Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Geförderte Existenzgründer: Zwischen erfolgreicher Selbstständigkeit und Schulden

22.05.2006


IAB-Studie in neuen WSI-Mitteilungen



Drei von vier von der Bundesagentur für Arbeit (BA) geförderte Existenzgründungen aus der Arbeitslosigkeit sind nach einer Startphase von 16 bis 19 Monaten noch am Markt. Die Entwicklung der Einkünfte ist sehr uneinheitlich. So erzielt knapp die Hälfte der Neu-Selbstständigen mit einer wöchentlichen Tätigkeit von mehr als 35 Stunden ein Einkommen, das mindestens so hoch ist wie auf ihrer letzten Stelle als abhängig Beschäftigte. Bei Gründern, die weniger Stunden arbeiten, erreicht nur ein knappes Drittel dieses Niveau. Das zeigt eine Befragung im Rahmen der Hartz-Evaluation unter 6000 vormals arbeitslosen Existenzgründern.



Insgesamt ziehen Susanne Noll und Dr. Frank Wießner, Forscher am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, ein gemischtes Zwischenfazit der geförderten Selbstständigkeit: "Im günstigsten Fall hat die Gründung eine Brückenfunktion in dauerhafte selbstständige Erwerbstätigkeit. Im zweitgünstigsten Fall führt sie zurück in abhängige Erwerbstätigkeit, im ungünstigsten Fall erweist sie sich als soziale Falle", schreiben die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe der WSI-Mitteilungen. Das Schwerpunktheft der WSI-Mitteilungen befasst sich mit verschiedenen Arten atypischer Beschäftigung. Dazu zählen neben der geförderten Selbstständigkeit auch Teilzeitarbeit, Leiharbeit, befristete Stellen sowie Mini- und Midijobs.

Befragt wurden jeweils 3000 Gründerinnen und Gründer, die von der BA ein Überbrückungsgeld oder einen Existenzgründerzuschuss (als "Ich AG") erhielten. Unter anderem ging es darum, welche Motive sie in die Selbstständigkeit geführt hatten und wie sich ihr Geschäft entwickelt hat. Zentrale Ergebnisse:

=> Motive: 80 Prozent der Befragten gaben als Motiv für die Unternehmensgründung an: "Ich wollte nicht mehr arbeitslos sein." 52 Prozent erklärten, sie hätten schon immer ihr eigener Chef sein wollen. Der Aussage "Ich hatte eine Marktlücke entdeckt" stimmten 32 Prozent zu. Ebenso viele Befragte nannten als Grund, ihre Leistungsansprüche an die BA seien fast aufgezehrt gewesen. Lediglich 15 Prozent gaben als Motiv für die Gründung an, ihr Berater in der Arbeitsagentur habe dazu geraten.

=> Einkommen: 45 Prozent der neuen Unternehmerinnen und Unternehmer, die mindestens 35 Wochenstunden arbeiten, haben nach eigener Aussage gleich viel oder ein höheres Netto-Einkommen als zuvor in abhängiger Beschäftigung. 55 Prozent haben Einkommen verloren. Unter Existenzgründern mit kürzerer Wochenarbeitszeit haben lediglich 31 Prozent ihr früheres Einkommensniveau mindestens gehalten. Dies sei nicht erstaunlich, weil Jungunternehmer generell am Anfang viel arbeiten und vergleichsweise wenig einnehmen, so die Autoren. Dennoch warnen sie vor "der Gefahr der Selbstausbeutung, des ’Working Poor’ am Rande des Existenzminimums" - gerade in der Startphase.

=> Beendigung der Selbstständigkeit: Ein Viertel der Befragten hatte die Selbstständigkeit zum Befragungszeitpunkt wieder aufgegeben. Dafür gab es zwei wesentliche Gründe: Einerseits das wirtschaftliche Scheitern des Vorhabens, andererseits den Wechsel auf eine aus Sicht der Selbstständigen attraktivere Stelle als abhängig Beschäftigte. Von allen Abbrechern war zum Zeitpunkt der Befragung die Hälfte erneut arbeitslos gemeldet, während ein Drittel wieder einer abhängigen Beschäftigung nachging. Dabei musste die Mehrheit in dieser Gruppe nach eigenen Angaben Einkommenseinbußen hinnehmen.

=> Schulden: 37 Prozent der Abbrecher (neun Prozent aller Befragten) beendeten das Experiment Selbstständigkeit nach eigenen Angaben mit Schulden. Ein Drittel davon hat Verbindlichkeiten bis zu 2500 Euro, weitere 45 Prozent zwischen 2500 und 10 000 Euro. 20 Prozent verschuldeten sich zwischen 10 000 und 50 000 Euro, weitere drei Prozent noch höher.

=> Gründe für das Scheitern: Auftragsmangel, Finanzierungsengpässe, unterschätzte Kosten für soziale Absicherung - das sind die am häufigsten genannten Gründe für den Ausstieg aus der Selbständigkeit. Vor allem "Ich AG"-Gründer haben sich oft verschätzt: Die Kosten für die Pflichtmitgliedschaft in der gesetzlichen Rentenversicherung sowie Krankenkassenbeiträge zehren bereits einen erheblichen Teil der Förderung auf.

Ein "Mindestmaß an sozialer Absicherung zu erschwinglichen Preisen" ist nach Analyse der IAB-Forscher sehr wichtig für die Existenzgründer. Die obligatorische Rentenversicherung für "Ich AG"-Gründer bewerten sie daher als grundsätzlich richtig. Attraktiv dürfte für die Selbstständigen auch eine neue Regelung sein, nach der sich geförderte Existenzgründer seit dem 1. Februar 2006 freiwillig in der Arbeitslosenversicherung weiterversichern können.

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/cps/rde/xchg/hbs/hs.xsl/168.html
http://www.boeckler.de/cps/rde/xchg/hbs/hs.xsl/32014_82078.html
http://www.boeckler.de/cps/rde/xchg/hbs/hs.xsl/320_82107.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wie gesund werden wir alt?
18.09.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Entrepreneurship-Studie: Großes Potential für Unternehmensgründungen in Deutschland
15.09.2017 | Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zum Biomining ab Sonntag in Freiberg

22.09.2017 | Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

DFG bewilligt drei neue Forschergruppen und eine neue Klinische Forschergruppe

22.09.2017 | Förderungen Preise

Lebendiges Gewebe aus dem Drucker

22.09.2017 | Biowissenschaften Chemie