Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Was bringt die Umfinanzierung von Elternkosten für die Schulbildung ihrer Kinder?

21.08.2006
FiBS veröffentlicht eine Studie zu den Kosten, die Eltern für den Schulbesuch ihrer Kinder aufbringen, und ermittelt die Effekte einer Umfinanzierung durch das Kindergeld.

Zwar zahlen Eltern in Deutschland kein Schulgeld, der Schulbesuch der Kinder kostet sie trotzdem zwischen EUR 2,6 und EUR 3,6 Mrd. Soviel zahlen sie nach einer heute erschienenen Studie des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) für die Schulbücher, Mittagsverpflegung und den Transport der Kinder zur Schule.

Wollte man die Eltern von diesen Kosten entlasten und dies durch eine Kürzung des Kindergeldes refinanzieren, ergäben sich erhebliche Umverteilungseffekte zu Lasten einkommensschwacher und zugunsten einkommensstarker Familien. Ferner käme es zu bedeutsamen Umverteilungseffekten zugunsten des Bundeshaushalts sowie von Bundesländern, in denen die Eltern bisher vergleichsweise wenig bezahlen müssen. Außerdem zeigt sich, dass das Zusammenspiel der verschiedenen Regelungen des Familienleistungsausgleichs sehr vielschichtig ist und Eltern in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich belastet werden.

Was heißt das genau?

Trotz der Tatsache, dass Schulgebühren in Deutschland nicht erhoben werden, haben Eltern mitunter beträchtliche Ausgaben für den Schulbesuch ihrer Kinder. Auch wenn die durchschnittlichen Kosten je Kind bei EUR 700 bis EUR 800 jährlich liegen dürften, können sich im Einzelfall auch bis zu EUR 1.200 ergeben. Die Kosten für Lernmittel, die in den Bundesländer unterschiedlich ausfallen, sind hierbei noch eher gering. So werden in Hamburg oder Berlin bis zu EUR 100 pro Jahr fällig, während in Bremen oder Schleswig-Holstein die Lernmittelfreiheit gilt. Auch die anderen Kosten variieren: Ein Schülermonatsticket etwa kostet in München jeden Monat EUR 40, in Augsburg aber nur EUR 23,50, in Hamburg EUR 38 und in Stuttgart EUR 35. Für die Mittagsverpflegung können monatlich bis zu EUR 50 erhoben werden.

Hinzu kommen noch die Kosten von bis zu EUR 100 pro Monat für die (offene) Ganztagsschule, Sportkleidung oder weitere Literatur und Lernmaterialien. Diese Kosten werden im Weiteren jedoch nicht berücksichtigt.

"Die Ausgaben der Eltern schwanken von Kommune zu Kommune", stellt FiBS-Direktor Dr. Dieter Dohmen fest. "Eine bundesweite Übersicht über die elterlichen Kosten gibt es bisher nicht; aber etwa die Entscheidung, den Wohnort zu wechseln, kann erhebliche Folgen für diese Ausgaben haben. Von einheitlichen Lebensverhältnissen sind wir weit entfernt."

Während immer wieder über die Unterstützung von Eltern bei der Kinderbetreuung gefordert wird und einige Bundesländer zumindest das letzte Kindergartenjahr gebührenfrei anbieten, wird über die Entlastung von Eltern schulpflichtiger Kinder wenig geredet. Vor diesem Hintergrund ist die FiBS-Studie der Frage nachgegangen, wie hoch die elterlichen Aufwendungen insgesamt sind und wie sehr das Kindergeld gekürzt werden müsste, um diese Kosten refinanzieren zu können. Die Schätzungen kommen bei mittleren Annahmen über die Nachfrage zu einem elterlichen Ausgabenvolumen von EUR 2,6 bis EUR 3,6 Mrd. pro Jahr. Wollte man dies nur über eine Kürzung des Kindergeldes refinanzieren, dann müsste dieses um EUR 38 bis EUR 61,50 pro Monat und Kind gekürzt werden.

Die Folge wäre, dass einkommensschwächere Haushalte jeden Monat weniger Kindergeld bekommen würden, aber an den geringeren Kosten nicht beteiligt wären, da sie im derzeitigen System oft davon befreit sind. Umgekehrt würden Eltern mit einem hohen Einkommen von der Minderung des Kindergeldes nicht betroffen sein, da sie von der höheren Entlastung durch den Kinderfreibetrag profitieren. Ein weiterer Teil der Eltern würde statt des geringeren Kindergeldes nun den Steuerfreibetrag bekommen, wodurch das geringere Kindergeld teilweise kompensiert würde. Benachteiligt würden auch Familien, deren Kinder selbst verpflegt werden oder die ohne öffentliche Verkehrsmittel zur Schule kommen. Hier hätten die Eltern keine Entlastung, sondern die gleichen Kosten wie vor der Reform, dafür aber ein geringeres Kindergeld.

"Die Studie zeigt", so der Bildungsökonom, "wie komplex das System des Familienleistungsausgleichs ist, und dass Veränderungen an nur einzelnen Komponenten unerwünschte soziale Nebenwirkungen entfalten können. Reformen sollten daher meist an mehreren Regelungen gleichzeitig ansetzen." "Die Studie zeigt auch, dass eine unter Bürokratieüberlegungen sinnvolle Pauschalierung von Leistungen, dann als ungerecht empfunden werden können, wenn sie mit unterschiedlichen hohen Aufwendungen der Eltern verbunden sind", so der FiBS-Leiter weiter.

Wollte man eine geringere Kürzung des Kindergeldes erreichen, müsste man den allgemeinen Freibetrag für Betreuung, Erziehung und Ausbildung streichen, dessen Zielsetzung nach der Reform der Betreuungskosten Anfang diesen Jahres ohnehin in Frage gestellt werden könnte. Dies würde jährlich rund EUR 700 Mio. einsparen, so dass das Kindergeld nur noch um EUR 17,50 bis EUR 27 gekürzt werden müsste. "Der Vorteil dieser Regelung wäre, dass auch die einkommensstärkeren Haushalte an der Umfinanzierung beteiligt würden, während einkommensschwächere nicht ganz so stark zur Kasse gebeten werden müssten. Die gleichzeitige Kürzung des Kindergeldes und Streichung des allgemeinen Erziehungsfreibetrags wäre wesentlich gerechter, auch wenn nicht alle unerwünschten Nebenwirkungen verhindern werden können", stellt Dohmen fest.

Von erheblichem Interesse - auch für die bevorstehende Neuordnung der Staatsfinanzen - sind die Umverteilungswirkungen zwischen den Bundesländern sowie zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Während die Bundesländer im Osten und Süden nach der Reform beträchtliche Einsparungen verzeichnen könnten, müssten Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen erhebliche Mehrausgaben verkraften. Solange der Bund im Übrigen nicht an der Finanzierung der Transportkosten, Schulbücher oder der Mittagsverpflegung beteiligt würde, wäre er der größte Netto-Profiteur einer solchen Umstellung. Eine entsprechende Reform dürfte daher wohl erst dann möglich sein, wenn es zu einer weitergehenden Veränderung bei der Lastenverteilung kommen würde.

Dr. Dieter Dohmen fasst die Ergebnisse der Studie so zusammen: "Unsere Studie zeigt einerseits, dass die Eltern durchaus beträchtliche Kosten für den Schulbesuch oder die Kita zu tragen haben. Jede Finanzreform wäre mit erheblichen Umverteilungswirkungen verbunden, die sorgfältig analysiert werden sollten. Es würde viele Gewinner, aber auch zahlreiche Verlierer geben. Da das Zusammenspiel zwischen den elterlichen Aufwendungen und dem Familienleistungsausgleich sehr komplex und auch in seinen Wirkungen sehr unterschiedlich ist, sollte sowohl die Datenlage verbessert als auch eine umfassende Analyse der Effekte vorgenommen werden."

Kontakt: Birgitt A. Cleuvers (FiBS), Tel. 02 21 / 550 95 16

Birgitt A. Cleuvers | idw
Weitere Informationen:
http://www.fibs-koeln.de/
http://www.fibs.eu

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Diabetesmedikament könnte die Heilung von Knochenbrüchen verbessern
17.03.2017 | Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke

nachricht Soziale Phobie: Hinweise auf genetische Ursache
10.03.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise