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Vom Forscher zum Unternehmer

26.04.2006


Max-Planck-Studie zeigt: Jeder vierte Wissenschaftler, der seine Ergebnisse in Patente umsetzt, gründet auch ein eigenes Unternehmen.



Erfolgreiche Wissenschaftler sind auch als Unternehmer aktiv. Der neue deutsche Nobelpreisträger Theodor Hänsch gibt dafür ein gutes Beispiel: Der Physiker hat das Unternehmen MenloSystems mitgegründet, das seine Erfindung des Frequenzkamms in Produkte umsetzt. Und damit ist er kein Einzelfall: Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Ökonomik in Jena haben jetzt herausgefunden, dass etwa jeder vierte Forscher, der ein Patent anmeldet, auch ein Unternehmen gründet. Die Studie bezieht sich zwar auf Krebsforscher in den USA, die Jenaer Wirtschaftswissenschaftler sind aber überzeugt, dass sich ihre Erkentnisse prinzipiell auch auf Deutschland übertragen lassen. (Eine Studie im Auftrag der Ewing Marion Kauffman Foundation, 29. März 2006)



Das ist doch keine Frage: Natürlich lohnt es sich, in Forschung zu investieren. Wissen ist die Ressource des 21. Jahrhunderts - das zumindest erfahren wir in jeder zukunftsweisenden Rede. Ob wissenschaftlicher Fortschritt jedoch tatsächlich zu mehr wirtschaftlichem Wachstum führt, ist so klar nicht. Auch manche Politiker monieren, Wissenschaftler seien nur an Veröffentlichungen in angesehenen Journalen ihrer Zunft interessiert - und vielleicht noch am Nobelpreis. Die Wissensfabriken von Universitäten und unabhängigen Forschungsinstituten würden somit auf Halde produzieren - weil die wissenschaftlichen Erkenntnisse den Kreis der Eingeweihten nicht verlassen und in Wirtschaft und Gesellschaft keine Abnehmer finden. Stimmt nicht, haben David Audretsch und seine Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Ökonomik jetzt festgestellt. Zumindest von den Wissenschaftlern, die Patente anmelden, setzt ein Viertel die Erfindungen auch als Geschäftsidee in einem eigenen Unternehmen um.

Für ihre Studie analysierten Audretsch und seine Kollegen Daten des National Cancer Institute der USA, das mit einem großen Teil seines jährlichen Etats von etwa 4,8 Milliarden Dollar Projekte in der Krebsforschung unterstützt. Unter den geförderten Vorhaben griffen sie das Fünftel heraus, das in den Jahren 1998 bis 2002 mit den höchsten Summen gefördert wurde - das entspricht knapp 1700 Wissenschaftlern. Von diesen meldeten fast 400 eigene Patente an. "Wir sind uns bewusst, dass unsere Stichprobe das Ergebnis der Studie beinflussen könnte", sagt Audretsch. Die Wissenschaftler, die das meiste Geld erhalten, produzieren möglicherweise auch die besten Ergebnisse. Diese lassen sich wiederum am ehesten wirtschaftlich umsetzen. "Ich persönlich glaube, dass wissenschaftliche Exzellenz Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg ist und mittelmäßige Wissenschaftler auch weniger Unternehmen gründen", so Audretsch. "Manche Fachleute sagen aber auch, hervorragende Wissenschaftler hätten keine Zeit, ihre Ergebnisse in einem Unternehmen zu verwerten."

Die Max-Planck-Forscher untersuchten vor allem, wie Wissenschaftler vorgehen, wenn sie ihre Forschungsergebnisse wirtschaftlich umsetzen. Der gängige Weg dafür führt in den USA über Büros, die den Technologietransfer von den Forschungseinrichtungen in die Wirtschaft organisieren. Üblicherweise erwerben Unternehmen dann Lizenzen, um eine Erfindung in wirtschaftlichen Gewinn umzumünzen. "Diese Einrichtungen arbeiten mit sehr unterschiedlichem Erfolg", sagt Audretsch. Das entsprechende Büro der Universität Stanford zumindest sei sehr rührig und sorge dafür, dass Unternehmen viele wissenschaftliche Ergebnisse aufgreifen - wie Theodor Hänsch sich aus seiner Zeit an der Hochschule erinnert. Auch viele Unternehmen entstünden im Umfeld der Universität. Für David Audretsch ist das kein Wunder: "Für Wissenschaftler von einer renommierten Universität ist es sehr viel einfacher an Risiko-Kapital zu kommen."

Forscher brauchen neben dem Risiko-Kapital aber auch Sozial-Kapital, wenn sie zu Unternehmern werden möchten: Unter Sozial-Kapital verstehen Audretsch und seine Mitarbeiter, wie bereitwillig und gut ein Wissenschaftler mit Kollegen kommuniziert und zusammenarbeitet. "Dann profitiert er eher von Erfahrungen anderer und kann sich Wissen, das ihm selber fehlt, bei anderen holen", sagt Audretsch: "Leider haben wir darüber nur sehr begrenzte Daten." Sein Team wertete unter anderem aus, wieviele Patente die Unternehmensgründer zusammen mit Kollegen anmeldeten und wie oft sie wissenschaftliche Ergebnisse mit anderen Autoren publizierten - verglichen mit den Wissenschaftler, die nicht zu Geschäftsleuten wurden. Tatsächlich erwarben die Unternehmensgründer mehr Patente und veröffentlichten auch häufiger in Gemeinschaftsarbeit.

Audretsch vermutet, dass sich die Ergebnisse zumindest im Prinzip auf Deutschland übertragen lassen. "Wahrscheinlich sind die Bedingungen in den USA für Unternehmensgründungen derzeit besser", sagt der Wirtschaftswissenschaftler: "Aber die Bedingungen kann man auch hier ändern." Der Physiker Theodor Hänsch glaubt jedoch, dass der Gründergeist in Deutschland generell nicht so ausgeprägt ist wie in Amerika.

Das muss sich ändern, wie auch Peter Gruss, der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft feststellt: "Es reicht nicht, Ideen zu haben, sie müssen auch umgesetzt werden. Die aktuelle Sudie unserer Wissenschaftler zeigt, unter welchen Bedingungen Grundlagenwissen zur Anwendung und wirtschaftlichen Verwertung gelangen kann." Wie Wissen einfacher aus den Laboren in die Unternehmen finden kann, ist das große Thema von David Audretsch. Und er hat auch schon ein Rezept: "Wir brauchen bessere Wissensfilter." Darunter versteht er Kriterien, nach denen sich Ideen daraufhin prüfen lassen, ob sie wirtschaftlich nutzbar sind. Mit diesen Kriterien könnte auch der Innovationsfonds der Deutschen Forschung arbeiten. Das Konzept für diesen Fonds hat Garching Innovation entworfen. Das Tochterunternehmen der Max-Planck-Gesellschaft ebnet den Weg, damit Technologien aus den Instituten der Forschungsorganisation wirtschaftlich genutzt werden. Oft jedoch sind die Ideen aus den Forschungsstätten noch nicht so weit entwickelt, dass sie marktreif sind. Genau bei diesem Schritt soll der neu initiierte Fonds Wissenschaftler sowohl von Universitäten als auch der großen Forschungsorganisationen unterstützen - mit Mitteln aus aus öffentliche Kassen. Dafür kommt natürlich nicht jede Idee in Frage. Denn nicht mit jeder Idee lässt sich Geld verdienen. "Aber es soll Forschern auch nicht gehen wie den Gründern von SAP", so Audretsch: Die blitzten mit ihrer Software-Idee bei IBM ab. Was in ihrem Fall gut ausging: Sie machten einfach ihr eigenes Unternehmen auf.

Originalveröffentlichung:

David Audretsch, Taylor Aldrige und Alexander Oettl
The Knowledge Filter and Economic Growth: The Role of Scientist Entrepreneurship
Studie im Auftrag der Ewing Marion Kauffman Foundation, 29. März 2006

Dr. Andreas Trepte | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/

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