Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wann gibt es Fusionskraftwerke in Indien?

26.02.2002


Entwicklung der indischen Stromerzeugungvon 1995 bis 2100, wenn der klimaschädliche Kohlendioxidausstoß nicht beschränkt wird: Die Dominanz der Kohle nimmt stetig zu.


Langzeit-Energieszenario für Indien / Kohle dominiert / Klimaschutz durch Fusion


Welche Rolle könnten Fusionskraftwerke für die künftige Energieversorgung Indiens spielen - eines der bevölkerungsreichsten und wachstumsstärksten Länder der Erde? Wie könnte sich insgesamt der indische Energiebedarf bis zum Jahr 2100 entwickeln, welche Technologien werden ihn decken und welchen Einfluss wird dies auf die Erzeugung von Treibhausgasen haben?

Diese Fragen untersucht die jetzt erschienene Studie "Long-term Energy Scenarios for India", die gemeinsam von dem Indischen Institut für Management (IIM) in Ahmedabad, dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching und der Netherlands Energy Research Foundation (ECN) erarbeitet wurde. Sie zählt zu den im Rahmen des Europäischen Fusionsprogramms ins Leben gerufenen "Sozio-ökonomischen Forschungen zur Fusion".


Die indische Bevölkerung - bereits heute mehr als eine Milliarde Menschen - wächst pro Jahr um etwa 15 Millionen; die Wachstumsraten der indischen Wirtschaft zählen zu den höchsten weltweit: Von 1975 bis 2000 hat sich das Bruttosozialprodukt verdreifacht, der Energieverbrauch - hauptsächlich Kohle - vervierfacht und die Stromnachfrage verfünffacht. Ähnlich rasant wird es nach den Prognosen der indischen Wirtschaftswissenschaftler weitergehen: In den nächsten hundert Jahren wird die Bevölkerung Indiens auf 1,6 Milliarden Menschen anwachsen, das Bruttosozialprodukt auf das 80fache und die Energieerzeugung von jetzt 15 auf 110 Exajoule um das siebenfache steigen.

Bleibt die Entwicklung der indischen Energiewirtschaft den Marktkräften alleine überlassen, so wird auch im Jahr 2100 die im Lande reichlich vorhandene Kohle der wesentliche Energielieferant sein, insbesondere in der Stromwirtschaft - mit fatalen Folgen für die weltweiten Bemühungen um den Klimaschutz: Über 50 Prozent des Strombedarfs wird durch das Verbrennen von Kohle gedeckt werden, 25 Prozent übernehmen Erdöl und Erdgas. Sieben Prozent wird die Kernspaltung liefern; sechs Prozent werden Erneuerbare Energien beitragen - vor allem Wind- und Wasserkraft. Fusion als neue und kapitalintensive Technologie kann unter diesen Bedingungen nicht mit den anderen Grundlast-Energieerzeugern konkurrieren.

Diese überwiegend auf fossilen Brennstoffen beruhende Energiewirtschaft wird starke Umweltbelastungen zur Folge haben. Gegen die vor Ort spürbare Luftverschmutzung durch Schwefel und Stickoxide werden sich angesichts des lokalen Drucks aus der Bevölkerung schnell - und mit niedrigem Kostenaufwand - saubere Technologien durchsetzen. Anders verhält sich dies jedoch mit dem klimaschädlichen Kohlendioxid. Die Emissionen werden bis zum Ende des Jahrhunderts auf das siebenfache ansteigen, pro Kopf von jetzt 0,2 auf eine Tonne des im Kohlendioxid gebundenen Kohlenstoffs. Dies liegt zwar immer noch deutlich unter den gegenwärtigen Pro-Kopf-Werten entwickelter Länder; so emittieren etwa die USA bereits heute pro Einwohner das fünffache. Angesichts der großen Bevölkerungszahl Indiens summieren sich die Pro-Kopf-Emissionen jedoch auf 1700 Millionen Tonnen Kohlenstoff - eine Katastrophe für den weltweiten Klimaschutz. Da der wachsende Kohlendioxid-Ausstoß jedoch "nur" global, nicht aber vor Ort Schäden hervorruft, werden Proteste aus der Bevölkerung wohl ausbleiben, meint Prof. P. R. Shukla vom IIM: "Indien wird zuerst seine eigenen Probleme lösen, nicht die der ganzen Welt".

Das prognostische Bild ändert sich, wenn zur Vermeidung von Klimaschäden der Ausstoß von Treibhausgasen eingeschränkt würde - zum Beispiel durch eine Kohlendioxid-Abgabe, die die Kohleverbrennung verteuert. Um Kohlekraftwerke zu ersetzen, gewönnen emissionsfreie Technologien wie Erneuerbare und Kernfusion an Boden. Je nach Höhe der Kohlendioxid-Grenze könnte Fusion in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts bis zu zehn Prozent der Energie erzeugen. Fusionskraftwerke mit einer Gesamtleistung bis zu 70 Gigawatt wären dann am Netz. Die von ihnen erzeugten rund 400 Terrawattstunden Strom entsprächen nahezu der gesamten heutigen Stromerzeugung in Deutschland.

Die für die Langzeitstudie benutzten Rechenverfahren modellieren die künftige Wirtschaftsentwicklung Indiens und die damit einhergehende Energienachfrage. Informationen über die Entwicklung der Energieressourcen, verschiedener Energietechnologien sowie weiterer Faktoren, die den Energiemarkt beeinflussen, fließen aus gesonderten Studien ein. Das Modell sucht dann - unter jeweils vorgegebenen Randbedingungen wie freie Marktentwicklung oder Kohlendioxidbegrenzung - die Kombination von Energietechnologien heraus, bei denen die Gesamtkosten des Systems am niedrigsten sind. "Angesichts des weiten Blicks in die Zukunft von 100 Jahren sollte man die Einzelergebnisse nicht auf die Goldwaage legen", erklärt Dr. Thomas Hamacher vom IPP, der Koordinator der Studie: "Sie macht jedoch deutlich, dass es für das Kohlendioxid-Problem keine schnellen Lösungen gibt - es wird uns langfristig begleiten".


Hintergrund: Fusionskraftwerke sollen nach den Erwartungen der Wissenschaftler der Energiewirtschaft in etwa 50 Jahren zur Verfügung stehen. Sie erzeugen - ähnlich wie die Sonne - Energie aus der Verschmelzung von Atomkernen. Der in weltweiter Kooperation geplante Experimentalreaktor ITER soll demonstrieren, dass dies möglich ist. Die im Rahmen des Europäischen Fusionsprogramms ins Leben gerufenen "Sozio-ökonomischen Forschungen zur Fusion" untersuchen parallel zur physikalisch-technischen Entwicklung die sozialen und wirtschaftlichen Implikationen der neuen Technologie.

Weitere Informationen erhalten Sie von:

Max-Planck-Institut für Plasmaphysik
Abteilung Öffentlichkeitsarbeit
Boltzmannstraße 2
D-85748 Garching
Tel. 089-3299-1288
Fax: 089-3299-2622
E-Mail: Öffentlichkeitsarbeit


Isabella Milch | Max-Planck-Institut für Plasmaph
Weitere Informationen:
http://www.ipp.mpg.de

Weitere Berichte zu: Energiewirtschaft Fusionskraftwerk IPP Klimaschutz Kohle

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave
02.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT

nachricht Europaweite Studie zu Antibiotikaresistenzen in Krankenhäusern
18.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie