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Häufigere Krankenhausbehandlungen bei hyperkinetischen Störungen in Ostdeutschland im Vergleich mit westlichen Bundesländern

30.05.2007
Ärztedichte bei niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiatern und höherer Schweregrad sowie Häufigkeitsrate mögliche Ursachen

Unaufmerksamkeit, motorische Unruhe und Impulsivität sind die Symptome der hyperkinetischen Störung – auch bekannt als Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), von der meist Kinder und Jugendliche betroffen sind. Die Betroffenen sind leicht ablenkbar und unkonzentriert. Sie handeln unüberlegt, unorganisiert und unordentlich und haben eine geringe Frustrationstoleranz. Ihre Aktivität ist übermäßig ausgeprägt.

Eine Untersuchung durch Professor Dr. Andreas Stang (Universitätsklinikum Halle) ergab nun, dass diese Erkrankung in Ostdeutschland fast drei Mal häufiger im Krankenhaus behandelt wird als in den westlichen Bundesländern. Dies könne zum einen auf die deutlich geringere Zahl ambulant tätiger Kinder- und Jugendpsychiater in den neuen Bundesländern und zum anderen auf einen durchschnittlich höheren Schweregrad der Erkrankung hierzulande zurückgeführt werden.

Professor Stang arbeitet am halleschen Institut für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Informatik und untersuchte anhand der bundesweiten Krankenhausdiagnosestatistik die Häufigkeit von Krankenhausbehandlungen (Hospitalisationsrate) von hyperkinetischen Störungen. Hierbei interessierte er sich besonders für den Einfluss des Alters, des Geschlechts und der Wohnregion der Patienten sowie den Zusammenhang mit der Dichte der niedergelassenen Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Von der Erkrankung sind besonders Kinder und Jugendliche betroffen. Von den behandelten männlichen Patienten waren 97 Prozent und von den weiblichen 92 Prozent im Alter von bis zu 19 Jahren. Wobei die Hospitalisationsrate bei männlichen Patienten um den Faktor 5 größer war als bei der weiblichen Bevölkerung. Auch die Behandlungsdauer war deutlich größer als bei Mädchen und jungen Frauen.

Die Rate der Krankenhausbehandlungen war bei der männlichen Bevölkerung mit 25.3 pro 100.000 Einwohner in den fünf östlichen Bundesländern fast drei Mal so hoch als in den westlichen Ländern. Dort lag die Quote bei 8,7. Ein ähnliches Verhältnis stellte der Epidemiologe bei der weiblichen Bevölkerung fest. Die höchste Hospitalisationsrate bei der männlichen Bevölkerung wurde in Brandenburg erreicht, gefolgt von Thüringen und Sachsen-Anhalt. In Hamburg verzeichnete Professor Stang den geringsten Wert. Besonders groß war der Unterschied in der Altersgruppe von Kindern im Alter von fünf bis neun Jahren.

Die Hospitalisationsraten in Ostdeutschland sind deutlich höher als in Westdeutschland. „Eine plausible Teilerklärung für diesen Unterschied ist die niedrigere Ärztedichte ambulant tätiger Kinder- und Jugendpsychiater und –psychotherapeuten in Ostdeutschland“, erklärt der hallesche Professor, der seine Untersuchungsergebnisse gerade im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht hat. Allerdings habe die Studie auch gezeigt, dass die Ärztedichte zwar ein statistisch relevanter Faktor sei, jedoch als alleinige Ursache nicht in Frage komme. Möglicherweise spielten bei den Unterschieden der Häufigkeit der Neuerkrankung (Inzidenz) auch „umweltbedingte Risikofaktoren“ eine Rolle. „Beispielsweise könnten soziale Risikofaktoren der hyperkinetischen Störungen wie niedrige soziale Schicht, insbesondere der Mutter, Alkoholprobleme beim Vater sowie weitere psychosoziale Faktoren in Ostdeutschland als Folge der deutlich höheren Arbeitslosigkeit und möglicherweise auch häufigeren sozialen Entwurzelung nach der Wiedervereinigung häufiger vorkommen als in Westdeutschland.“ Auch bei anderen Erkrankungen wie der Störung des Sozialverhaltens, die auf diese Faktoren zurückzuführen seien, habe sich gezeigt, dass diese in Ostdeutschland häufiger auftreten als in den westlichen Bundesländern. Ein Vergleich zwischen Bayern und Thüringen lasse zudem die Hypothese zu, dass die Schwere der ADHS-Erkrankungen östlich von Elbe und Werra höher als in den alten Bundesländern ist.

„Eine größere Anzahl von ambulant tätigen Kinder- und Jugendpsychiatern in den neuen Bundesländern könnte dazu beitragen, dass die deutlich größere Rate der Krankenhausbehandlungen wegen hyperkinetischen Störungen in den neuen Bundesländern gesenkt werden könnte“, erklärte Professor abschließend zu seiner Studie.

Zur Information: Das Deutsche Institut für medizinische Dokumentation und Information beschreibt die hyperkinetischen Störungen wie folgt: „Diese Gruppe der Störungen ist charakterisiert durch einen frühen Beginn, meist in den ersten fünf Lebensjahren, einen Mangel an Ausdauer bei Beschäftigungen, die kognitiven Einsatz verlangen, und eine Tendenz, von einer Tätigkeit zu einer anderen zu wechseln, ohne etwas zu Ende zu bringen. Hinzu kommt eine desorganisierte, mangelhaft regulierte und überschießende Aktivität.“ Epidemiologische und klinische Studien legen nahe, dass Kinder mit hyperkinetischen Störungen ein erhöhtes Erkrankungsrisiko für andere psychiatrische Erkrankungen und Drogenmissbrauch haben.

Jens Müller | Uni Halle
Weitere Informationen:
http://www.uni-halle.de

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