Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Von wegen "Studienabbrecher" - Neue Studie tritt falschen Vorwürfen entgegen

07.02.2002


In der Reihe der "Regensburger Diskussionsbeiträge zur Wirtschaftswissenschaft" hat Prof. Dr. Walter Oberhofer nun eine Studie zur "Studienabbruchquote und Typologie der Studienabbrecher und Hochschulwechsler" vorgelegt, in der es insbesondere um die Berechnung einer statistisch validen Studienabbruchquote für die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Regensburg geht.

In der Presse sorgt die Zahl der sogenannten Studienabbrecher wegen ihrer angeblichen Höhe immer wieder für Schlagzeilen, die ein negatives Licht auf die Hochschulen werfen. So stellte z. B. der Vorsitzende des Hochschulausschusses im Bayerischen Landtag im Juli 2001 fest: "Durchschnittlich ein Drittel aller Studienanfänger bricht das Studium wieder ab". Häufig basieren solche Aussagen über die Studienabbruchquote jedoch auf einer falschen Interpretation bzw. Berechnungsweise, denn nach üblicher Definition sind "Studienabbrecher" Exmatrikulierte, die bis zu ihrem Abgang keine Abschlussprüfung mit Erfolg absolviert haben und ihr Studium nicht fortsetzen. Studienfach-, Studiengang- und Hochschulwechsler sind demnach keine Studienabbrecher, ebenso wenig wie Studierende, die bereits über einen Studienabschluss verfügen und ein weiteres Studium abbrechen.

Von der Abbruchquote zu unterscheiden ist die Schwundquote, die angibt, welcher Anteil von Studierenden beim Übergang von einem Semester zum nächsten per Saldo übrig bleibt. Rückschlüsse auf die Zahl der Studienabbrecher lässt diese Schwundquote nicht zu, auch wenn sie immer wieder für eine Quantifizierung herangezogen wird.

In der Reihe der "Regensburger Diskussionsbeiträge zur Wirtschaftswissenschaft" hat Prof. Dr. Walter Oberhofer nun eine Studie zur "Studienabbruchquote und Typologie der Studienabbrecher und Hochschulwechsler" vorgelegt, in der es insbesondere um die Berechnung einer statistisch validen Studienabbruchquote für die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Regensburg geht. Dabei werden Daten sowohl aus der Exmatrikulationsstatistik zu Grunde gelegt als auch aus einer eigens dazu durchgeführten Befragung. Die Daten beziehen sich teils auf das Hochschuljahr 1999/2000 und teils auf das Jahr 2000.Unter der Annahme, dass das für das Jahr 2000 festgestellte semesterspezifische Abgängerverhalten auch für die Zukunft gilt, können für einen im Jahr 2000 beginnenden fiktiven Studienjahrgang mit einem geplanten Diplomabschluss die folgenden Aussagen getroffen werden:

49 % der Studierenden schließen ihr Studium in Regensburg mit dem Diplom ab,
36 % sind Studienwechsler und


15 % bilden die Studienabbrecher.

Genauso wie eine hohe Studienabbruchquote wird auch eine hohe Studienwechslerquote oft als Indikator für Mängel in der Lehre und der Betreuung der Studierenden einer Fakultät angesehen. Dazu wäre aber der Studienwechslersaldo besser geeignet. Das Problem ist jedoch, dass sich Studienwechsler in aller Regel in der Zugangsfakultät in das erste Fachsemester einschreiben und von außerhalb der Universität kommende Studienwechsler zu den normalen Studienanfängern gerechnet und nicht getrennt erfasst werden.

Die uni-internen Wechslerbewegungen sind aber bekannt. Im Jahre 2000 stehen den 116 uni-internen Zugängen nur 80 uni-interne Abgänge aus der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät gegenüber. Die hohen Wechslerbewegungen dürften Ausdruck von Schwierigkeiten der Studierenden sein, das für sie geeignete Studium zu finden. Es muss aber festgehalten werden, dass die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät bei den uni-internen Studienwechslern per Saldo mehr Studierende gewinnt als verliert.

Bei einer Untersuchung, die Prof. Dr. Alfred Hamerle mit anderen 1994 durchführte, ergab sich für die Abbruchquote der BWL-Studenten der Universität Regensburg ein vergleichbarer Wert von 12 %. Dabei erfolgte die Berechnung mit einer sehr aufwendigen Datenerhebung von mehreren Studienjahrgängen. In der vorliegenden Studie finden sich unter den Studienabbrechern 36 % in beruflicher Ausbildung, 53 % im Beruf und 8 % sind arbeitslos. Vom Rest liegt keine Antwort vor. Dabei muss erwähnt werden, dass von den in der Befragung erfassten vier Arbeitslosen zwei angaben, dass sie eine Internetfirma gegründet haben und damit in Konkurs gegangen sind.

Sofern die Studienabbruchquote als Indikator für die Qualität einer Fakultät in Lehre und Betreuung der Studenten verwendet wird, sind einige Einschränkungen angebracht. Es kann nicht das Ziel einer Fakultät sein, alle Studierenden, die ein Studium beginnen, unabhängig von ihrer Qualifikation zu einem Studienabschluss zu führen. Dies trifft besonders auf Fakultäten zu, die wie die Wirtschafts-wissenschaftliche Fakultät überlaufen sind und oft nicht aus Neigung oder Begabung, sondern wegen der guten beruflichen Aussichten gewählt werden. Andere Studierende brechen ihr Studium wegen "höherer Gewalt" ab, z. B. aus finanziellen Gründen oder wegen einer Heirat oder der Notwendigkeit, den Familienbetrieb zu übernehmen. Die guten beruflichen Aussichten, auch ohne einen Abschluss, können ebenso Ursache eines Studienabbruchs sein. Ein Indiz dafür sind die beiden Abbrecher, die ihr Studium aufgegeben haben, um eine Internetfirma zu gründen.

Abgesehen davon, dass die Abbruchquote in der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät keineswegs die oft angeführte Höhe aufweist, sind die vorgebrachten Argumente zu beachten, wenn die offizielle Studienabbruchquote verwendet wird, um eine Aussage über die Qualität der Fakultät bezüglich Lehre und Betreuung der Studierenden zu treffen.

Eine solche Aussage von Seiten der Betroffenen hat wesentlich mehr Gewicht. Dazu wurde in der Datenerhebung die Frage aufgenommen, ob an Freunde eine Empfehlung für ein Studium der Wirtschaftswissenschaften in Regensburg abgegeben werden könnte. Von den Studienabbrechern wären 52 % bereit, eine solche Empfehlung abzugeben, 36 % wären unentschieden und nur etwa 6 % würden abraten. Vom Rest liegt keine Antwort vor. Bei den Hochschulwechslern sieht die Situation etwas anders aus. Hier gäben 37 % eine Empfehlung ab, 42 % enthielten sich und 17 % rieten ab.

Kontakt:
Prof. Dr. Walter Oberhofer, Lehrstuhl für Ökonometrie, Universität Regensburg
Tel. (0941) 943 2736/2737


E-Mail: walter.oberhofer@wiwi.uni-regensburg.de

Dr./M.A. Rudolf F. Dietze | idw

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Neue Studie „Education first! Bildung entscheidet über die Zukunft Sahel-Afrikas“
29.11.2017 | Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

nachricht Zukunftsstudie zum Autoland Saarland veröffentlicht
29.11.2017 | Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Im Focus: First-of-its-kind chemical oscillator offers new level of molecular control

DNA molecules that follow specific instructions could offer more precise molecular control of synthetic chemical systems, a discovery that opens the door for engineers to create molecular machines with new and complex behaviors.

Researchers have created chemical amplifiers and a chemical oscillator using a systematic method that has the potential to embed sophisticated circuit...

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltrekord: Jülicher Forscher simulieren Quantencomputer mit 46 Qubits

15.12.2017 | Informationstechnologie

Wackelpudding mit Gedächtnis – Verlaufsvorhersage für handelsübliche Lacke

15.12.2017 | Verfahrenstechnologie

Forscher vereinfachen Installation und Programmierung von Robotersystemen

15.12.2017 | Energie und Elektrotechnik