Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

BOLD-Studie von MHH und ITEM zeigt: Raucherinnen ab 40 besonders gefährdet

13.06.2007
In der Region Hannover leidet jeder Siebente an chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen / Daten repräsentativ für ganz Deutschland

Forscher der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und des Fraunhofer-Instituts für Toxikologie und Experimentelle Medizin ITEM schlagen Alarm: Chronisch obstruktive Lungenerkrankungen (COPD) sind weitaus häufiger als bislang gedacht. Das ist das Ergebnis einer weltweiten Studie, an der die MHH und das Fraunhofer ITEM beteiligt sind.

Chronisch obstruktive Lungenerkrankungen werden umgangssprachlich auch unter dem Begriff Raucherlunge mit dem Symptom Raucherhusten zusammengefasst, umschließen aber das weitaus größere Gebiet von Krankheiten, die mit Husten, vermehrtem Auswurf und Atemnot bei Belastung einhergehen, wie etwa chronisch-obstruktiver Bronchitis oder Lungenemphysemen.

Die Wissenschaftler haben 2546 Personen aus der Region Hannover angeschrieben und 750 davon auf ihre Lungenfunktion, eventuell vorhandene Lungenerkrankungen und ihre Rauchgewohnheiten untersucht. "Die Ergebnisse sind erschreckend", sagt Professor Dr. Tobias Welte, Direktor der MHH-Abteilung Pneumologie. Jeder siebente Proband (13,2 Prozent) leidet an einer COPD. "Besonders betroffen macht die Zahl rauchender Frauen." Bei fast zehn Prozent dieser Frauen, die älter als 40 Jahre sind, konnten die Wissenschaftler eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung nachweisen. Im Durchschnitt fanden die Forscher bei jedem fünften rauchenden Studienteilnehmer aus der Region Hannover eine COPD.

... mehr zu:
»COPD »ITEM »Lungenerkrankung »MHH

Gesunde Frauen haben ein Lungenvolumen von 3,5 bis fünf Litern, gesunde Männer von vier bis sechs Litern. Mit der Alterung verringert sich das Volumen um durchschnittlich 20 bis 30 Milliliter pro Jahr. "Bei Rauchern hingegen sind es 100 bis 150 Milliliter pro Jahr", erläutert Dr. Henning Geldmacher aus der MHH-Abteilung Pneumologie, der einen maßgeblichen Anteil an der Erhebung der Studiendaten hatte. Die Konsequenzen: "Eine vierzigjährige Raucherin, die heute bereits an einer mittelschweren COPD leidet, wird in 20 Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit ihre Atemorgane so geschädigt haben, dass sie auf die Gabe von Sauerstoff angewiesen ist." Das treffe natürlich auch auf rauchende Männer zu.

"Diese dramatischen Ergebnisse müssen zu gesundheitspolitischen Konsequenzen führen", betont Professor Welte. "Wir müssen gegen das Rauchen vorgehen." Die Forscher haben einen Maßnahmenkatalog zusammengestellt, der folgende Punkte umfasst:

-mehr Aufklärung: Mit Kampagnen sollen besonders Frauen und Jugendliche angesprochen werden, aber auch Ärzte - denn die Diagnose COPD ist noch kaum bekannt

-bessere Früherkennung: Lungenvolumentests sollen in die Prävention aufgenommen werden - für Raucher und Raucherinnen, die älter als 40 Jahre sind, soll alle zwei Jahre ein Lungenfunktionstest angeboten werden

-mehr Hilfe für "Aussteiger": Angebote für Raucher, die ihrer Sucht entsagen wollen mehr Forschung: COPD und besonders die Langzeitwirkungen der Krankheit sind nicht ausreichend erforscht. Die Anstrengungen müssen verstärkt werden.

Die zukünftige COPD-Forschung müsse sich vor allem mit Verbesserungen in der Prävention, der Diagnostik, dem Verständnis der zugrunde liegenden Atemwegsentzündung und mit neuen Therapiemöglichkeiten befassen. "Wir müssen herausfinden, welche Raucher besonders empfindlich reagieren und hier die Raucherentwöhnung intensivieren", sagt Professor Dr. Jens Hohlfeld, Leiter der Abteilung Klinische Atemwegsforschung am Fraunhofer ITEM. Bislang ist nur ein Gen eindeutig identifiziert, dass zum Lungenemphysem führt. Es sei davon auszugehen, dass die Empfindlichkeit genetisch determiniert ist. Aber auch andere körpereigene Substanzen, die eine Entzündung im Körper anzeigen, so genannte Biomarker, könnten bei der Unterscheidung zwischen empfänglichen und nicht-empfänglichen Rauchern hilfreich sein. Um solche Biomarker in Blut, Urin, Auswurf, Ausatemluft, Lungenspülflüssigkeit und in der Schleimhaut der Bronchien zu suchen, führen Ärzte am Fraunhofer ITEM klinische Studien bei COPD-Patienten durch. "Ideal wäre es, wenn wir einen Biomarker finden würden, den man in der Ausatemluft oder in einem iBlutstropfen bestimmen könnte."

Eine Methode, mit der man die Lungenfunktion so einfach messen könnte wie das Blutdruckmessen in Apotheken, würde helfen, die Erkrankung möglichst früh zu erkennen. Regelmäßig durchgeführte Lungenfunktionstests in den Arztpraxen könnten ebenfalls dazu beitragen, COPD sehr früh zu diagnostizieren und zu therapieren. Allerdings sind die heutigen Therapiemöglichkeiten rein symptomatisch. "Neue Forschungsarbeiten müssen sich damit beschäftigen, wie die Entzündung besser zu kontrollieren ist und ein Gewebeumbau in der Lunge verhindert werden kann. Mit dieser Erkenntnis können dann auch neue und wirkungsvollere Medikamente entwickelt werden", betont Professor Hohlfeld.

Die Untersuchungen in der Region Hannover sind Teil der so genannten BOLD-Studie. Dabei haben Wissenschaftler in elf weiteren Regionen auf der Welt derartige Studien durchgeführt - in Städten in Südafrika, Kanada, den USA, China, Türkei, Österreich, Polen, Norwegen, Island und auf den Philippinen. "Die Ergebnisse zeigen, dass COPD weltweit ein drängendes Problem ist", betont Professor Welte. Besonders hoch seien die Zahlen in Südafrika, dort spiele aber auch noch die Lungentuberkulose eine viel bedeutendere Rolle. Wesentlich mehr COPD-Fälle als in Deutschland gibt es der Studie zufolge auch in Österreich oder Polen. "Obwohl wir im internationalen Ranking noch recht gut abschneiden, ist das kein Grund zur Entwarnung", sagt der Pneumologe. Im Gegenteil: "Die Folgen der COPD sind sehr dramatisch - dabei ist die Prävention so simpel: einfach aufhören zu rauchen."

Um die Teilnehmer für die Studie in Hannover und dem Umland zu gewinnen, hatten die Forscher mit den Bürgerämtern der Landeshauptstadt und der Regionskommunen zusammengearbeitet. Die Probanden waren zw ischen 40 und 90 Jahre alt, kamen je zur Hälfte aus dem Umland und der Stadt.

Weitere Informationen erhalten Sie bei Professor Dr. Tobias Welte, Telefon (0511) 532-3530, oder bei Professor Dr. Jens Hohlfeld, (0511) 5050-603.

Stefan Zorn | idw
Weitere Informationen:
http://www.mh-hannover.de/

Weitere Berichte zu: COPD ITEM Lungenerkrankung MHH

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Zirkuläre Wirtschaft: Neues Wirtschaftsmodell für die chemische Industrie?
28.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Unternehmen entwickeln sich zu Serviceanbietern
25.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie