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Riskante Teilung

24.10.2006
Tablettenteilung ist weit verbreitet, kann aber gefährlich sein und wird oft unsachgemäß ausgeführt / Studie der Heidelberger Klinischen Pharmakologen im "European Journal of Clinical Pharmacology"

Tablettenteilung ist in Deutschland häufig: Etwa ein Viertel aller Tabletten werden von ambulant behandelten Patienten vor ihrer Einnahme geteilt. Dies ist jedoch nicht immer unproblematisch, denn knapp 10 Prozent der zum Teilen verordneten Tabletten haben keine Bruchkerbe, so dass eine präzise Teilung schwierig ist. Bei ungefähr 4 Prozent ist die Teilung sogar gefährlich für den Patienten. Für mehr als die Hälfte der geteilten Tabletten ohne Bruchkerbe stehen geeignete Medikamente als Alternative zur Verfügung, bei denen auf eine Teilung verzichtet werden kann und die oft sogar kostengünstiger sind.


Wie werden Tabletten mit Kerbe geteilt ?
Abb.: Universitätsklinikum Heidelberg / Therapeutische Umschau

Dies sind die Ergebnisse einer Untersuchung, die Wissenschaftler des Universitätsklinikums Heidelberg im "European Journal of Clinical Pharmacology" veröffentlicht haben. Die Heidelberger Wissenschaftler haben insgesamt 905 ambulante Patienten, die mindestens drei Medikamente einnahmen, zu ihrer Einnahme von Arzneimitteln und dem Thema Tablettenteilung befragt. Die Patienten nahmen insgesamt rund 3.200 verschiedene Arzneimittel ein. Am häufigsten geteilt wurden Medikamenten zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, zur Bluttverdünnung und Senkung des Cholesteringehalts im Blut.

Tabletten mit Überzug sollten meist nicht geteilt werden / Vorsicht bei "Schmuckkerben"!

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"Das Tablettenteilen kann aus mehreren Gründen heikel sein", erklärt Professor Dr. Walter E. Haefeli, Ärztlicher Direktor der Abteilung Innere Medizin VI (Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie) der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg. Bei vielen Tabletten wird der Wirkstoff vor dem sauren Magensaft mit einem magensaftresistenten Überzug geschützt. Werden diese Tabletten geteilt, wird der Wirkstoff bereits im Magen freigesetzt, dabei zerstört und das Medikament wird unwirksam. Bei Tabletten mit einem sogenannten Retard-Überzug, der ihre Freisetzung verlängert, kann die Wirkung des Medikamentes verkürzt werden und das Risiko für Nebenwirkungen steigen.

Auch Tabletten mit speziellen Überzügen, die den Wirkstoff vor einer Inaktivierung durch Luftsauerstoff, Licht oder Feuchtigkeit schützen oder einen unangenehmen Geschmack überdecken, können nicht ohne weiteres geteilt werden. Besonders zu beachten ist, dass selbst vermeintlich leicht teilbare Tabletten mit einer Kerbe nicht immer geteilt werden können, da es sich in manchen Fällen nur um eine irreführende "Schmuckkerbe" handelt.

Keine ausreichende Information zur Teilbarkeit für Ärzte und Patienten

Ein Defizit besteht bei den Fachinformationen für Ärzte und den Beipackzetteln für Patienten: Sie gehen auf die Teilungsmöglichkeit von Tabletten nur unzureichend ein. Es ist daher für Patienten und Ärzte häufig nicht ersichtlich, ob die verordneten Tabletten zur Teilung geeignet sind. "Dies ist problematisch, da die Teilung von Tabletten in vielen Fällen erforderlich ist", erklärt Professor Haefeli, denn nur dadurch könne die Dosis individuell angepasst werden. Vor allem für ältere Menschen und Kinder stehen Arzneimittel nicht immer in der gewünschten Dosis zur Verfügung.

Aber auch aus ökonomischen Gründen werden Tabletten geteilt: Wegen der gesetzlich geforderten Zuzahlungen pro Packung kann es für den Patienten günstiger sein, weniger Packungen mit dem höher dosierten Medikament zu kaufen und die Tabletten zu teilen, als eine größere Anzahl Packungen mit dem niedriger dosierten Medikament. Wenn Packungspreise nicht proportional mit der Wirkstärke ansteigen, kann es überdies auch zu Budgetentlastungen für den verschreibenden Arzt kommen.

Älteren Menschen fehlt oft die Fingerfertigkeit zum Tablettenteilen

"Es ist jedoch zu beachten, dass gerade für ältere Menschen mit oft eingeschränkter Fingerfertigkeit oder Sehschwäche schwierig ist, Tabletten fachgerecht zu teilen", berichtet Professor Haefeli. So berichtete jeder 6. Patient über Probleme beim Teilen von Tabletten. Nur 20 Prozent dieser Patienten, dies hat die Umfrage ebenfalls ergeben, benutzen einen Tablettenteiler, die meisten benutzen ein Küchenmesser, das keine exakte Teilung erlaubt.

Der Heidelberger Klinische Pharmakologe Professor Haefeli empfiehlt deshalb den Ärzten, die Teilung von Tabletten nur zu verschreiben, wenn sie sicher sind, dass dies zulässig ist, und von den Patienten auch fachgemäß bewältigt werden kann. Außerdem sollten die Zulassungsbehörden sicherstellen, dass Fachinformationen und Beipackzettel künftig dazu ausreichend Information enthalten.

Kontakt:
Professor Dr. Walter E. Haefeli
Tel.: 06221 / 56 8740 (Sekretariat)
E-Mail: walter.emil.haefeli@med.uni-heidelberg.de
Literatur:
R. Quinzler, W.E. Hafelie, et. al. : The frequency of inappropriate tablet splitting in primary care. European Journal of Clinical Pharmacology. Online First.

(Der Originalartikel kann bei der Pressestelle des Universitätsklinikums Heidelberg unter contact@med.uni-heidelberg.de angefordert werden)

R. Quinzler, W.E. Haefeli: Tabletten Teilen. Therapeutische Umschau Band 63, 2006, Heft 6:

www.klinikum.uni-heidelberg.de/fileadmin/pressestelle/pdf/ther_umschau.pdf

Bild:

Wie werden Tabletten mit Kerbe geteilt ?

Abb. A: Gewölbte Tabletten mit einer speziell großen Bruchkerbe werden mit der Kerbe nach oben gegen die Tischplatte halbiert (Abb. A oben) oder mit der kreuzförmigen Bruchkerbe nach oben mit leichtem Druck geviertelt (Abb. A unten).

Abb. B: Flache Tabletten werden freihändig durch Druck der beiden Zeigefinger auf die Tablettenkante über die Nägel der beiden Daumen gebrochen.

Abb. C: Tabletten mit einem großen Bruchkerbenwinkel werden durch Druck mit einem Finger auf die ungekerbte Seite gegen eine harte Tischplatte gebrochen.

Abb. D: Flache Tabletten werden durch Daumendruck über beide Zeigefinger geteilt.

Abb.: Universitätsklinikum Heidelberg / Therapeutische Umschau

Bei Rückfragen von Journalisten:
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
E-Mail: Annette_Tuffs@med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/presse

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