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Studie "Restrukturierung in Europa 2005"

11.11.2005


  • Unternehmen reagieren mit Verzögerung auf Krisenanzeichen, nur 50 Prozent handeln innerhalb von zwölf Monaten
  • Management Commitment und schnelle Implementierung von Frühwarnsystemen sind in Westeuropa wichtigste Erfolgsfaktoren - doch die Umsetzung erfolgt häufig noch nicht konsequent genug
  • Restrukturierung ist weit mehr als reine Kostenreduktion und wird zur strategischen Daueraufgabe

Vielen Unternehmen fehlt das Know-how, Krisen zu erkennen und eine Restrukturierung erfolgreich zu steuern. Das erweist sich auch als Wachstumsbremse für Europas Volkswirtschaften. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie "Restrukturierung in Europa 2005", die Roland Berger Strategy Consultants vorgelegt hat. Zwischen 2003 und 2005 hatte die internationale Strategieberatung das Management von 2.600 Unternehmen diverser Branchen in 12 europäischen Ländern befragt. In die Auswertung einbezogen wurden Unternehmen, die sich in den vergangenen drei Jahren restrukturiert haben.


Laut Studie benötigen europäische Unternehmen im Durchschnitt 16 Monate, um auf eine Krise zu reagieren und die Restrukturierung einzuleiten. Knapp 50 Prozent der Firmen gelingt es, mit der Restrukturierung nach spätestens zwölf Monaten zu beginnen. "Viele Unternehmen riskieren so den Verlust von Arbeitsplätzen", sagt Michael Blatz, Partner bei Roland Berger Strategy Consultants. Wie wichtig zügiges Handeln ist, zeigt ein weiteres Untersuchungsergebnis: Drei Viertel der Unternehmen, die längstens ein Jahr Reaktionszeit benötigten, waren mit der anschließenden Restrukturierung zufrieden. "Wer schnell auf eine Krise reagiert, hat oft noch genügend Zeit, um kreative Lösungen durchzusetzen", so Blatz.

Generell reagieren westeuropäische Unternehmen schneller auf Krisen als mittel- und osteuropäische, große Unternehmen etwas schneller als kleine. Im Branchenvergleich liegen Einzelhandel (durchschnittliche Reaktionszeit: 5,3 Monate) und Konsumgüterindustrie (6,7 Monate) an der Spitze.


Auffällig ist, dass insbesondere Unternehmen in Krisensituationen Frühwarnsysteme nur wenig nutzen: Nur knapp ein Drittel der Firmen, die in eine Existenz bedrohende Liquiditätskrise geraten, hat systematisch eine rollierende Liquiditätsvorschau implementiert. Unter den Firmen mit Frühwarnsystemen wiederum reagieren diejenigen am schnellsten, die mit der Balanced Scorecard arbeiten (durchschnittliche Reaktionszeit: 11,2 Monate).

Entscheidend ist auch, in welcher Krisenphase Unternehmen gegensteuern. 29 Prozent der europäischen Unternehmen (Deutschland: 32 Prozent) reagieren bereits bei strategischen Problemen, also in einer sehr frühen Phase. 54 Prozent (Deutschland: 51 Prozent) handeln dagegen erst bei einer Ergebniskrise, und immerhin 17 Prozent verharren, bis die Liquiditätskrise eingetreten ist. In Mittel- und Osteuropa warten sogar 26 Prozent der Unternehmen ab, bis sie zu einem akuten Restrukturierungsfall werden - und verschenken so Handlungsspielraum.

Als wichtigsten Faktor für eine erfolgreiche Restrukturierung nennen die Unternehmen europaweit das Commitment des Managements; in Westeuropa halten dies 67 Prozent der Befragten für sehr wichtig. Allerdings bewerten lediglich 36 Prozent der westeuropäischen Firmen die Realisierung dieses Punktes als "sehr erfolgreich". Ebenfalls von Bedeutung sind schnelle Implementierung und ein ganzheitliches Konzept. Doch auch hier unterscheiden sich Wunsch und Wirklichkeit: 42 Prozent der westeuropäischen Unternehmen halten die schnelle Implementierung für sehr wichtig (Mittel-/Osteuropa: 26 Prozent), doch nur 28 Prozent (14 Prozent) geben an, diesen Faktor erfolgreich umgesetzt zu haben. "Daran zeigt sich, dass es im Krisenfall Beharrungstendenzen gibt und das Unternehmen häufig nicht in der Lage ist, die Krise ohne fremde Hilfe zu bewältigen", sagt Blatz.

Wem es dagegen gelingt, möglichst viele wichtige Faktoren erfolgreich umzusetzen, der kann davon erheblich profitieren: Die befragten Unternehmen, die drei bis fünf wichtige Faktoren erfüllten, erzielten EBIT-Steigerungen von durchschnittlich 283 Prozent. Europaweit sollen dabei rund 50 Prozent der geplanten Ergebnisverbesserungen aus Umsatzsteigerungsprogrammen resultieren. Für Blatz ist das ein Indiz, dass Restrukturierung heute weit mehr ist als reine Kostenreduktion: "Die Bedeutung von Sales up-Programmen und intelligenten Frühwarnsystemen steigt." Deutschland ist in dieser Hinsicht noch Schlusslicht in Europa: Hier gehen die Unternehmen davon aus, dass Ergebniseffekte nur zu 30 Prozent aus geplanten Umsatzsteigerungen resultieren, kostenseitige Maßnahmen zur Steigerung der Profitabilität überwiegen. "Das hat auch damit zu tun, dass durch die schwierige konjunkturelle Lage in den vergangenen Jahren Umsatzsteigerungen nur schwer durchzusetzen waren", sagt Max Falckenberg, Principal bei Roland Berger Strategy Consultants.

Signifikante Unterschiede zwischen West- und Mittel-/Osteuropa zeigen sich bei den bevorzugten Restrukturierungsmaßnahmen: Während im Westen Personalabbau und Reduzierung der Personalkosten ganz oben stehen, genießt in Mittel- und Osteuropa die Umsatzsteigerung höchste Priorität. Geht es allein um die Verringerung des Personalaufwands, so weicht Deutschland deutlich von den anderen europäischen Ländern ab: Auf dem gesamten Kontinent sehen die Unternehmen betriebsbedingte Kündigungen als wichtigstes Instrument an. In der deutschen Konsensgesellschaft dagegen belegen Aufhebungsvertrag und Fluktuation mit Abstand die beiden ersten Plätze; betriebsbedingte Kündigungen folgen nach der Altersteilzeit erst auf Rang vier.

Bei Unternehmen, die für ihre Restrukturierung zusätzliche Mittel benötigen, ist europaweit die konzerninterne Finanzierung wichtigste Quelle für frisches Geld, gefolgt von Bankkrediten. Beide Instrumente spielen wiederum für deutsche Unternehmen kaum eine Rolle: Hier nennen 80 Prozent der Firmen Desinvestitionen als besten Weg, den Finanzierungsbedarf zu decken.

Europaweit einheitlich gehen dagegen zwei Drittel der befragten Unternehmen davon aus, dass in den nächsten zwei Jahren weitere Maßnahmen anstehen; nur neun Prozent betrachten ihren Wandel als abgeschlossen. Das bedeutet: Restrukturierung entwickelt sich mehr und mehr vom Turnaround-Management zur kreativen Daueraufgabe.

Susanne Horstmann | presseportal
Weitere Informationen:
http://www.rolandberger.com

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