Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Einfühlsame, verantwortungsbewusste und anstrengungsbereite Jugend

22.11.2006
Kinder und Jugendliche in der Schweiz sind entgegen den Erwartungen in einem hohen Mass einfühlsam und verantwortungsbewusst. Dasselbe gilt für die Bereitschaft, sich anzustrengen. Dies sind Ergebnisse der ersten interdisziplinären Schweizer Langzeitstudie COCON, welche von der Soziologin Prof. Marlis Buchmann und ihrem Team vom Jacobs Center for Productive Youth Development der Universität Zürich durchgeführt wird.

Der Kinder- und Jugendsurvey COCON erforscht erstmals und vergleichend die Lebensverhältnisse, Lebenserfahrungen und die psychosoziale Entwicklung von insgesamt mehr als 3?000 Heranwachsenden. Vergleichend werden drei prototypische Stadien des Aufwachsens untersucht: mittlere Kindheit (6-jährige), mittlere Adoleszenz (15-jährige) und spätes Jugend- bzw. frühes Erwachsenenalter (21-jährige). Die Studie ist von einmaliger Bedeutung für die Schweiz, weil Informationen zu den Lebensverhältnissen von Kindern und Jugendlichen geliefert werden, die auf nationaler Ebene bisher gefehlt haben ? und sie liefert Anschlussmöglichkeiten für internationale Vergleiche im Bereich der Lebenslaufforschung von Kindern und Jugendlichen.

Die Entwicklung von sozialen Kompetenzen

Prof. Buchmann und ihr Team vom Jacobs Center der Universität Zürich weist nach, dass Heranwachsende in der Schweiz über ein erstaunlich hohes Mass an sozialen Kompetenzen wie Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein verfügen. Das Mitgefühl nimmt zwischen der mittleren Kindheit und der Adoleszenz stark zu und bleibt anschliessend bis ins junge Erwachsenenalter relativ konstant erhalten. Erstaunlicherweise ? und entgegen weit verbreiteter Annahmen ? sind sich 6-jährige Mädchen und Knaben in der Entwicklung von Mitgefühl sehr ähnlich. Dass 15- und 21-jährige Frauen deutlich mehr Mitgefühl als 15- und 21-jährige Männer haben, spricht dafür, dass der weibliche Vorsprung im Mitgefühl auch zu einem starken Anteil anerzogen wird.

Die Entwicklung von produktiven Kompetenzen

Bei der Erforschung der produktiven Kompetenz "Anstrengungsbereitschaft" konnten die Forscherinnen und Forscher der Universität Zürich zeigen, dass 15-jährige sehr anstrengungsbereit sind, diese Kompetenz bei den 21-jährigen aber noch deutlich grösser ist. Die Studie widerlegt damit das Vorurteil, junge Leute seien weder anstrengungsbereit noch leistungsbewusst. Während sich 15-jährige Mädchen wesentlich anstrengungsbereiter einschätzen als gleichaltrige Jungen, so schwindet dieser Geschlechtsunterschied im jungen Erwachsenenalter weitgehend: 21-jährige Männer erreichen annähernd dieselben hohen Werte wie die gleichaltrigen Frauen. "Offensichtlich wollen Mädchen schon in der Schule ihren vollen Einsatz bieten und gute Leistungen erbringen, während Jungen erst in der späteren Phase des Aufwachsens ihre Anstrengungsbereitschaft erhöhen.", sagt Prof. Buchmann. Dieser Geschlechtsunterschied könnte aber auch eine Konsequenz des unter Jungen in der Pubertät eher verbreiteten Verhaltensmuster des coolen Typs sein, demzufolge man(n) nicht als Streber gelten will. Eventuell strengen sich Jungen erst in einem spezialisierten, ihren Interessen angepassteren Umfeld wie in einer Berufslehre wirklich an.

Die Bedeutung von Lern- und Erfahrungsräumen

Aufschlussreiche Erkenntnisse liefert die Studie zur Bedeutung, die ausserschulische Lern- und Erfahrungsräume wie Familie, Freundeskreis und Freizeit für die Entwicklung sozialer und produktiver Kompetenzen spielen. Für eine gelingende Entwicklung der sozialen Kompetenz "Mitgefühl" ist insbesondere die Erschliessung von neuen Lern- und Lebenswelten massgeblich. Erstaunlich wichtig und prägend für den Entwicklungsstand des Mitgefühls in allen drei Phasen des Aufwachsens ist die emotionale Verbundenheit zwischen Eltern und Kindern sowie ? bei Kindern ? eine Erziehungshaltung, welche das Explorieren und Erschliessen von neuen Bereichen fördert.

Auch die Freizeit ist bereits in der Kindheit bedeutsam für die soziale Kompetenzentwicklung: So haben Kinder, die sich mit verschiedenen Freizeitaktivitäten beschäftigen, ein hohes Ausmass an Mitgefühl. Interessant ist, dass vor allem das Musizieren in der Freizeit sehr positiv auf das Mitgefühl von 6-jährigen wirkt. Ein überraschendes Resultat mit hoher praktischer Relevanz für den öffentlichen Diskussion zur idealen Betreuungsform liefern die Forschenden der Universität Zürich zum Thema Kinderbetreuung: Kinder, die nicht ausschliesslich in der Kernfamilie betreut werden, verfügen über mehr Mitgefühl als Kinder, die nur im engsten Familienkreis betreut sind.

Zur Entwicklung der produktiven Kompetenzen leistet insbesondere die Schule einen entscheidenden Beitrag. Überraschenderweise wird aber die Anstrengungsbereitschaft nicht vom schulischen Niveau oder von der schulischen Leistung beeinflusst. Ausschlaggebend scheint zu sein, wie Jugendliche ihr schulisches Umfeld wahrnehmen. Entscheidend für die eigene Anstrengungsbereitschaft sind positive Rückmeldungen seitens der Lehrperson und der Mitschülerinnen und Mitschüler.

Mitgefühl und Berufswahl

Die Studie zeigt schliesslich, wie sich ein hohes sozialen Kompetenzniveau auf die Berufswahl von Jugendlichen auswirkt ? und widerlegt ein altes Vorurteil: 15-jährige Mädchen mit viel Mitgefühl wünschen sich nicht häufiger Frauenberufe als andere. Dies weist darauf hin, dass die häufige Ergreifung typischer Frauenberufe von vielen Mädchen eher das Ergebnis von sozialen Entscheidungsprozessen wie der Stellenvergabe darstellt.

Beat Müller | idw
Weitere Informationen:
http://www.jacobscenter.unizh.ch
http://www.jacobscenter.unizh.ch/research/context_competence/index.html

Weitere Berichte zu: Anstrengungsbereitschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Diabetesmedikament könnte die Heilung von Knochenbrüchen verbessern
17.03.2017 | Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke

nachricht Soziale Phobie: Hinweise auf genetische Ursache
10.03.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

Zweites Symposium 4SMARTS zeigt Potenziale aktiver, intelligenter und adaptiver Systeme

27.03.2017 | Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fließender Übergang zwischen Design und Simulation

27.03.2017 | HANNOVER MESSE

Industrial Data Space macht neue Geschäftsmodelle möglich

27.03.2017 | HANNOVER MESSE

Neue Sicherheitstechnik ermöglicht Teamarbeit

27.03.2017 | HANNOVER MESSE