Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Psychologen sind die erfolgreicheren Aktionäre

09.01.2006


Aktionäre scheinen sich bei ihren Entscheidungen viel weniger am Kaufverhalten der anderen Anleger zu orientieren als bislang angenommen. Zu diesem Schluss kommen zumindest Ökonomen der Bank of England sowie der Universitäten Heidelberg und Bonn. Zusammen mit der Unternehmensberatung McKinsey haben sie in einem Internet-Experiment rund 6.500 Teilnehmern bei ihren Anlageentscheidungen auf die Finger geschaut. Für "Herdenverhalten" fanden sie dabei keine Anzeichen - im Gegenteil: Manche Versuchspersonen entschieden sich gerade dann gegen eine Aktie, wenn sie zuvor von vielen Mitspielern gekauft worden war. Vor allem Psychologen misstrauten aus ihrer Sicht überbewerteten Papieren. Mit dieser Strategie fuhren sie erstaunlich gut: Im Durchschnitt waren sie bei ihren Spekulationen deutlich erfolgreicher als Physiker und Mathematiker - aber auch als Ökonomen.



Durchschnittlich verdienten die Psychologen beim Börsenspiel dreimal soviel wie Ökonomen oder Physiker. "Sie entschieden sich oft gerade dann gegen eine Aktie, wenn sie zuvor von vielen Mitspielern gekauft worden und damit entsprechend teuer war", erklärt Dr. Andreas Roider von der Wirtschaftspolitischen Abteilung der Universität Bonn. Eigentlich gingen viele Diskussionen bislang vom Gegenteil aus: Anleger - so die Idee - verhalten sich wie Lemminge. Sie kaufen immer die Aktien, die momentan besonders gefragt sind, und treiben damit die Kurse in übertriebene Höhen (und Tiefen). Kaum eine Erklärung für Turbulenzen auf Finanzmärkten kommt ohne einen Verweis auf das angeblich ausgeprägte Herdenverhalten von Aktionären aus. Dabei könnte es auch sein, dass sich jeder Anleger unabhängig vom Verhalten anderer Investoren zum Kauf entschlossen hat - etwa, weil Informationen über eine bestimmte Aktie bekannt geworden sind, die für ihren Kauf sprechen. Ob Aktionäre wirklich einem "Herdentrieb" folgen, ist daher in der Realität nur schwer zu entscheiden.



Ein ökonomisches Experiment unter kontrollierten Bedingungen sollte helfen, diese Frage zu klären. Zusammen mit der Unternehmensberatung McKinsey hat Professor Dr. Jörg Oechssler von der Universität Heidelberg mit seinen Koautoren Dr. Andreas Roider und Dr. Mathias Drehmann von der Bank of England über das Internet ein Finanzmarktspiel durchgeführt. Darin konnten die knapp 6.500 Teilnehmer verschiedene Wertpapiere handeln. Preise im Wert von über 11.000 Euro sorgten dafür, dass sie sich ernsthaft Gedanken machten.

"Die Spieler konnten sich zwischen zwei fiktiven Aktien A und B entscheiden", erklärt Roider. "Nur eine Aktie brachte am Spielende Gewinn, die andere war eine Niete." Vor seiner Kaufentscheidung erhielt jeder Teilnehmer einen Tipp seines Investmentbankers - also beispielsweise: "Aktie A wird gewinnen." Doch diese Hinweise trafen nur in zwei von drei Fällen zu - auch Investmentbanker können sich irren. Sobald sich ein Spieler für eine bestimmte Aktie entschieden hatte, stieg diese im Preis. "Die Teilnehmer konnten nun nacheinander ihre Aktien kaufen", sagt Roider. "Der erste konnte sich dabei nur auf den Tipp seines Investmentbankers verlassen. Die nachfolgenden Käufer konnten dagegen zusätzlich am Kursverlauf ablesen, für welche Aktien sich ihre Vorgänger entschieden hatten."

Millionen Fliegen können nicht irren

In einer solchen Situation kann selbst eine "schlechte" Aktie dramatisch im Preis steigen - einfach, weil viele auf sie setzen. Angenommen, die ersten beiden Spieler bekommen von ihrem Investmentbanker den Tipp, sich für Aktie A zu entscheiden. Selbst wenn Spieler 3 danach einen Tipp für Aktie B bekommt, wird er dann eventuell auch für A entscheiden - schließlich haben seine Vorgänger augenscheinlich einen Tipp für diese Aktie bekommen. Frei nach dem Motto "Millionen Fliegen können nicht irren" wird es Spieler 4 dann noch schwerer fallen, gegen den Trend Aktie B zu kaufen. Resultat: Der Herdentrieb treibt den Wert von Aktie A in schwindelerregende - und letztlich irrationale - Höhen.

Im Experiment folgten die Akteure jedoch keineswegs blindlings dem Verhalten früherer Investoren - ganz im Gegenteil. In der Regel ließen sich die Teilnehmer bei ihrer Anlageentscheidung hauptsächlich von dem Tipp ihres Beraters leiten. Viele Teilnehmer entschieden sich sogar bewusst dazu, einen bestehenden Trend zu brechen, und trugen dadurch zur Stabilisierung der Kurse bei. "Das kann in der Tat durchaus vernünftig sein, wenn man glaubt, das der derzeitige Kurs auf Übertreibungen beruht und teilweise durch irrationales Verhalten früherer Investoren zustande gekommen ist", sagt Roider. Gerade die Psychologen schienen den Kursverlauf auch derartigen "psychologischen" Effekten zuzuschreiben. Ihr Gespür für das möglicherweise irrationale Verhalten anderer Investoren brachte ihnen die höheren Gewinne ein. Teilnehmer, die Physik studiert hatten, schienen dagegen stärker auf die kühle Rationalität der anderen Marktteilnehmer zu setzen - und fuhren damit wesentlich schlechter.

Quelle: "Herding and Contrarian Behavior in Financial Markets: An Internet Experiment", American Economic Review, 95 (2005) 1403-1426

Kontakt:
Dr. Andreas Roider, Universität Bonn
Telefon: 0228-73-9246, E-Mail: roider@uni-bonn.de

Professor Dr Jörg Oechssler, Universität Heidelberg
Telefon: 06221-54-3548, E-Mail: oechssler@uni-hd.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de/

Weitere Berichte zu: Investmentbanker Physik Psychologe Ökonom

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Zirkuläre Wirtschaft: Neues Wirtschaftsmodell für die chemische Industrie?
28.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Unternehmen entwickeln sich zu Serviceanbietern
25.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Im Focus: Exotic quantum states made from light: Physicists create optical “wells” for a super-photon

Physicists at the University of Bonn have managed to create optical hollows and more complex patterns into which the light of a Bose-Einstein condensate flows. The creation of such highly low-loss structures for light is a prerequisite for complex light circuits, such as for quantum information processing for a new generation of computers. The researchers are now presenting their results in the journal Nature Photonics.

Light particles (photons) occur as tiny, indivisible portions. Many thousands of these light portions can be merged to form a single super-photon if they are...

Im Focus: Wissenschaftler beleuchten den „anderen Hochtemperatur-Supraleiter“

Eine von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) geleitete Studie zeigt, dass Supraleitung und Ladungsdichtewellen in Verbindungen der wenig untersuchten Familie der Bismutate koexistieren können.

Diese Beobachtung eröffnet neue Perspektiven für ein vertieftes Verständnis des Phänomens der Hochtemperatur-Supraleitung, ein Thema, welches die Forschung der...

Im Focus: Tests der Quantenmechanik mit massiven Teilchen

Quantenmechanische Teilchen können sich wie Wellen verhalten und mehrere Wege gleichzeitig nehmen, um an ihr Ziel zu gelangen. Dieses Prinzip basiert auf Borns Regel, einem Grundpfeiler der Quantenmechanik; eine mögliche Abweichung hätte weitreichende Folgen und könnte ein Indikator für neue Phänomene in der Physik sein. WissenschafterInnen der Universität Wien und Tel Aviv haben nun diese Regel explizit mit Materiewellen überprüft, indem sie massive Teilchen an einer Kombination aus Einzel-, Doppel- und Dreifachspalten interferierten. Die Analyse bestätigt den Formalismus der etablierten Quantenmechanik und wurde im Journal "Science Advances" publiziert.

Die Quantenmechanik beschreibt sehr erfolgreich das Verhalten von Partikeln auf den kleinsten Masse- und Längenskalen. Die offensichtliche Unvereinbarkeit...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

Sensibilisierungskampagne zu Pilzinfektionen

15.08.2017 | Veranstaltungen

Anbausysteme im Wandel: Europäische Ackerbaubetriebe müssen sich anpassen

15.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Neue Einblicke in die Welt der Trypanosomen

16.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Maschinensteuerung an Anwender: Intelligentes System für mobile Endgeräte in der Fertigung

16.08.2017 | Informationstechnologie

Komfortable Software für die Genomanalyse

16.08.2017 | Informationstechnologie