Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kündigungsschutz ist kein Einstellungshindernis - Forschungsprojekt an Uni Hamburg bestätigt WSI-Untersuchung

27.09.2006
In standardisierten Umfragen äußern sich Personalverantwortliche von Unternehmen häufig negativ über das Kündigungsschutzrecht. Aus dieser Kritik wird bisweilen geschlossen, der Kündigungsschutz schrecke Personaler von Neueinstellungen ab. Doch einer vertieften Prüfung hält diese These nicht stand, zeigen erste Ergebnisse aus einem Projekt des Zentrums für Personalforschung an der Universität Hamburg.

"Im praktischen Alltag der Personalverantwortlichen scheinen der Kündigungsschutz und andere arbeitsrechtliche Bestimmungen keine große Rolle bei der Entscheidung für Neueinstellungen zu spielen", resümieren die Hamburger Forscher um den Betriebwirtschaftler Prof. Dr. Florian Schramm und den Arbeitsrechtler Prof. Dr. Ulrich Zachert. Die gern verwendete Metapher des Kündigungsschutzes als "Job-Bremse" sei fehl am Platz. Das deckt sich mit Resultaten einer Untersuchung, die das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung 2003 angestellt hat.

Die Hamburger Wissenschaftler interviewten im Rahmen einer laufenden, von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie 41 Personalverantwortliche von kleinen, mittelständischen und großen Unternehmen ausführlich dazu, wie sie arbeitsrechtliche Bestimmungen wahrnehmen und umsetzen. Dabei fiel auf: Die Frage: "Welche Rahmenbedingungen beeinflussen die Entscheidungen für oder gegen Neueinstellungen?" erzeugte bei vielen Interviewpartnern zunächst Unverständnis. Erst nach dem Zusatzhinweis, dass sich etwa der Kündigungsschutz auswirken könnte, sagten drei Interviewte, dieser spiele für Neueinstellungen eine erhebliche Rolle. Weitere sechs Personalverantwortliche hielten den Kündigungsschutz für relevant, aber nicht ausschlaggebend.

Während somit weniger als ein Viertel der Interviewten den Kündigungsschutz überhaupt ansprach, nannte rund die Hälfte die Ertrags- oder Auftragslage sowie die wirtschaftliche Situation des Unternehmens als die größten Einflussfaktoren für Neueinstellungen. Etwa ein Viertel der Personalverantwortlichen wies darauf hin, dass die Qualifikationen der zukünftigen Mitarbeiter ausschlaggebend seien.

Die qualitativen Ergebnisse der Hamburger Untersuchung bestätigen eine Befragung von 2000 Personalern durch das WSI. Auch dabei zeigte sich: Egal, wie Personalverantwortliche über den Kündigungsschutz denken und welche konkreten Erfahrungen sie damit gemacht haben - ihr Einstellungsverhalten beeinflusst das nicht. Entscheidend für die Schaffung neuer Jobs ist die wirtschaftliche Situation des Unternehmens. Das galt auch bei dem Drittel der vom WSI Befragten, das Änderungsbedarf beim Arbeitsrecht sah. "Alle Variablen, die etwas über die Grundhaltung der Personaler zum Arbeitsrecht aussagen, wirken sich nicht auf die Schaffung neuer Stellen aus", sagt Prof. Dr. Heide Pfarr, Arbeitsrechtlerin und Wissenschaftliche Direktorin des WSI.

Die Hamburger Wissenschaftler Schramm und Zachert haben auch eine Erklärung dafür, warum der Kündigungsschutz in standardisierten Meinungsumfragen trotzdem häufig als Problem genannt wird: Derartige Äußerungen seien eher dem "gefühlten Arbeitsrecht" zuzuordnen, mutmaßen sie. Die Ergebnisse solcher Studien seien wohl "eher als unternehmerische Wunschliste einzuordnen denn als Schlüssel zu mehr Beschäftigung". Die bei den qualitativen Interviews geschilderten Einschätzungen und Praktiken der Personalverantwortlichen dürften dagegen eher einem "gelebten Arbeitsrecht" entsprechen, in dem die tatsächlichen Erfahrungen zum Tragen kommen.

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/fix/kuendigungsschutz
http://www.boeckler.de/cps/rde/xchg/hbs/hs.xsl/32014_84158.html
http://www.boeckler.de/cps/rde/xchg/hbs/hs.xsl/320_84207.html

Weitere Berichte zu: Kündigungsschutz Personalverantwortlich WSI

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave
02.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT

nachricht Europaweite Studie zu Antibiotikaresistenzen in Krankenhäusern
18.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie