufangen ist."

Vor diesem Hintergrund entwickelt das FiBS derzeit auch ein Konzept für eine Frauenhochschule. Es soll auch eine Vorbildfunktion für andere Hochschulen haben und zeigen, wie Frauen auch für technisch ausgerichtete Studienangebote begeistert werden können. "Diese Hochschule ist aber nur ein Baustein," so der FiBS-Direktor, "weitere sind die Neuausrichtung der bestehenden Hochschulen auf Frauen generell sowie auf ihr jeweiliges regionales Umfeld mit seinen Anforderungen. Zudem sollte neben exzellenter Forschung endlich auch die Qualität in der Lehre eine herausragende Bedeutung erhalten." Um auch strukturschwache Regionen in den neuen Ländern zu stärken, arbeitet das FiBS darüber hinaus an einem Projekt zur Durchlässigkeit im Bildungssystem und an Weiterbildungsangeboten. Durch hochschulübergreifende Kooperation soll versucht werden, das Hochschulangebot vor allem in ländlichen Regionen zu verbessern und dabei nicht-traditionelle Zielgruppen anzusprechen. Keine Region darf vom technischen Fortschritt abgekoppelt werden.

Die Studie kann als Forum Nr. 39 unter http://www.fibs.eu heruntergeladen werden. Ferner sei auch auf Forum Nr. 35 verwiesen, in dem wesentliche Bausteine zukünftiger Strategien in pointierter Form zusammenfassend betrachtet werden.

Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS):
Das FiBS ist eine unabhängige Forschungs- und Beratungseinrichtung für Ministerien auf Bundes- und Länderebene, Bildungs- und Sozialeinrichtungen, Unternehmen, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände, Stiftungen, Fachverbände und internationale Organisationen. Die Analysen, übergreifenden Studien, konkreten Modelle und Strategiekonzepte behandeln alle ökonomischen Aspekte von Bildung, sozialen Fragen, Arbeitsmarkt und Innovation.

Kontakt: Birgitt A. Cleuvers (FiBS), Tel. 0 30 - 84 71 22 3-20

Birgitt A. Cleuvers | idw
Weitere Informationen:
http://www.fibs.eu/

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