Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

LKW-Fahrer sind Opfer und Täter zugleich

25.05.2007
Ausgezeichnet mit dem zweiten Studienpreis der Körber-Stiftung: Michael Knoll fand in seiner Diplomarbeit heraus, dass Fernfahrer ein besonderes Verhältnis zu ihrem Beruf und zu Gefahren haben

Der Absolvent der TU Chemnitz, Michael Knoll, der inzwischen Mitarbeiter an der Professur für Wirtschafts-, Sozial- und Organisationspsychologie ist, untersuchte in seiner Diplomarbeit, wie sich die berufliche Identität der Fernfahrer auf ihr Risikoverhalten auswirkt. Zum Hintergrund: Fahrer reagieren auf Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit der Fahrzeuge mit einer höheren Risikobereitschaft. Juristische Ansätze, die versuchen, die Unfallgefahr durch Limits für Tempo und Lenkzeiten zu verringern, umgehen sie teilweise selbst.

In umfangreichen Interviews mit fünf Fernfahrern fand Knoll heraus, dass sich die Fahrer mit gegensätzlichen Anforderungen konfrontiert sehen: Sie sind oft auf sich allein gestellt. Obwohl ihnen die Familie viel bedeutet, verbringen sie die meiste Zeit alleine im Fahrerhaus. Einerseits übernehmen die Fahrer viel Verantwortung, andererseits sehen sie sich als letztes Glied einer Kette und unterliegen hohen Terminzwängen. Um mit dieser Situation zurecht zu kommen und sich von anderen Berufsgruppen abzugrenzen, entwickeln Fernfahrer eine besondere Berufsidentität: Sie sehen sich als unabhängig, hochgradig belastbar, männlich, verlässlich und sind zur Selbstaufopferung bereit.

"Dieses Selbstbild macht es LKW-Fahrern einerseits möglich, die widersprüchlichen Aspekte ihres Berufsalltags und die sowohl physisch als auch psychisch enorm belastenden Arbeitsbedingungen auszuhalten", so Knoll. Andererseits berge diese Berufsidentität auch Risiken: "Wenn für Fernfahrer unbedingte Verlässlichkeit und hohe Belastbarkeit zu ihrem beruflichen Selbstverständnis gehören, haben es Spediteure leichter, ihre Angestellten über das Zumutbare und gesetzlich Zulässige hinaus zu beanspruchen. Häufig sind es aber auch die Fahrer selbst, die, um ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen, Müdigkeit ignorieren und Risiken unterschätzen", ergänzt der Chemnitzer Psychologe.

Damit lassen sich aus seiner Studie interessante Schlüsse auch für das Thema Verkehrssicherheit ziehen. Denn sie zeigt, dass es nicht ausreicht, noch bessere Fahrzeuge zu bauen und Fahrtzeiten und -geschwindigkeiten stärker zu reglementieren. "Um die Sicherheit auf den Straßen zu erhöhen, muss sich auch die Berufsidentität der Fernfahrer entscheidend wandeln", meint Knoll. Dazu müssen diese allerdings erkennen, so sein Fazit, dass sie durch ihr eigenes Verhalten das System aufrechterhalten, dass sie in diesem schwierigen Beziehungsgeflecht "Opfer und Täter zugleich" sind.

Mit seiner Arbeit zum Thema "Der Fahrer ist das letzte Glied in der Kette.
Ergebnisse einer empirischen Studie zum beruflichen Umgang mit der Gefährdung am Beispiel der Fernfahrer" gewann der 29-Jährige einen zweiten Studienpreis der Körber-Stiftung. Unter 400 eingesandten Beiträgen wurde er von der Jury unter die besten zehn gewählt; den mit 2.000 Euro dotierten Preis erhielt Knoll am 21. Mai 2007 in der Berlin- Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Der Deutsche Studienpreis wird seit 1996 von der Körber-Stiftung vergeben. Der Wettbewerb für junge Forschung prämiert Beiträge, die sich durch hohe gesellschaftliche Relevanz und verständliche Darstellung auszeichnen. Das diesjährige Thema hieß "Mittelpunkt Mensch?".

Weitere Informationen erteilt Michael Knoll, Telefon (03 71) 5 31 - 35 101, E-Mail michael.knoll@phil.tu-chemnitz.de.

Informationen zum Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung finden Sie unter http://www.koerber-stiftung.de.

(Autorin: Katharina Thehos)

Mario Steinebach | Technische Universität Chemnitz
Weitere Informationen:
http://www.tu-chemnitz.de
http://www.koerber-stiftung.de

Weitere Berichte zu: Berufsidentität Fernfahrer Körber-Stiftung Studienpreis

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Diabetesmedikament könnte die Heilung von Knochenbrüchen verbessern
17.03.2017 | Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke

nachricht Soziale Phobie: Hinweise auf genetische Ursache
10.03.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

Zweites Symposium 4SMARTS zeigt Potenziale aktiver, intelligenter und adaptiver Systeme

27.03.2017 | Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fließender Übergang zwischen Design und Simulation

27.03.2017 | HANNOVER MESSE

Industrial Data Space macht neue Geschäftsmodelle möglich

27.03.2017 | HANNOVER MESSE

Neue Sicherheitstechnik ermöglicht Teamarbeit

27.03.2017 | HANNOVER MESSE