Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Krebstherapie kennt kein Einheitsrezept(or)

26.01.2007
Ein und dasselbe Rezeptormolekül kann bei verschiedenen Tumorarten unterschiedliche Funktionen erfüllen und damit Therapiekonzepte in die Irre führen.

Das ist die Kernaussage einer jetzt im British Journal of Cancer (BJC) veröffentlichten Arbeit*. In dieser wurde die Funktion des HER2/neu-Rezeptors in Tumorzellen von Brustkrebs- und Eierstockkrebsgewebe verglichen. Die vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF unterstützte Studie zeigt, dass die durch den Rezeptor regulierten zellulären Prozesse zwischen den verglichenen Krebsarten stark variieren. Da HER2/neu das Ziel einer erfolgreichen Therapie des Brustkrebs ist, hat das Ergebnis große Bedeutung für Konzepte zur Behandlung des Eierstockkrebs.

Brustkrebs und Eierstockkrebs können beide erblich sein; können beide auf dem gleichen genetischen Defekt beruhen und können als Ergebnis beide eine hohe Anzahl des HER2/neu-Rezeptors besitzen. Warum aber reagieren dann nicht beide Krebsarten in gleicher Weise auf eine Blockade dieses Rezeptors? Was in der Therapie des Brustkrebs als größter Erfolg der letzten 20 Jahre zu betrachten ist, scheitert bei der Therapie des Eierstockkrebs. Einen entscheidenden Beitrag zur Klärung des "Warums" liefert nun Dr. Dietmar Pils aus der Arbeitsgruppe von Prof. Michael Krainer, Onkologe an der Klinik für Innere Medizin I, Medizinische Universität Wien.

EIN REZEPTOR. ZWEI WIRKUNGEN

Das Team verglich Gewebeproben von 148 Tumoren des Eierstocks untereinander, mit Ergebnissen von Brustkrebs-Gewebeproben und mit vorhandenen Patientinnen-Daten. Dabei wurden u. a. interessante Abweichungen zu Brustkrebsgewebe festgestellt. Zwar konnte in ca. 25% der Fälle ebenso ein gehäuftes Auftreten des HER2/neu-Rezeptors beobachtet werden (eine bekannte Tatsache), doch ein anderes Signalmolekül (CXCR4) war in Zellen des Eierstockkrebs unbeeinflusst. In Brustkrebszellen, die HER2/neu verstärkt bilden, kommt aber gerade auch CXCR4 häufiger vor als in gesunden Zellen. Tatsächlich ist CXCR4 ein Molekül das mit der Bildung von Metastasen in Verbindung gebracht wird und man vermutet, dass HER2/neu die Bildung von CXCR4 sowohl induziert als auch das Molekül gleichzeitig vor dem Abbau durch Enzyme schützt ­ und damit den Krebs aggressiver (i.e. metastasierend) werden lässt. Die Ergebnisse der Medizinischen Universität Wien zeigen nun, dass beim Ovarialkarzinom diese Signalwirkung des Her/2neu keine Rolle spielt.

MOLEKULARE DIAGNOSTIK OPTIMIERT THERAPIE

Zur Bedeutung dieses Ergebnisses meint Prof. Krainer: "Seit fast zehn Jahren kann man mittels molekularer Diagnostik den erblichen Brustkrebs identifizieren und in der Brustkrebstherapie auf so genannte monoklonale Antikörper zurückgreifen. Der erste für den Einsatz als Medikament zugelassene Antikörper blockiert punktgenau den HER2/neu-Rezeptor und verhindert so ein weiteres Wachstum des Tumors. Ein sehr gutes Beispiel für ein maßgeschneidertes Therapiekonzept. Wie wichtig aber das weitere Differenzieren bei der Krebstherapie ist, zeigt nun unsere Arbeit. Denn obwohl der gleiche monoklonale Antikörper auch bei Zellen des Eierstockkrebs auf diesen Rezeptor passt, bewirkt er dort herzlich wenig. Tatsächlich ist meine Arbeitsgruppe damit befasst durch genau solche Erkenntnisse Grundlagen für Therapieoptimierungen bei der Krebsbehandlung zu schaffen und auch Irrwege aufzuzeigen. Dabei sind wir für die Unterstützung des FWFs sehr dankbar, da der ­ auch monetäre ­ Wert von Grundlagenforschung für das Gesundheitssystem noch nicht voll erkannt zu werden scheint."

Diese vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Studie demonstriert aber sehr klar die unmittelbare Bedeutung, die Erkenntnisse der Grundlagenforschung für die moderne Krebstherapie haben können. Tatsächlich erlauben solche Studien auch aus dem breiten Spektrum an Therapiemöglichkeiten jene Behandlung zu wählen, die individuellen PatientInnen optimale Hilfe verspricht. Denn ein Einheitsrezept zur Behandlung des Krebs gibt es nicht.

*Originalpublikation:

In ovarian cancer the prognostic influence of HER2/neu is not dependent on the CXCR4/SDF-1 signalling pathway. D Pils, A Pinter, J Reibenwein, A Alfanz, P Horak, B C Schmid, L Hefler, R Horvat, A Reinthaller, R Zeillinger & M Krainer. British Journal of Cancer, doi:10.1038/sj.bjc.6603581

Wissenschaftlicher Kontakt:
Prof. Dr. Michael Krainer
Medizinische Universität Wien
1090 Wien
T +43 / 664 / 183 76 77
E michael.krainer@meduniwien.ac.at
Der Wissenschaftsfonds FWF:
Mag. Stefan Bernhardt
Haus der Forschung
Sensengasse 1
1090 Wien
T +43 / 1 / 505 67 40 - 8111
E stefan.bernhardt@fwf.ac.at
Redaktion & Aussendung:
PR&D - Public Relations for Research & Development
Campus Vienna Biocenter 2
1030 Wien
T +43 / 1 / 505 70 44
E contact@prd.at

Michaela Fritsch | PR&D
Weitere Informationen:
http://www.meduniwien.ac.at
http://www.fwf.ac.at

Weitere Berichte zu: Brustkrebs CXCR4 Eierstockkrebs FWF HER2/neu HER2/neu-Rezeptor Krebstherapie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Studie zu Bildungsangeboten für die Industrie 4.0 in Österreich
05.02.2018 | Fachhochschule St. Pölten

nachricht Schildkrötengehirne sind komplexer als gedacht
05.02.2018 | Eberhard Karls Universität Tübingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics