Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Innovation und Information - Wie in Unternehmen neues Wissen produziert wird

16.12.2005


Wie verlaufen Innovationen in Wirklichkeit? Warum scheitern die einen, warum gelingen andere? Wie kommt überhaupt neues Wissen zustande und kann so aufbereitet werden, dass daraus eine gelungene Innovation wird? Diese und andere Fragen werden anhand einer einzigartigen Studie von 42 Innovationsfällen schrittweise erörtert und mit einer Fülle von neuen Einsichten beantwortet. Die Schwierigkeiten von Innovationen werden detailliert beschrieben. Hierzu werden Mängel in der Informationsverarbeitung, so genannte Informationspathologien, sowie Möglichkeiten, diese durch effektive Zusammenarbeit zu minimieren, untersucht. Behandelt werden weiterhin das Promotorenmodell, innovatorische Interaktions- und Gruppenprozesse, der Innovationsverlauf als Entscheidungsprozess und evolutionäre Innovationstheorien in Psychologie, Soziologie und Ökonomie. Veranschaulicht werden diese Überlegungen durch die Darstellung gelungener und misslungener Innovationsfälle und durch Empfehlungen für ein erfolgreiches Innovationsmanagement.


Im ersten Kapietel wird zunächst ein grundlegendes Innovationsparadox formuliert: Wie soll man Innovationen rational planen, wenn das zu erarbeitende neue Wissen für Innovationen per Definition nicht aus dem alten abgeleitet werden kann? Wenn man vorher nicht wissen kann, was am Ende herauskommt? Außerdem wird die Vorgehensweise der empirischen Untersuchung im Detail erläutert. In den nächsten beiden Kapiteln werden Prozesse der Informationsgewinnung und -bearbeitung ausführlich untersucht: Welchen Stellenwert haben Informationen für den Verlauf und Erfolg von Innovationen? Beeinträchtigen Mängel in der Informationsverarbeitung Innovationsprozesse nachhaltig, oder lassen sie sich durch andere Informationen, durch Prüfungen und Kontrollen ausgleichen? Diese Defekte, die von Wilensky (1967) mit dem Sammelbegriff „Informationspathologien“ belegt wurden, finden sich wesentlich häufiger bei misslungenen als bei gelungenen Innovationen. Im 2. Kapitel wird das Konzept der Informationspathologien unter Rückgriff auf die vorliegende Literatur zunächst theoretisch ausgeführt, um dann die aus den Innovationsverläufen ersichtlichen Informationspathologien über Fallstudien zu ermitteln, zu klassifizieren und für unsere Fragestellung auszuwerten. Besonders interessant ist, dass vor allem schlecht bewältigte Konflikte und Prozesse der Machtausübung für Informationspathologien verantwortlich sind, die den Prozess der Wissensgewinnung und den Erfolg von Innovationen beeinträchtigen. Im 3. Kapitel wird die Einschätzung von Informationspathologien per Fragebogen durch die Innovationsbeteiligten selbst ausgewertet. Trotz eines vollständig anderen Messkonzepts ergeben sich die gleichen Schlussfolgerungen.

Viel beachtet in der deutschen Innovationsliteratur ist das Promotorenmodell von Witte, Hauschildt und Gemünden, das der Informationsverarbeitung durch besonders kompetente Personen, so genannte Fachpromotoren, eine zentrale Rolle zuweist, die ergänzt werden muss durch die machtvolle Unterstützung hochrangiger Organisationsmitglieder, so genannter Machtpromotoren. Im 4. Kapitel wird dieses Modell anhand unserer empirischer Daten einer detaillierten Prüfung unterzogen, um zu sehen, inwieweit es theoretisch haltbar und als Empfehlung für Praktiker brauchbar ist. Das Ergebnis fällt gemischt aus, besonders in Bezug auf die Rolle der Machtpromotoren. Woher wissen sie, auf welche Innovationsmaßnahme sie setzen sollen, wenn sie mit verschiedenen Ansichten konfrontiert werden? Sie haben ja viel weniger Fachwissen. Die Untersuchung zeigt, dass Machtausübung gegen die Interessen anderer Beteiligter schädlich ist für Innovationen und dass Positionsmacht vor allem als Prozesspromotion eingesetzt werden soll, d. h. Klärungen zwischen Promotoren und Opponenten voranzutreiben, aber nicht zu entscheiden, wer Recht hat. Im 5. Kapitel wird daher ein umfassenderes Modell effektiver Zusammenarbeit dargestellt und anhand unserer Innovationsfälle empirisch getestet, das Prozesse der Kommunikation, der Machtausübung und der Einflussnahme auf den Wissenszuwachs näher betrachtet, aber auch die organisationale Handlungsfähigkeit in ihrer Bedeutung für die Effektivität mit einbezieht. Es hat überdies den Vorteil, dass es nicht auf Innovationsprozesse beschränkt ist und somit als allgemeine Handlungsanleitung für die Zusammenarbeit dienen kann.


Eine fast unvermeidliche Begleiterscheinung von Innovationen sind Konflikte, vor allem weil immer auch ressortbezogene und persönliche Interessen auf dem Spiel stehen. Innovationen aktivieren Ehrgeiz ebenso wie Ängste und Widerstände. Eine erfolgreiche Umsetzung hängt entscheidend davon ab, inwieweit im gesamten Prozess den Bedenken, Bedürfnissen und Interessen der Betroffenen Rechnung getragen wird. Für Verfahrensinnovationen werden solche partizipative Lösungsstrategien von der Literatur als effizient angesehen; unsere Fälle zeigen anschaulich, dass Partizipation tatsächlich das entscheidende Erfolgskriterium ist. Bei Produktinnovationen werden dagegen seltener Konflikte vermutet. Dabei verweisen die Durchsetzungs- bzw. Verhinderungspraktiken ebenfalls auf den Konfliktgehalt von Produktinnovationen: Koalitionen werden gebildet, Intrigen eingefädelt, Komplotte geschmiedet und im Gegenzug Gegner konspirativ vor vollendete Tatsachen gestellt. Daher werden im 6. Kapitel neben „Partizipation“ auch Fälle von heimlichen Innovationen näher betrachtet, die insgesamt erstaunlich erfolgreich sind.

Dies leitet über zu einer Gesamtbetrachtung innovativer Entscheidungsprozesse im 7. Kapitel. In der Organisationsliteratur findet man sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie organisationale Entscheidungsprozesse ablaufen. Neben dem ökonomischen Modell rationaler Entscheidungen ist die Forschung vor allem auch von Webers Bürokratiemodell (1921) beeinflusst worden. Im weiteren Verlauf sind dann weitere Entscheidungsmodelle als Alternativen zu diesen beiden klassischen Positionen entwickelt worden wie das Modell des adaptiven Problemlösens von March und Simon (1958), das Politikmodell von Burns (1961) und Nachfolgern sowie das Modell der organisierten Anarchie von Cohen, March und Olsen (1972). Unsere Studie zeigt im Detail, wie realistisch diese verschiedenartigen Modellvorstellungen sind und welche Arten von Entscheidungsprozessen erfolgreich sind. Die Analyse der Entscheidungsverläufe zeigt das Verhältnis von Machtausübung anstelle von Einflussnahme, Informationspathologien und Innovationserfolg noch einmal zusammenhängend auf.

Die Innovationsliteratur ist bisher in sehr unterschiedliche Teilgebiete und Systemebenen – Individuum, Gruppe, Organisation, Wirtschaft – zersplittert. Neben Studien, die auf die Bedeutung individueller Kreativität und auf herausragende Einzelkämpfer eingehen, finden sich Analysen von Kommunikationsprozessen, von innovationsförderlichen Organisationsstrukturen und -kulturen, von Determinanten der Diffusion von Neuerungen und von generellen ökonomischen Bedingungen, ohne sie in ein Gesamtkonzept zu integrieren. Im 8. Kapitel wird eine alle Ebenen integrierende Konzeption von Innovation als evolutionärer Prozess der Wissensproduktion analysiert und verständlich gemacht. Mit diesem Modell lässt sich auch das oben dargestellte Innovationsparadox auflösen, denn es zeigt anschaulich, dass wie man schrittweise neue Erkenntnisse gewinnen kann, ohne allerdings je Sicherheit zu gewinnen.

Mit konkreten Anregungen für das Management von Innovationen im 9. Kapitel wird sich dann der Bogen schließen, der mit dem eingangs berichteten Innovationsfall eröffnet wurde. Aus den einzelnen Analysen und aus dem evolutionären Gesamtmodell werden innovationsförderliche und -hinderliche Faktoren abgeleitet und – soweit unabhängig von konkreten Situationen möglich – zu praktischen Umsetzungsvorschlägen verdichtet. Die Integration psychologischer, soziologischer und ökonomischer Erkenntnisse und Konzepte macht den besonderen Wert dieses Buches aus.

Prof. Dr. Wolfgang Scholl | Humboldt-Universität zu Berlin
Weitere Informationen:
http://www.artop.de
http://www.psychologie.hu-berlin.de/orgpsy/index.htm

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wie gesund werden wir alt?
18.09.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Entrepreneurship-Studie: Großes Potential für Unternehmensgründungen in Deutschland
15.09.2017 | Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zum Biomining ab Sonntag in Freiberg

22.09.2017 | Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

DFG bewilligt drei neue Forschergruppen und eine neue Klinische Forschergruppe

22.09.2017 | Förderungen Preise

Lebendiges Gewebe aus dem Drucker

22.09.2017 | Biowissenschaften Chemie