Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Zwischen Wachstum und Kostendruck - Automobilzulieferer rüsten sich für die Zukunft

19.10.2005


PricewaterhouseCoopers-Umfrage unter 120 Firmen bestätigt: Automobilzulieferer rechnen mit wachsenden Chancen aber auch wachsenden Schwierigkeiten / Weitere Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer ist wahrscheinlich / Konsequentes Innovationsmanagement als Handlungsdirektive


Die deutschen Automobilzulieferer müssen in der Zukunft große Herausforderungen meistern. Outsourcing bei den Automobilfirmen und die Wachstumsmärkte in Asien sorgen für positive Umsatzerwartungen. Auf der anderen Seite sehen sich die Zulieferer hohem Kostendruck ausgesetzt, der sich in Zukunft kaum verringert. Die Unternehmen wollen die Herausforderung aktiv angehen: Über 86 Prozent der Befragten wollen neue Absatzregionen erschließen, rund 83 Prozent sehen eine Innovationsoffensive als Schlüssel zum Erfolg. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie "Innovationen: Erfolgspfad der deutschen Automobilindustrie" von PricewaterhouseCoopers (PwC). PwC befragte 120 Zulieferer zu Entwicklungen, Tendenzen und Herausforderungen in der Automobilbranche.

Die Studie unterstreicht die Bedeutung des richtigen Innovationsmanagements. "Nur die Zulieferer, denen es gelingt, das eigene Produktportfolio kontinuierlich und effizient weiterzuentwickeln, werden die besten Karten für die Zukunft haben", erklärt Michael Borgmann, Automotive-Experte bei PwC.


Innovationsführer zwischen Insourcing und Outsourcing

Automobilzulieferer werden immer stärker in die Rolle des Innovationsführers gedrängt. Zwar haben jüngst Automobilhersteller Teile der Produktion und Entwicklung wieder in die Konzerne verlagert - zum Teil auf Grund von Überkapazitäten oder um Standortsicherungsverträgen nachzukommen, aber auch um Know-How und Qualität zu sichern. Trotzdem gehen die Automobilzulieferer davon aus, dass der Trend zum Outsourcing anhält. 45,1 Prozent der befragten Unternehmen rechnen damit, künftig noch mehr Entwicklungsarbeit für Hersteller aus dem Volumensegment zu übernehmen. Für den Premiumbereich gehen 34,2 Prozent von einer Steigerung aus. Dort spekulieren die Zulieferer allerdings auf vermehrte Produktionsaufträge (45,1 Prozent). Hintergrund: Viele Premiumhersteller lassen ganze Modellvarianten von Zulieferern bauen. Und die Vielfalt der Fahrzeugsegmente wächst beständig. 62 Prozent der Zulieferer rechnen mit einer weiteren Zunahme der Segmentvielfalt bei den Premiumherstellern, bei den Volumenherstellern sind es 43,2 Prozent.

Die Analysten von PwC AUTOFACTS gehen davon aus, dass deutsche Automobilhersteller noch mehr Aufgaben an Fremdfirmen vergeben müssen: "Der Zwang zur Verringerung der Fertigungstiefe hält an", sagt Franz Wagner, Mitglied des Vorstands bei PwC und Leiter des Bereichs Automotive. "Deutsche Unternehmen haben eine zu hohe Kostenstruktur und wären bei weiterem Insourcing langfristig nicht wettbewerbsfähig." PwC AUTOFACTS rechnet mit einem Wachstum des Zulieferermarkts um 45 Prozent auf 600 Milliarden Euro jährlich, wenn die Wertschöpfung auf Seiten der Zulieferer innerhalb der nächsten zehn Jahre um zehn Prozent steigt und die Produktion der Automobilhersteller um 22 Prozent anzieht.

Wachstumshoffnung Asien

Über 70 Prozent der befragten Unternehmen gehen von einer positiven Entwicklung der weltweiten Automobilindustrie aus. Besonders die asiatischen Märkte werden als viel versprechend eingestuft. Im Vergleich zu 2004 rechnen die Analysten von PwC AUTOFACTS 2012 mit einer Mehrproduktion von rund zehn Millionen Fahrzeugen weltweit. Unterstellt man einen durchschnittlichen Absatzpreis von 12.000 Euro, könnte die Branche 120 Milliarden Euro zusätzlich erzielen.

Rund 90 Prozent der Unternehmen schätzen China als Wachstumstreiber ein. Franz Wagner präzisiert: "Wir erwarten, dass das Fertigungsvolumen in China bis 2012 um über 30 Prozent zunimmt." Neue Märkte wie China oder Indien stellen aber auch andere Ansprüche an Automobilzulieferer. Nur wenn die Unternehmen in der Lage sind, Lösungen anzubieten, die zur Produktion kostengünstiger Fahrzeuge beitragen, werden sie auch auf den asiatischen Massenmärkten mitmischen können.

Finanzinvestoren interessieren sich für Zulieferer

Kostenreduzierung ist das zentrale Thema für die Automobilzulieferer, nicht nur wenn es darum geht, auf den asiatischen Märkten Fuß zu fassen. Standen zunächst die Personalkosten auf dem Prüfstand, sind es jetzt die Materialkosten. Der Stahlpreis hat sich in den vergangenen zwei Jahren verdoppelt, der Ölpreis bleibt wegen der hohen Nachfrage aus China voraussichtlich auf hohem Niveau. 65,8 Prozent der Zulieferer gehen davon aus, dass die Materialpreise auch in den kommenden Jahren weiter ansteigen werden.

Die Zulieferer können in den seltensten Fällen die gestiegenen Kosten auch an die Hersteller weiterreichen. Im Gegenteil, die Zulieferer werden eher mit sinkenden Absatzpreisen konfrontiert. Daher wollen 61,7 Prozent versuchen, weniger für Material auszugeben. Das größte Einsparpotenzial wird allerdings beim Personal gesehen: 89 Prozent der Zulieferer sind bestrebt, die Personalkosten zu senken, drei Viertel (75,2 Prozent) erwägen eine Produktion in Billiglohnländern.

Die steigenden Produktions- und Entwicklungsaufgaben führen auch zu einem steigenden Finanzierungsbedarf. Basel II-Regelungen lassen befürchten, dass für die Zulieferer künftig zudem die Finanzierungskosten steigen, wenn es ihnen nicht gelingt, den Eigenkapitalanteil zu erhöhen. PwC beobachtet ein steigendes Interesse von Finanzinvestoren an der Zulieferindustrie. Vorteil für die Zulieferer: Der Eigenkapitalanteil steigt. Und, anders als bei strategischen oder industriellen Investoren, haben Private-Equity-Unternehmen nicht notwendigerweise das Interesse, direkten Einfluss auf die operative Unternehmenstätigkeit zu nehmen. Nachteil: Finanzinvestoren sind an kurzfristigen Renditesteigerungen interessiert, da sie gewöhnlich nach fünf bis sechs Jahren aus einem Investment wieder aussteigen.

Innovationen - Wege aus dem Dilemma

Die deutsche Zulieferindustrie vertraut auf ihre Innovationsfähigkeit, um die Zukunft zu sichern. 82,8 Prozent erachten Innovationen als Schlüssel zum Bestehen der derzeitigen Herausforderungen in der Branche. Gleichzeitig müssen sie Innovationen so kostengünstig wie möglich entwickeln. Ein konsequentes Innovationsmanagement ist daher unabdingbar. Einerseits müssen die Innovationsprozesse zielgerichtet ablaufen und die knappen Ressourcen den aussichtsreichsten Projekten zugeordnet werden. Andererseits sollten sich Innovationen stark am Kunden orientieren. Da die Zulieferer durch Outsourcing immer mehr Entwicklungsaufgaben übernehmen, hat sich auch das Kundenbild gewandelt. Waren früher die Herstellervorgaben die Richtschnur, sind es immer häufiger die Endkundenwünsche.

Um die knappen Budgets für Forschung und Entwicklung möglichst effizient einzusetzen, müssen Innovationsprozesse zielgerichtet durchgeführt werden. PwC hebt fünf Lösungspfade hervor, die Automobilzulieferern dabei helfen sollen, Erfolg versprechende Lösungen für die Themen ihrer Kunden zu finden:

1. Intelligente Reduktion: Weniger ist mehr, diese Devise gilt für diesen Innovationspfad. Weglassen von Funktionen oder Elementen ohne die wesentlichen Funktionen zu berühren kann zu Kostensenkung, Gewichtsersparnis oder höherer Bedienerfreundlichkeit führen.

2. Form- und funktionsorientierte Kombination: Die Verbindung bestehender Technologie oder Werkstoffe führt zu einem leistungsfähigeren oder praktischeren Produkt. Form- und funktionsorientierte Kombination zielt darauf, bei gleichen Kosten ein verbessertes Leistungsspektrum zu bieten.

3. Bedürfnisorientierte Erweiterung: Die Ergänzung eines Produktes um neue Merkmale spielt vor allem in der Fahrzeugkonzeption eine Rolle. In höheren Fahrzeugklassen werden zusätzliche Funktionen angeboten, zur Einparkhilfe die Rückfahrkamera, zur Stereoanlage der Surroundsound. Damit der Kunde auch bereit ist, für diese Erweiterungen zu zahlen, müssen sie möglichst nah an seinen Bedürfnissen entwickelt werden.

4. Komfortsteigernde Trennung: Getrennt regelbare Klimaanlagen für Fahrer und Beifahrer, aber auch getrennt einstellbare Rücksitze sind Beispiele der Trennung von Bauteilen oder Funktionen, um einen Zusatznutzen zu erzielen. Ansätze, die den Komfort steigern sind besonders viel versprechend.

5. Regelungsorientierte Flexibilisierung: Bei der Flexibilisierung steht die Interaktion mit der Umwelt im Vordergrund. Dabei wird vornehmlich auf Sicherheitsaspekte abgehoben. Mit vielen Sicherheits-innovationen geht aber auch eine Entmündigung des Fahrers einher - und es ist fraglich, ob Kunden dafür zusätzlich zahlen wollen. Eine Flexibilisierung, die sich vor allem an geltenden und zukünftigen gesetzlichen Regelungen orientiert, erscheint PwC sinnvoller.

Innovationspolitik der kleinen Schritte

Große Entwicklungssprünge sind nicht zwangsläufig die beste Wahl. Sie sind langwierig in der Entwicklung, teuer in der Umsetzung und werden oftmals weder vom Kunden noch vom Gesetzgeber honoriert. Ferdinand Porsche entwickelte schon Ende des 19. Jahrhunderts einen Hybridmotor. Und das Direktschaltgetriebe schlummerte jahrelang in Entwicklerschubladen, weil kein Kunde eine Notwendigkeit dafür sah. Zulieferer sollten deshalb ihre Innovationsziele nicht zu hoch hängen. Gerade die Steigerung der Qualität liegt in Prozess- und weniger in Produktinnovationen verborgen.

Franz Wagner | presseportal
Weitere Informationen:
http://www.pwc.com

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Bedeutung von Biodiversität in Wäldern könnte mit Klimawandel zunehmen
17.11.2017 | Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig

nachricht Medizinische Innovationen für Afrika
02.11.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Im Focus: «Kosmische Schlange» lässt die Struktur von fernen Galaxien erkennen

Die Entstehung von Sternen in fernen Galaxien ist noch weitgehend unerforscht. Astronomen der Universität Genf konnten nun erstmals ein sechs Milliarden Lichtjahre entferntes Sternensystem genauer beobachten – und damit frühere Simulationen der Universität Zürich stützen. Ein spezieller Effekt ermöglicht mehrfach reflektierte Bilder, die sich wie eine Schlange durch den Kosmos ziehen.

Heute wissen Astronomen ziemlich genau, wie sich Sterne in der jüngsten kosmischen Vergangenheit gebildet haben. Aber gelten diese Gesetzmässigkeiten auch für...

Im Focus: A “cosmic snake” reveals the structure of remote galaxies

The formation of stars in distant galaxies is still largely unexplored. For the first time, astron-omers at the University of Geneva have now been able to closely observe a star system six billion light-years away. In doing so, they are confirming earlier simulations made by the University of Zurich. One special effect is made possible by the multiple reflections of images that run through the cosmos like a snake.

Today, astronomers have a pretty accurate idea of how stars were formed in the recent cosmic past. But do these laws also apply to older galaxies? For around a...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

500 Kommunikatoren zu Gast in Braunschweig

20.11.2017 | Veranstaltungen

VDI-Expertenforum „Gefährdungsanalyse Trinkwasser"

20.11.2017 | Veranstaltungen

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Künstliche neuronale Netze: 5-Achs-Fräsbearbeitung lernt, sich selbst zu optimieren

20.11.2017 | Informationstechnologie

Tonmineral bewässert Erdmantel von innen

20.11.2017 | Geowissenschaften

Hemmung von microRNA-29 schützt vor Herzfibrosen

20.11.2017 | Biowissenschaften Chemie