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Deutschland fehlt der klassische Unternehmertyp

08.03.2007
Besitzstandswahrung statt Risiko im Vordergrund

Deutsche machen sich deutlich seltener als die Bürger anderer Länder selbständig. Sie sind pessimistischer, was die Chancen einer Existenzgründung angeht und ängstlicher hinsichtlich der Folgen eines möglichen Scheiterns. Zu diesen Ergebnissen kommt der Global Entrepreneurship Monitor (GEM). Die Studie analysiert jährlich das Gründungsgeschehen im internationalen Vergleich. Mehr als 150.000 Bürger in 42 Ländern und rund 1.300 Gründungsexperten wurden dafür befragt. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und das Institut für Wirtschafts- und Kulturgeographie der Universität Hannover stellten in Berlin den aktuellen Länderbericht Deutschland vor.

Der in Deutschland ohnehin niedrige Anteil der Existenzgründer an den 18- bis 64-Jährigen ist im Jahr 2006 weiter zurückgegangen. Deutschland liegt auf Rang 34 der untersuchten 42 Länder. Wenn sich Deutsche selbständig machen, dann geschieht das nicht selten aus ökonomischer Not heraus. Hierzulande gehören vergleichsweise viele Gründer zur Gruppe der "Existenzsicherer". Gesamtwirtschaftliche Wachstumsimpulse seien aber eher von "Selbstverwirklichern" zu erwarten, sagte IAB-Vizedirektor Ulrich Walwei bei der Präsentation der Daten.

Der klassische Unternehmertyp, der nach Unabhängigkeit strebe, eine Idee verwirklichen und dabei ein hohes Einkommen erzielen möchte, schaffe in der Regel mehr Arbeitsplätze als der aus Mangel an Alternativen zum Unternehmer gewordene Existenzsicherer. Nicht nur in traditionell unternehmerfreundlichen Ländern wie Großbritannien, auch in Skandinavien machen sich deutlich mehr Menschen als in Deutschland aus Überzeugung selbständig. "Im internationalen Vergleich sind die Deutschen sehr pessimistisch, was Gründungschancen anbelangt. Die Angst vor dem Scheitern hält sie relativ häufig davon ab, ein Unternehmen zu gründen", so Wirtschaftsgeograf Rolf Sternberg von der Universität Hannover.

"Wichtige Meinungsführer in Deutschland, vom Lehrer bis zum Politiker, vermitteln ein schiefes Bild über das Unternehmertum: Sie halten Selbständigkeit eher für ein Grundübel oder wenigstens für eine fragwürdige Angelegenheit. Als Staaten wie Großbritannien, Frankreich, Italien und die skandinavischen Länder, die in den siebziger Jahren noch allesamt als ausgeprägte Sozialstaats-Nationen mit durchgängiger Angestelltenmentalität bekannt waren, im Laufe der achtziger Jahre die Zeichen klar auf eine liberale Wirtschaftspolitik stellten, vergaß die deutsche Politik, aber auch der größte Teil der Wirtschaftseliten in Deutschland, aus den Untertanen und Angestellten mündige Bürger zu machen", kritisiert der Dienstleistungsexperte Michael Müller, Geschäftsführer der a&o-Gruppe in Neuss und Potsdam.

Es dominiere das Leitbild des Industriezeitalters - der unselbstständig und abhängig Beschäftigte, für den Versorgungsmentalität attraktiver als Unternehmerrisiko sei. Die Tatsache, dass der Staat und seine Institutionen den Firmengründer dazu zwingen, deutlich mehr für den Erhalt der staatlichen Besitzstandswahrer zu arbeiten und gleichzeitig auch noch eine enorme Bürokratie bedienen zu müssen, zählt laut Müller zu den weiteren Ursachen für die geringe Bereitschaft zur Selbständigkeit. "Um die von Gewerkschaft, Unternehmerverbänden und Regierung im harmonischen Dreiklang produzierten bürokratischen Dienste zu erledigen, braucht ein Kleinbetrieb mit fast 62 Jahresstunden pro Mitarbeiter elfmal länger als ein Großkonzern", resümiert Müller, der als Wirtschaftssenator beim Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) tätig ist.

Der Global Entrepreneurship Monitor steht zum Download bereit unter http://doku.iab.de/presse/gem07-download.pdf .

Gunnar Sohn | pressetext.deutschland
Weitere Informationen:
http://iab.de
http://www.ao-services.de
http://doku.iab.de/presse/gem07-download.pdf

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