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Höherer Kündigungsschutz führt zu besserer Ausbildung der Mitarbeiter

31.05.2006


Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik untersucht im Rahmen eines DFG-Forschungsprogramms die Bedingungen der Beschäftigung



Erwartungen, dass mehr Flexibilisierung beim Kündigungsschutz automatisch mehr Arbeitsplätze bringt, können aus wissenschaftlicher Sicht nicht unbedingt bestätigt werden. "Wir wissen heute, dass es sowohl theoretisch als auch empirisch keinen klaren Zusammenhang gibt, wonach mehr Kündigungsschutz zu mehr oder weniger Arbeitslosigkeit führt", sagte Univ.-Prof. Dr. Laszlo Goerke, Inhaber der Professur für Volkswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Wirtschaftspolitik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. In einer theoretischen Studie seines Lehrstuhls wurde allerdings festgestellt, dass ein höherer Kündigungsschutz zu einer besseren Ausbildung vor dem eigentlichen Arbeitseintritt führen kann und eine bessere Ausbildung eindeutig eine Verringerung des individuellen Arbeitslosigkeitsrisikos zur Folge hat. Danach würde aus gesamtwirtschaftlicher Sicht durch eine Erhöhung des Kündigungsschutzes ein Anstieg der Arbeitslosigkeit weniger ausgeprägt ausfallen oder ein Rückgang verstärkt werden.



In Ländern mit überdurchschnittlichem Kündigungsschutz weist ein überproportionaler Anteil der Bevölkerung eine tertiäre Ausbildung auf, heißt es in der von Nikolai Stähler verfassten Studie. In Ländern wie Belgien, Finnland, Deutschland, den Niederlanden oder Norwegen, die für relativ hohen Kündigungsschutz bekannt sind, ist der Anteil von Akademikern besonders hoch im Vergleich zu anderen OECD-Ländern. Gleichzeitig ist festzustellen, dass ein höherer Ausbildungsstand im Durchschnitt zu einer geringeren Entlassungswahrscheinlichkeit, zu einer besseren Wiedereinstellungswahrscheinlichkeit und zu einer kürzeren Dauer der Arbeitslosigkeit führt. "Die Frage war nun, ob Kündigungsschutzregeln aus theoretischer Sicht einen Einfluss auf die Ausbildungsentscheidung von Schulabgängern haben", erläutert Goerke die Fragestellung der Studie. Schulabgänger entscheiden sich für eine tertiäre Ausbildung, wie zum Beispiel ein Studium, unter anderem auf Grund der Wahrscheinlichkeit, anschließend eine Anstellung zu bekommen und diese auch zu behalten. Allerdings muss es sich für die Arbeitnehmer neben den besseren Einstellungsmöglichkeiten auch finanziell auszahlen, sich auszubilden. Das ist dann der Fall, wenn sie einen Teil der durch die Ausbildung zusätzlich erzielten Erträge bekommen, zum Beispiel in Form höherer Löhne. "Es mag vielleicht seltsam anmuten, Kündigungsschutz als ein Instrument zu betrachten, um das Ausbildungsniveau zu erhöhen", schreibt Stähler in der Studie. Für industrialisierte Länder könnte dies aber durchaus interessant sein - zumal oft behauptet wird, dass Wettbewerbsvorteile in Zeiten der Globalisierung nur durch höhere Innovation und besser ausgebildete Arbeitskräfte erreicht werden. "Dennoch können die Ergebnisse nicht als Plädoyer für mehr Kündigungsschutz verstanden werden", heißt es weiter. Denn, wie auch gezeigt wurde, kann der Effekt von stärkeren Kündigungsschutzmaßnahmen auf die gesamte Beschäftigung und Arbeitslosigkeit theoretisch nicht eindeutig bestimmt werden. Zur Beantwortung dieses Zusammenhangs sind weitere empirische Studien notwendig.

Die Untersuchung von Nikolai Stähler wurde im Rahmen der Forschergruppe "Heterogene Arbeit: Positive und Normative Aspekte der Qualifikationsstruktur" erstellt. Es handelt sich hier um ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziertes Programm, in dem seit Mai 2002 zwölf Forschungsprojekte aus dem Bereich Volkswirtschaftslehre, Betriebswirtschaftslehre und Ökonometrie bearbeitet werden. Zu der Forschergruppe gehören Wissenschaftler der Universitäten Konstanz, Augsburg, Frankfurt, Gießen, Mainz, des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim und des Ifo-Instituts in München. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, die Determinanten der Qualifikationsstruktur der Arbeit theoretisch und empirisch zu untersuchen. Letztlich will die Forschergruppe einen Erkenntnisbeitrag zur Reform des Bildungssystems und der Organisation von Arbeitsmärkten im Lichte des technischen Wandels und der Globalisierung liefern.

Im Rahmen der Forschergruppe wird am Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik in Mainz das Teilprojekt 4, "Regulierung von Beschäftigungsverhältnissen, Qualifikationsstruktur und Arbeitsmarktergebnis" bearbeitet. Analysiert wird im Rahmen dieses Projekts auf größtenteils theoretischer Basis, wie sich beispielsweise die Qualifikation der Beschäftigten auf die Arbeitsmarkteffekte von Beschäftigungsregulierungen auswirkt und welche Wirkungen von der Veränderung der Qualifikationsstruktur ausgehen. Außerdem werden Zusammenhänge zwischen der institutionellen Ausgestaltung des sozialen Sicherungssystems und Kündigungsschutzregeln untersucht. Außer der erwähnten Studie beschäftigen sich die Wissenschaftler um Goerke, der einem Ruf an die Universität Tübingen folgen wird, beispielsweise mit der Frage, ob eine Finanzierung der Arbeitslosenversicherung durch Kündigungssteuern zu positiven Beschäftigungseffekten führt.

Kontakt und Informationen:
Univ.-Prof. Dr. Laszlo Goerke
Professur für Volkswirtschaftslehre, insbes. Wirtschaftspolitik
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Tel. 06131 39-22006
Fax 06131 39-23827
E-Mail: goerke@uni-mainz.de

Petra Giegerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.politik2.vwl.uni-mainz.de/163_DEU_HTML.php
http://www.uni-konstanz.de/forschergruppewiwi/index.htm

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