Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

"Die sind froh, wenn ich weg bin" - Verbleibsstudie über ehemalige Bundestagsabgeordnete

07.11.2006
Ausgeschiedene Bundestagsabgeordnete tun sich vielfach schwer, wieder im Alltag beruflich und persönlich Fuß zu fassen - unabhängig von Alter, Geschlecht und Parteizugehörigkeit. Gelegentlich haben sie materielle Sorgen, häufig aber Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl.

Zu diesem Ergebnis gelangt die Sozialwissenschaftlerin Dr. Maria Kreiner in ihrer Dissertation, die sie kürzlich im Fach Politikwissenschaft an der Universität Oldenburg abgeschlossen hat und die jetzt als Buch erschienen ist ("Amt auf Zeit. Eine Verbleibsstudie über ehemalige Bundestagsabgeordnete", Nomos Verlag, Baden-Baden). Kreiner ist zurzeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Osnabrück tätig.

Die Pilotstudie, die von Prof. Dr. Karl-Heinz Naßmacher betreut wurde, untersuchte anhand von 38 anonymisierten Interviews den beruflichen und politischen Verbleib ehemaliger Abgeordneter, die 1994 und 1998 aus dem Bundestag ausschieden. 21 von ihnen kandidierten nicht wieder, die anderen wurden nicht wiedergewählt. Die Befragten (zwölf weiblichen, 26 männlichen Geschlechts) gehörten allen im Bundestag vertretenen Parteien an.

Der Mandatsverlust sei "ein wahnsinnig tiefer Einschnitt in die Persönlichkeit gewesen", äußerte ein "Ehemaliger", den müsse man "erst mal verkraften, da muss man auch stark sein." Der "Einschnitt" erklärt sich vor allem durch den langen und oft steinigen Weg zum Mandat, wie eine Interviewpartnerin - quasi stellvertretend für ihre Kolleginnen und Kollegen - deutlich machte: "Ein Bundestagsmandat ist praktisch der Höhepunkt in der politischen Karriere. Es ist so, dass man das nur erreicht nach unendlichen Jahren, auch unter Zurückstellung aller möglichen eigenen Vorstellungen. Man muss also jahrelang Zettel verteilen und sich die dümmsten Veranstaltungen antun, bis man da mal in die Weihen kommt."

Problematisch empfinden viele ehemalige Abgeordnete ihren gesellschaftlichen Status, der für die Umwelt untrennbar mit ihrem Bundestagsdasein verbunden bleibe: "In dem Moment, wo Sie sagen, dass Sie Abgeordnete waren, haben Sie die ganze Vorurteilslandschaft, die in den Köpfen der Menschen existiert, am Hals. Sie sind nicht mehr ein normaler Mensch, Sie sind irgendwas anderes, was auch immer." Ähnlich resümierte eine Befragte "Einen Rückschritt gibt es da nicht mehr. Ich werde den Rest meines Lebens als ehemalige Politikerin verbringen."

Zu ihrer Überraschung stieß die Autorin auch auf einige "materielle Problemfälle" ehemaliger Bundestagsabgeordneter, die z.T. sogar von Arbeitslosigkeit betroffen waren. Das Bundestagsmandat, stellte ein Interviewpartner fest, sei eben "nur ein Vierjahresvertrag". Schwierig sei die Situation vor allem für Abgeordnete, die nicht dem öffentlichen Dienst angehörten und nicht einfach auf ihren Arbeitsplatz zurückkehren könnten, so Kreiner. Das Übergangsgeld nach dem Mandat, das teilweise nur vier Monate gezahlt werde, reiche manchmal nicht aus, eine Zeit ohne Beschäftigung zu überbrücken.

Hinzu komme, dass die politische Karriere für den Wiedereinstieg in das Berufsleben im Bereich mittlerer Positionen sogar hinderlich sein könne. So kam eine Befragte, die nach dem Mandatsverlust längere Zeit arbeitslos war, zu dem Schluss: "Ich habe ja nicht das Problem, dass ich nichts kann, sondern ich bin überqualifiziert." Die Bundestagstätigkeit fördere ein persönliches Profil, das bei Positionen der mittleren Ebene nachteilig sei: "Man hat ein Profil und das Profil beinhaltet, dass man eben nicht angepasst ist und mutig ist und sich anlegt mit Leuten. Und das ist der weiteren beruflichen Karriere überhaupt nicht förderlich. Es ist genau das Gegenteil von dem, was im Berufsleben erwünscht ist."

Von nahezu allen Befragten, gleich welcher Partei, wurde die Rolle der Parteien beim beruflichen Wiedereinstieg nach dem Mandatsende negativ beurteilt. So antwortete ein Befragter, der einer großen Partei angehört, auf die Frage, ob er nach dem Mandatsverlust Unterstützung von seiner Partei erfahren hätte: "Die eigene Partei hat sich einen feuchten Kehricht um mich gekümmert." Ähnlich äußerte sich eine ehemalige Abgeordnete einer kleinen Partei: "Es ist nicht so, dass die Parteikollegen etwas für einen tun wollen. Die, die jetzt noch aufsteigen wollen, sind froh, wenn ich weg bin."

Insgesamt räume die Untersuchung mit Vorurteilen gegenüber ehemaligen Berufspolitikern auf, resümiert Kreiner. Die Vorstellung, dass man mit einem Bundestagsmandat für alle Zeit finanziell abgesichert sei und "ein schönes Leben" ohne irgendwelche Probleme führen könne, sei in dieser Verallgemeinerung mit Sicherheit falsch. Ein Interviewpartner habe es drastisch auf den Punkt gebracht: "Man sieht nur immer die, die ordentlich kassieren, aber das Heer derjenigen, die auf die Nase fallen, sieht man nicht."

Kontakt: Dr. Maria Kreiner, Universität Osnabrück, Fachbereich Sozialwissenschaften, Tel.: 0541/969-4243, E-Mail: mkreiner@uni-osnabrueck.de

Prof. Dr. Karl-Heinz Naßmacher, Universität Oldenburg, Institut für Politikwissenschaft, Tel.: 0441/798-2171, E-Mail: edf@uni-oldenburg.de

Gerhard Harms | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-oldenburg.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Zirkuläre Wirtschaft: Neues Wirtschaftsmodell für die chemische Industrie?
28.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Unternehmen entwickeln sich zu Serviceanbietern
25.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wissenschaftler entdecken seltene Ordnung von Elektronen in einem supraleitenden Kristall

In einem Artikel der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins „Nature“ berichten Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden von der Entdeckung eines seltenen Materiezustandes, bei dem sich die Elektronen in einem Kristall gemeinsam in einer Richtung bewegen. Diese Entdeckung berührt eine der offenen Fragestellungen im Bereich der Festkörperphysik: Was passiert, wenn sich Elektronen gemeinsam im Kollektiv verhalten, in sogenannten „stark korrelierten Elektronensystemen“, und wie „einigen sich“ die Elektronen auf ein gemeinsames Verhalten?

In den meisten Metallen beeinflussen sich Elektronen gegenseitig nur wenig und leiten Wärme und elektrischen Strom weitgehend unabhängig voneinander durch das...

Im Focus: Wie ein Bakterium von Methanol leben kann

Bei einem Bakterium, das Methanol als Nährstoff nutzen kann, identifizierten ETH-Forscher alle dafür benötigten Gene. Die Erkenntnis hilft, diesen Rohstoff für die Biotechnologie besser nutzbar zu machen.

Viele Chemiker erforschen derzeit, wie man aus den kleinen Kohlenstoffverbindungen Methan und Methanol grössere Moleküle herstellt. Denn Methan kommt auf der...

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

International führende Informatiker in Paderborn

21.08.2017 | Veranstaltungen

Wissenschaftliche Grundlagen für eine erfolgreiche Klimapolitik

21.08.2017 | Veranstaltungen

DGI-Forum in Wittenberg: Fake News und Stimmungsmache im Netz

21.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer IPM präsentiert »Deep Learning Framework« zur automatisierten Interpretation von 3D-Daten

22.08.2017 | Informationstechnologie

Globale Klimaextreme nach Vulkanausbrüchen

22.08.2017 | Geowissenschaften

RWI/ISL-Containerumschlag-Index erreicht neuen Höchstwert

22.08.2017 | Wirtschaft Finanzen