Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Rheuma-Wirkstoff hilft erfolgreich gegen Schuppenflechte

25.10.2005


Medizinische Studie bewirkt die Zulassung des Wirkstoffs Infliximab für die Behandlung von Psoriasis (Schuppenflechte). Wissenschaftsjournal ’The Lancet’ veröffentlicht Studie unter leitender Beteiligung des Göttinger Dermatologen Prof. Dr. Kristian Reich.


Schuppenflechte (Psoriasis) lässt sich mit dem Rheuma-Wirkstoff Infliximab gut behandeln. Zu diesem Ergebnis kommt eine medizinische Studie aus Europa und Kanada. Die Ergebnisse der multizentrischen Phase III Studie haben zu der europaweiten Zulassung des Wirkstoffs ab Oktober 2005 auch für die Behandlung der Schuppenflechte geführt. Studienleiter für Deutschland ist Prof. Dr. Kristian Reich aus der Abteilung Dermatologie und Venerologie (Direktorin: Prof. Dr. Christine Neumann) am Bereich Humanmedizin der Universität Göttingen.

Infliximab dämpft körpereigene Entzündungsprozesse, die durch das Protein TNF-alpha vermittelt werden. Zu diesen Entzündungen gehören auch die rheumatoide Arthritis (chronische Gelenkentzündung) und der Morbus Crohn, eine chronische Entzündung des Verdauungstraktes. "Im Vergleich mit anderen, schon zugelassenen Medikamenten gegen Psoriasis zeigt Infliximab eine sehr gute Wirksamkeit", sagt Prof. Kristian Reich aus Göttingen: "Der Wirkstoff hilft Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Schuppenflechte, auch solchen mit hartnäckiger Nagel-Psoriasis. Es wirkt bei den meisten Patienten schell und dauerhaft". Die Ergebnisse der Studie wurden im international renommierten wissenschaftlichen Medizin-Journal The Lancet veröffentlicht (Vol. 366, 15. Oktober 2005).


An der Studie nahmen 378 Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Psoriasis teil. Die Patienten erhielten zu Beginn, nach zwei und sechs Wochen und danach im Abstand von acht Wochen Infusionen mit Infliximab oder einem Placebo (Scheinmedikament). Nach 46 Wochen wurde die Behandlung beendet. Bereits nach zehn Wochen besserten sich bei acht von zehn der mit Infliximab behandelten Patienten die Symptome um mindestens 75 Prozent, berechnet nach einer Standard-Psoriasis-Skala. 57 Prozent der Patienten zeigten eine mindestens 90-prozentige Verbesserung. Bei einem Viertel der Patienten heilten die Hautveränderungen völlig ab, was bei keinem Patienten der Placebo-Gruppe der Fall war.

Infliximab wirkt, indem es die Aktivität des körpereigenen Proteins TNF-alpha neutralisiert. TNF-alpha ist eine wichtige Komponente in allen Entzündungsprozessen des Körpers. Indem TNF-alpha blockiert wird, vermindern sich auch "gewünschte" Abwehrreaktionen des Körpers, etwa zur Bekämpfung von Erkältungen oder Wundinfektionen. Unter Infliximab kann es daher zu schweren Infektionen kommen. In Deutschland darf die Substanz vorerst nur gegen Psoriasis verwendet werden, wenn andere Behandlungen versagen ("Second-Line"-Therapie). Tatsächlich kam es bei drei Patienten der Studie unter Infliximab zu schweren Infektionen. Zwei Patienten entwickelten ein Lupus-ähnliches Syndrom an der Haut und vier Patienten schwere Infusionsreaktionen. Anders als klassische Psoriasis-Medikamente bewirkt Infliximab nach bisherigen Erkenntnissen dagegen keine Organ-Schädigungen wie zum Beispiel Nierenschäden.

Eine direkte Vergleichstudie des Wirkstoffs Infliximab gegen eines der klassischen Psoriasis-Medikamente (Phase IV-Studie) ist von den Autoren der Lancet-Veröffentlichung für die nähere Zukunft geplant.

Psoriasis (Schuppenflechte) ist eine Hauterkrankung, bei der das Immunsystem körpereigene Hornzellen der Haut und der Finger- und Fußnägel angreift. Die Haut ist durch die Entzündungsreaktionen stark gerötet, schuppig und zum Teil mit Eiterbläschen besetzt. Auch Gelenke können befallen sein. Schuppen-flechte ist nicht ansteckend. Die Betroffenen leiden oft psychisch unter ihrem Aussehen. Zwei bis drei Prozent der Bevölkerung sind von Psoriasis betroffen, die damit eine der häufigsten Hauterkrankungen ist.
TNF-alpha (Tumor Necrose Factor-alpha) ist ein körpereigenes, entzündungsförderndes Protein, das von bestimmten Zellen des Immunsystems ausgeschüttet wird. TNF-alpha reguliert die körpereigene Abwehr gegen Fremdstoffe und "entartete" körpereigene Zellen. Wird TNF-alpha jedoch zuviel oder am falschen Ort zum falschen Zeitpunkt ausgeschüttet, kommt es zu "Überreaktionen" des Immunsystems. Dies ist bei der Schuppenflechte oder bei der rheumatoiden Arthritis der Fall. Mit Medikamenten kann eine TNF-alpha-Überreaktion heute neutralisiert werden. Dadurch werden jedoch auch natürliche Immunreaktionen unterdrückt, wodurch es zu schweren Entzündungen kommen kann.

Klinische Studien sind Voraussetzung für die Entwicklung und Zulassung von Arzneimitteltherapien. Dabei werden vier Entwicklungsphasen unterschieden. Phase III ist für die behördliche Zulassung entscheidend: Kontrollierte Studien an möglichst vielen Patienten sollen nachweisen, dass die Therapie in einer bestimmten Indikation ("Krankheit") deutlich besser oder genauso gut wirkt wie die anerkannte Standardtherapie. In der Phase IV werden Wirkung, Nutzen und Risiko unter Praxisbedingungen auch im Vergleich zu alternativen Therapien untersucht.

Weitere Informationen:
Bereich Humanmedizin - Universität Göttingen
Abt. Dermatologie und Venerologie
Prof. Dr. Kristian Reich
von-Siebold-Str. 3
37075 Göttingen
Tel.: 0172 / 270 1941
E-Mail: kreich@gwdg.de, reich@dermatologikum.de

Bereich Humanmedizin - Georg-August-Universität Göttingen
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit - Stefan Weller
Robert-Koch-Str. 42 - 37075 Göttingen
Tel.: 0551/39 - 99 59 - Fax: 0551/39 - 99 57
E-Mail: presse.medizin@med.uni-goettingen.de

Stefan Weller | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-goettingen.de
http://www.dermatologikum.de

Weitere Berichte zu: Infliximab Psoriasis Schuppenflechte TNF-alpha Wirkstoff

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Erste großangelegte Genomstudie prähistorischer Skelette aus Afrika
27.09.2017 | Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte / Max Planck Institute for the Science of Human History

nachricht Wie gesund werden wir alt?
18.09.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Smarte Sensoren für effiziente Prozesse

Materialfehler im Endprodukt können in vielen Industriebereichen zu frühzeitigem Versagen führen und den sicheren Gebrauch der Erzeugnisse massiv beeinträchtigen. Eine Schlüsselrolle im Rahmen der Qualitätssicherung kommt daher intelligenten, zerstörungsfreien Sensorsystemen zu, die es erlauben, Bauteile schnell und kostengünstig zu prüfen, ohne das Material selbst zu beschädigen oder die Oberfläche zu verändern. Experten des Fraunhofer IZFP in Saarbrücken präsentieren vom 7. bis 10. November 2017 auf der Blechexpo in Stuttgart zwei Exponate, die eine schnelle, zuverlässige und automatisierte Materialcharakterisierung und Fehlerbestimmung ermöglichen (Halle 5, Stand 5306).

Bei Verwendung zeitaufwändiger zerstörender Prüfverfahren zieht die Qualitätsprüfung durch die Beschädigung oder Zerstörung der Produkte enorme Kosten nach...

Im Focus: Smart sensors for efficient processes

Material defects in end products can quickly result in failures in many areas of industry, and have a massive impact on the safe use of their products. This is why, in the field of quality assurance, intelligent, nondestructive sensor systems play a key role. They allow testing components and parts in a rapid and cost-efficient manner without destroying the actual product or changing its surface. Experts from the Fraunhofer IZFP in Saarbrücken will be presenting two exhibits at the Blechexpo in Stuttgart from 7–10 November 2017 that allow fast, reliable, and automated characterization of materials and detection of defects (Hall 5, Booth 5306).

When quality testing uses time-consuming destructive test methods, it can result in enormous costs due to damaging or destroying the products. And given that...

Im Focus: Cold molecules on collision course

Using a new cooling technique MPQ scientists succeed at observing collisions in a dense beam of cold and slow dipolar molecules.

How do chemical reactions proceed at extremely low temperatures? The answer requires the investigation of molecular samples that are cold, dense, and slow at...

Im Focus: Kalte Moleküle auf Kollisionskurs

Mit einer neuen Kühlmethode gelingt Wissenschaftlern am MPQ die Beobachtung von Stößen in einem dichten Strahl aus kalten und langsamen dipolaren Molekülen.

Wie verlaufen chemische Reaktionen bei extrem tiefen Temperaturen? Um diese Frage zu beantworten, benötigt man molekulare Proben, die gleichzeitig kalt, dicht...

Im Focus: Astronomen entdecken ungewöhnliche spindelförmige Galaxien

Galaxien als majestätische, rotierende Sternscheiben? Nicht bei den spindelförmigen Galaxien, die von Athanasia Tsatsi (Max-Planck-Institut für Astronomie) und ihren Kollegen untersucht wurden. Mit Hilfe der CALIFA-Umfrage fanden die Astronomen heraus, dass diese schlanken Galaxien, die sich um ihre Längsachse drehen, weitaus häufiger sind als bisher angenommen. Mit den neuen Daten konnten die Astronomen außerdem ein Modell dafür entwickeln, wie die spindelförmigen Galaxien aus einer speziellen Art von Verschmelzung zweier Spiralgalaxien entstehen. Die Ergebnisse wurden in der Zeitschrift Astronomy & Astrophysics veröffentlicht.

Wenn die meisten Menschen an Galaxien denken, dürften sie an majestätische Spiralgalaxien wie die unserer Heimatgalaxie denken, der Milchstraße: Milliarden von...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresbiologe Mark E. Hay zu Gast bei den "Noblen Gesprächen" am Beutenberg Campus in Jena

16.10.2017 | Veranstaltungen

bionection 2017 erstmals in Thüringen: Biotech-Spitzenforschung trifft in Jena auf Weltmarktführer

13.10.2017 | Veranstaltungen

Tagung „Energieeffiziente Abluftreinigung“ zeigt, wie man durch Luftreinhaltemaßnahmen profitieren kann

13.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

ESO-Teleskope beobachten erstes Licht einer Gravitationswellen-Quelle

16.10.2017 | Physik Astronomie

Was läuft schief beim Noonan-Syndrom? – Grundlagen der neuronalen Fehlfunktion entdeckt

16.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Gewebe mit Hilfe von Stammzellen regenerieren

16.10.2017 | Förderungen Preise