Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Lohnspreizung in Deutschland so groß wie in Großbritannien - Analyse zu Niedriglöhnen und Beschäftigung

14.11.2006
Der Abstand von niedrigen zu mittleren und hohen Löhnen hat in Deutschland während der 90er Jahre sehr stark zugenommen.

Mittlerweile ist die so genannte "Lohnspreizung" größer als in vielen anderen nord- und westeuropäischen Ländern. Gleichzeitig stieg die Arbeitslosigkeit unter Personen ohne Berufsabschluss in Deutschland erheblich. Die Entwicklung steht im Widerspruch zur verbreiteten These, dass gering Qualifizierte bessere Beschäftigungschancen haben, wenn ihre Löhne vergleichsweise niedrig sind.

Dieser Widerspruch ist kein Einzelfall. Auch in anderen europäischen Ländern oder in den USA lässt sich kein Beleg dafür finden, dass eine geringe Lohnspreizung Arbeitsplätze im Niedriglohnbereich vernichtet - wohl aber zahlreiche Indizien, die diesem Zusammenhang widersprechen. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie von Prof. Dr. Ronald Schettkat.

In der von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Untersuchung analysiert der Wuppertaler Professor für Volkswirtschaftslehre den aktuellen Stand empirischer Forschung zum Zusammenhang von Lohnspreizung und Beschäftigung. Dabei zeigt sich: Schon die Behauptung, Tarifsystem und staatliche Transfers führten in Deutschland zu einer besonders "komprimierten" Struktur der Löhne, die wiederum die Arbeitsmarktchancen von gering Qualifizierten schmälere, ist längst überholt: "Die Diagnose einer relativ engen, stabilen deutschen Lohnstruktur beruht offenbar auf einer Begrenzung der Analysezeitraumes bis Mitte der 1990er Jahre einerseits und auf einer Eingrenzung des analysierten Personenkreises auf vollzeiterwerbstätige Männer andererseits", schreibt Schettkat. Tatsächlich arbeiten in Deutschland überproportional viele Frauen und Teilzeitkräfte für Niedriglöhne. Wer diese Gruppen ausklammert, kann den Niedriglohnsektor in Deutschland nicht richtig erfassen.

Ein nach Schettkats Analyse realistisches Bild liefert die europäische Statistikbehörde Eurostat. Die Statistiker der EU untersuchten 2005 die Lohnstrukturen in den Mitgliedstaaten. Dabei verglichen sie die zehn Prozent der niedrigsten Arbeitseinkommen mit jenen, die auf der Lohnskala im oberen Bereich rangieren. Das Ergebnis: Deutschland lag gleichauf mit Großbritannien, dem Land, das, so Schettkat "bisher als Spitzenreiter hinsichtlich der Lohnspreizung in Westeuropa galt." Setzt man die untersten zehn Prozent mit den mittleren Einkommen ins Verhältnis, weist Deutschland sogar die größte Spreizung in Westeuropa auf.

Auch im Vergleich zu den Vereinigten Staaten erscheint die deutsche Lohnstruktur nicht "gestaucht". In den USA gibt es zwar insgesamt betrachtet eine größere Lohnspreizung. Doch diese beruht auch auf der großen Spanne innerhalb der Spitzeneinkommen. Der Lohnabstand zwischen ungelernten Arbeitnehmern und ihren Kollegen mit Berufsausbildung ist in Deutschland deutlich größer als in Amerika, so Schettkats Analyse. Im unteren Lohnbereich liegen sowohl der gesetzliche US-Mindestlohn als auch das als faktischer Mindestlohn geltende Arbeitslosengeld II in Deutschland ungefähr gleich hoch - bei einem Drittel des Durchschnittslohns.

Amerikanische Untersuchungen fanden zudem keinerlei Belege dafür, dass zu hohe Löhne einfache Beschäftigung verhinderten. So sanken in den 80er Jahren die realen US-Mindestlöhne, aber der Anteil gering Qualifizierter an den Beschäftigten stieg nicht an. Wenn sich der US-Mindestlohn hingegen erhöhte, ging das nicht mit Beschäftigungsverlusten einher. Stattdessen rückte die Lohnverteilung zusammen. "Die höhere Dichte nach Anhebung der Mindestlöhne ist ein Indiz dafür, dass Jobs mit Löhnen unterhalb des neuen Mindestlohns nicht einfach wegfallen, sondern vielmehr auf den Mindestlohn angehoben werden", analysiert der Ökonom Schettkat.

Die Ergebnisse legen nahe, dass nicht die deutsche Lohnstruktur die überproportionale Arbeitslosigkeit unter gering Qualifizierten verursacht. Entscheidend sei vielmehr ein anderer Faktor, so Schettkat. Der technische Fortschritt erfordere immer mehr qualifizierte Arbeit. Deshalb würden in allen hoch industrialisierten Volkswirtschaften weniger Menschen mit geringerer Ausbildung beschäftigt.

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/fix/niedriglohn
http://www.boeckler.de/cps/rde/xchg/hbs/hs.xsl/320_84396.html
http://www.boeckler.de/cps/rde/xchg/hbs/hs.xsl/32014_84219.html

Weitere Berichte zu: Lohnspreizung Lohnstruktur Mindestlohn Niedriglohn

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave
02.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT

nachricht Europaweite Studie zu Antibiotikaresistenzen in Krankenhäusern
18.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Was nach der Befruchtung im Zellkern passiert

06.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Tempo-Daten für das „Navi“ im Kopf

06.12.2016 | Medizin Gesundheit

Patienten-Monitoring in der eigenen Wohnung − Sensorenanzug für Schlaganfallpatienten

06.12.2016 | Medizintechnik