Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie war doch gleich Ihr Name?

09.11.2006
Saarbrücker Gedächtnisforscher dem Erinnern auf der Spur: Neue Erkenntnisse in Studie vorgestellt

Das menschliche Gedächtnis verleiht uns die Fähigkeit zum Wiedererkennen, also dazu, bewusst zwischen bereits bekannten Ereignissen und neuen Informationen unterscheiden zu können. Mit einem eigens entwickelten Gedächtnistest konnten Neuropsychologen der Universität des Saarlandes nun nachweisen, dass beim Erinnerungsvermögen im Gehirn zwei unterschiedliche Gedächtnisformen zusammenspielen. Je nach Situation entstehen unsere Erinnerungen entweder aus einem Gefühl der Vertrautheit oder basieren auf dem bewussten Wiedererkennen früherer Ereignisse.

"Wie war doch gleich Ihr Name?" Ein typisches Beispiel für vertrautheitsbasiertes Wiedererkennen ist die mitunter peinliche Situation, in der uns eine Person bekannt vorkommt, wir aber nicht wissen, wie diese Person heißt und wann und wo wir sie zum letzten Mal gesehen haben. Ein solches Vertrautheitssignal wird im Gehirn vermutlich in einer speziellen Region, dem so genannten rhinalen Kortex im Schläfenlappen, erzeugt. Hier erkennt unser Gedächtnis zusammengehörige Merkmale einer einzelnen Person, wie bei Herrn Müller den gezwirbelten Schnurrbart und seinen Tiroler Hut, und zeigt uns dies durch das Vertrautheitsgefühl an.

Die Erinnerung daran, dass wir Herrn Müller beim letzten Sonntagsspaziergang im Park begegnet sind, kann von dieser Hirnregion (rhinaler Kortex) allerdings weder erzeugt noch reaktiviert werden. Derartige Verknüpfungen zwischen beliebigen Merkmalen oder Ereignissen kommen erst durch rekollektionsbasiertes Wiedererkennen zustande. Dieser Prozess erfordert die Herstellung und den Abruf von Verknüpfungen zwischen beliebig gepaarten Ereignissen (Herr Müller und Sonntagsspaziergang). Er ist für das Gehirn aufwändiger und wird wahrscheinlich von der sog. Hippokampus-Formation erzeugt, die sich ebenfalls im Schläfenlappen befindet.

Neuer Gedächtnis-Test entwickelt

Wie das Erinnerungsvermögen des Gehirns genau funktioniert, ist in der Gedächtnisforschung noch immer umstritten. Lange Zeit vorherrschende Modelle nahmen an, dass das Wiedererkennen durch eine Reaktivierung einer mehr oder minder stark ausgeprägten Gedächtnisspur, sozusagen einem mehr oder minder tiefen "Fußabdruck" der Erinnerung im Gehirn, zustande kommt. Andere Modelle, sog. "Zwei-Prozess-Theorien", gehen hingegen davon aus, dass es zwei unterschiedliche Gedächtnisprozesse gibt, auf denen das Wiedererkennen basiert. Dabei handelt es sich um die eben geschilderten Prozesse der "Vertrautheit" und der "Rekollektion" (bewusstes Wiedererkennen).

Mit einem von den Neuropsychologen der Universität des Saarlandes neu entwickelten Verfahren lassen sich diese beiden Teilaspekte des Wiedererkennens nun getrennt untersuchen. Dazu wurden die Versuchsteilnehmer gebeten, sich die Gesichter von zwei Personen (z.B. Herr Müller und Frau Schmitz) oder zwei verschiedene Aufnahmen des Gesichts derselben Person (Herr Müller im Skiurlaub und bei einer Geburtstagsfeier) einzuprägen. Während der Bearbeitung dieser Gedächtnisaufgaben wurde bei den Versuchsteilnehmern die Gehirnaktivität aufgezeichnet. So war es möglich, auf der Kopfhaut messbare, kleine elektrische Spannungsveränderungen, die z.B. beim Wiedererkennen einer Person im Gehirn entstehen, zu messen. Dabei handelt es sich um die sog. "ereigniskorrelierten Gehirnpotentiale" (EKP), die jeweils mit bestimmten kognitiven Vorgängen zusammen auftreten.

Zweigleisige Gedächtnisspur

Die Ergebnisse dieser Gedächtnisuntersuchungen konnten eindeutig zeigen, dass unsere Erinnerungen eben nicht nur auf eine einzige Gedächtnisspur zurückgehen. Diese Theorie gehört damit der Vergangenheit an. Denn wie die Gedächtnisforscher aus Saarbrücken herausfanden, führen zwei verschiedene Erinnerungswege zum Ziel: Vertrautheit und Rekollektion.

Man spricht in diesem Falle von einer doppelten Dissoziation: Beim Wiedererkennen der Aufnahmen zweier Personen fand sich im Gehirn ein zeitlich später Gedächtniseffekt über dem Scheitellappen. Dieser Effekt spiegelt das rekollektionsbasierte, bewusste Wiedererkennen von früheren Ereignissen wider. Dagegen zeigten die Hirnstrommessungen beim Wiedererkennen der beiden Aufnahmen derselben Person ausschließlich einen zeitlich frühen Gedächtniseffekt über dem Stirnlappen (Vertrautheit). Also geht die eine Erinnerungsform nur mit einem bestimmten Gedächtniseffekt einher, nicht aber mit einem anderen, während für die andere Erinnerungsform genau das Umgekehrte gilt. Interessanterweise beobachteten die Forscher auch, dass mittels Hirnstrommessungen schon beim Einprägen der Gesichter vorhersagbar ist, ob eine Paarung von Gesichtern später wiedererkannt wird oder nicht.

Ökonomisches Prinzip

Unser Gedächtnis arbeitet also nach einem sehr ökonomischen Prinzip: Situationen und zusammengehörende Merkmale können von unserem Gehirn schnell und ohne großen Aufwand als vertraut eingeordnet werden: Begegnen wir beispielsweise Herrn Müller, erkennen wir ihn zwar aufgrund seines Tiroler Hutes und seines Schnurrbarts wieder, ohne dass uns jedoch sein Name eingefallen wäre (vertrautheitsbasiertes Wiedererkennen).

In Situationen, in denen solche Vertrautheitssignale nicht zur Verfügung stehen, werden unter höherem Aufwand Verknüpfungen verschiedenster Merkmale aus dem Gedächtnis abgerufen. Dadurch gelingt es uns, Herrn Müller beim nächsten Sonntagsspaziergang im Park mit seinem Namen zu begrüßen (rekollektionsbasiertes Wiedererkennen). Dies kann je nach Situation und Gedächtnisinhalt unterschiedlich gut gelingen.

Die vollständige Studie der Autoren Theo Jäger, Axel Mecklinger und Kerstin Kipp erscheint unter dem Titel "Intra- and Inter-Item Associations Doubly Dissociate the Electrophysiological Correlates of Familiarity and Recollection" am 9. November in der renommierten neurowissenschaftlichen Fachzeitschrift "Neuron".

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an:
Prof. Dr Axel Mecklinger
Tel. (0681) 302-6510/6515
E-Mail: mecklinger@mx.uni-saarland.de
Internet: http://www.neuro.psychologie.uni-saarland.de
Prof. Dr. Axel Mecklinger leitet die Arbeitseinheit Experimentelle Neuropsychologie an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. Sein Team untersucht schwerpunktmäßig den Zusammenhang zwischen der Aktivität des Gehirns und verschiedenen Gedächtnisvorgängen. Zu seinen Fragestellungen gehören etwa "Wie entwickelt sich das Gedächtnis in der Kindheit?"; "Welchen Einfluss haben Emotionen auf das Erinnerungsvermögen?"; "Wie funktioniert das unbewusste Gedächtnis?" oder "Wie altert das Gedächtnis?".

Gerhild Sieber | idw
Weitere Informationen:
http://www.neuro.psychologie.uni-saarland.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Erste großangelegte Genomstudie prähistorischer Skelette aus Afrika
27.09.2017 | Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte / Max Planck Institute for the Science of Human History

nachricht Wie gesund werden wir alt?
18.09.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Im Focus: Neutron star merger directly observed for the first time

University of Maryland researchers contribute to historic detection of gravitational waves and light created by event

On August 17, 2017, at 12:41:04 UTC, scientists made the first direct observation of a merger between two neutron stars--the dense, collapsed cores that remain...

Im Focus: Breaking: the first light from two neutron stars merging

Seven new papers describe the first-ever detection of light from a gravitational wave source. The event, caused by two neutron stars colliding and merging together, was dubbed GW170817 because it sent ripples through space-time that reached Earth on 2017 August 17. Around the world, hundreds of excited astronomers mobilized quickly and were able to observe the event using numerous telescopes, providing a wealth of new data.

Previous detections of gravitational waves have all involved the merger of two black holes, a feat that won the 2017 Nobel Prize in Physics earlier this month....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mobilität 4.0: Konferenz an der Jacobs University

18.10.2017 | Veranstaltungen

Smart MES 2017: die Fertigung der Zukunft

18.10.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Dezember 2017

17.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

18.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Biokunststoffe könnten auch in Traktoren die Richtung angeben

18.10.2017 | Messenachrichten

»ILIGHTS«-Studie gestartet: Licht soll Wohlbefinden von Schichtarbeitern verbessern

18.10.2017 | Energie und Elektrotechnik