Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Hightech-Standort Europa akut gefährdet

15.11.2005


Enormer Vorsprung für USA und Asien - Dennoch kann den Europäern der Anschluss gelingen - Potenzial für bis zu vier Millionen neue Arbeitsplätze


Der europäische Hightech-Standort ist in arger Bedrängnis. Nur noch 17 Prozent der weltweit größten Hightech-Unternehmen kommen derzeit aus Europa. Besonders betroffen ist die Software-Industrie. Dort erreichen lediglich drei europäische Unternehmen Umsätze von mehr als einer Milliarde Euro. In den Vereinigten Staaten übertreffen 14 Firmen diese Marke. Der Abstand der Europäer zu Hightech-Firmen aus den USA und Asien vergrößert sich zunehmend. Trotz der prekären Lage haben europäische Firmen gute Chancen wieder aufzuholen. Das sind Ergebnisse einer neuen Studie der Unternehmensberatung McKinsey & Company zur Zukunft der Hightech-Industrie in Europa, die am Dienstag in Frankfurt vorgestellt wurde und die die Situation von Unternehmen aus den Bereichen Datenkommunikation, Luft- und Raumfahrt, Verteidigung, Medizinische Systeme, Software, Unterhaltungselektronik, IT-Dienste und Halbleiter beleuchtet. Gründe für die Misere seien eine hohe Fragmentierung des Markts, ein relativ kleiner Pool an Managementtalenten sowie vergleichsweise niedrige Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Gelingt es den europäischen Hightech-Unternehmen, ihren Anteil am weltweiten Bruttoinlandsprodukt auf das Durchschnittsniveau anderer Industrien (30 Prozent) zu heben, könnten schätzungsweise bis zu vier Millionen neue Arbeitsplätze in Europa entstehen.

"Der europäische Hightech-Sektor ist abgesehen von wenigen Erfolgsbeispielen akut gefährdet", sagt McKinsey-Partnerin Claudia Funke, Autorin der Studie. Nicht zu unterschätzen sei dabei die enorme Bedeutung von Hightech auch für andere Industrien, wie zum Beispiel Automobil, Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigung.


Europäischer Hightech-Sektor schwächer als andere Industrien

Laut McKinsey-Untersuchung kommen derzeit lediglich 57 der 336 erfolgreichsten Hightech-Firmen aus Europa. Unternehmen anderer Industrien, wie zum Beispiel Automobil, Logistik oder Chemie, stehen im weltweiten Vergleich besser da. Sie haben einen durchschnittlichen Anteil von rund 30 Prozent verglichen mit nur 17 Prozent bei Hightech. Dies spiegelt sich auch im europäischen Bruttoinlandsprodukt wider. Eindeutig dominiert wird die Hightech-Industrie von den USA, die mehr als die Hälfte der erfolgreichsten Unternehmen stellen.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E). Die US-Amerikaner investierten im Jahr 2003 rund 268 Milliarden US-Dollar, die Europäer dagegen nur 189 Milliarden US-Dollar. Auch bei den für die Hightech-Branche wichtigen Patenten liegt die USA mit fast 50 Prozent mehr Anmeldungen weit vor der europäischen Konkurrenz.

Europa punktet bei Mobilfunk, Luft- und Raumfahrt

Nur noch in wenigen Hightech-Industrien befinden sich Europäer in der Spitzengruppe. So etwa bei der Luft- und Raumfahrt sowie der Verteidigungsindustrie. Acht der 20 erfolgreichsten Unternehmen stammen aus Europa, darunter EADS, Thales, Rolls-Royce oder Dassault Aviation. Gut aufgestellt sind auch Unternehmen aus der Mobilfunk- und Datenkommunikation. Dringender Aufholbedarf besteht dagegen bei Software, Unterhaltungselektronik oder Halbleitern, so die McKinsey-Studie.

Vier Erfolgsfaktoren entscheiden

Um aufzuholen, sollten sich europäische Hightech-Unternehmen laut McKinsey vor allem auf vier Handlungsfelder konzentrieren. Entscheidend sei ein "Speed to Scale"-Geschäftsmodell, eine auf schnelles Wachstum ausgerichtete Strategie. Außerdem sollten die Unternehmen mehr in Talentmanagement investieren, damit ihre Attraktivität als Arbeitgeber zunimmt, und möglichst diverse Führungsmannschaften aufbauen. Dritter Stellhebel sei eine langfristig ausgerichtete, aber trotzdem kurzfristig gewinnorientierte Kapitalstruktur. Dies ermögliche mutige und in die Zukunft gerichtete Managemententscheidungen und schütze das Unternehmen vor einer frühzeitigen Zerschlagung. Schließlich sollten europäische Hightech-Unternehmen ihr Umfeld aktiv gestalten, etwa durch den Aufbau von Clustern - Ansammlungen von Experten in Unternehmen, Verwaltungen und Bildungseinrichtungen - oder beim Setzen von Standards. In der Telekommunikation konnten europäische Hightech-Firmen beispielsweise durch die europaweite Etablierung der DECT-Technik punkten.

Europäischen Hightech-Firmen fehlt der entscheidende Schritt zur Marktführerschaft. Die Untersuchung von McKinsey hat drei Bereiche identifiziert, in denen europäische Hightech-Unternehmen eine internationale Vorreiterschaft übernehmen können: die Verbindung von Informationstechnologie und Telekommunikation, das Ausschöpfen europäischer Stärken bei Embedded Software, wie zum Beispiel das Antiblockiersystem im Auto oder Satellitenkontrollsysteme in der Luftfahrt, sowie das Zusammenspiel von hoch entwickelter Technik mit Design oder Inhalten, beispielsweise bei der flächendeckenden Einführung einer Breitband-Infrastruktur von Telekommunikationsunternehmen.

Bessere Rahmenbedingungen notwendig

"Ungünstige Rahmenbedingungen, stark fragmentierte Märkte, kleine und wenig dynamische Cluster sowie eine geringe Akzeptanz von Unternehmertum erschweren es europäischen Hightech-Unternehmen, den Anschluss zu finden", so Claudia Funke. Besonders deutlich zeige sich dies bei der Clusterbildung. Während Silicon Valley, das erfolgreichste Cluster in den USA, 300.000 Arbeitsplätze bietet, ist das größte Cluster in Europa mit signifikanter Beteiligung europäischer Firmen in Oulu, Finnland, mit 58.000 Jobs fünfmal kleiner. Größere Hightech-Cluster in der Region Asien/Pazifik umfassen durchweg mehr als 100.000 Arbeitsplätze.

McKinsey fordert daher eine Verbesserung der Rahmenbedingungen in vier Bereichen: Anerkennung von unternehmerischen Erfolgsbeispielen, Konzentration auf wenige Standards, Fokussierung der öffentlichen Ressourcen auf die Entwicklung von Toptalenten und möglichst wenige Cluster sowie Ausbau des Unternehmertums mit europaweiter intensiver Förderung von Kleinunternehmen.

Bei verbesserten Rahmenbedingungen und der Berücksichtigung der Erfolgsfaktoren können europäische Hightech-Unternehmen ihren Anteil am weltweiten Hightech-Sektor auf ein Drittel erhöhen. Auf diese Weise könnten in Europa bis zu vier Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen werden, so das Fazit der Studie.

Rolf Antrecht | presseportal
Weitere Informationen:
http://www.mckinsey.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Neue Studie „Education first! Bildung entscheidet über die Zukunft Sahel-Afrikas“
29.11.2017 | Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

nachricht Zukunftsstudie zum Autoland Saarland veröffentlicht
29.11.2017 | Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Stabile Quantenbits

Physiker aus Konstanz, Princeton und Maryland schaffen ein stabiles Quantengatter als Grundelement für den Quantencomputer

Meilenstein auf dem Weg zum Quantencomputer: Wissenschaftler der Universität Konstanz, der Princeton University sowie der University of Maryland entwickeln ein...

Im Focus: Realer Versuch statt virtuellem Experiment: Erfolgreiche Prüfung von Nanodrähten

Mit neuartigen Experimenten enträtseln Forscher des Helmholtz-Zentrums Geesthacht und der Technischen Universität Hamburg, warum winzige Metallstrukturen extrem fest sind

Ultraleichte und zugleich extrem feste Werkstoffe – poröse Nanomaterialien aus Metall versprechen hochinteressante Anwendungen unter anderem für künftige...

Im Focus: Geburtshelfer und Wegweiser für Photonen

Gezielt Photonen erzeugen und ihren Weg kontrollieren: Das sollte mit einem neuen Design gelingen, das Würzburger Physiker für optische Antennen erarbeitet haben.

Atome und Moleküle können dazu gebracht werden, Lichtteilchen (Photonen) auszusenden. Dieser Vorgang verläuft aber ohne äußeren Eingriff ineffizient und...

Im Focus: Towards data storage at the single molecule level

The miniaturization of the current technology of storage media is hindered by fundamental limits of quantum mechanics. A new approach consists in using so-called spin-crossover molecules as the smallest possible storage unit. Similar to normal hard drives, these special molecules can save information via their magnetic state. A research team from Kiel University has now managed to successfully place a new class of spin-crossover molecules onto a surface and to improve the molecule’s storage capacity. The storage density of conventional hard drives could therefore theoretically be increased by more than one hundred fold. The study has been published in the scientific journal Nano Letters.

Over the past few years, the building blocks of storage media have gotten ever smaller. But further miniaturization of the current technology is hindered by...

Im Focus: Successful Mechanical Testing of Nanowires

With innovative experiments, researchers at the Helmholtz-Zentrums Geesthacht and the Technical University Hamburg unravel why tiny metallic structures are extremely strong

Light-weight and simultaneously strong – porous metallic nanomaterials promise interesting applications as, for instance, for future aeroplanes with enhanced...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Innovative Strategien zur Bekämpfung von parasitären Würmern

08.12.2017 | Veranstaltungen

Hohe Heilungschancen bei Lymphomen im Kindesalter

07.12.2017 | Veranstaltungen

Der Roboter im Pflegeheim – bald Wirklichkeit?

05.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Papstar entscheidet sich für tisoware

08.12.2017 | Unternehmensmeldung

Natürliches Radongas – zweithäufigste Ursache für Lungenkrebs

08.12.2017 | Unternehmensmeldung

„Spionieren“ der versteckten Geometrie komplexer Netzwerke mit Hilfe von Maschinenintelligenz

08.12.2017 | Biowissenschaften Chemie