Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Auf der Suche nach den genetischen Ursachen von Volkskrankheiten

03.08.2005


Wissenschaftler der Medizinischen Klinik III der Universität Leipzig unter Leitung von Prof. Dr. Michael Stumvoll suchen nach den Ursachen von Volkskrankheiten. Mit den Untersuchungen in der eigenständigen Population der Sorben will man den Krankheitsursachen schneller auf die Spur kommen.

Obwohl aus Familien- und Zwillingsstudien bekannt ist, dass Vererbung auch eine Rolle dabei spielt, ob ich diese oder jene Krankheit bekomme, so kennt man doch kaum ein Gen, dass für die großen Volkskrankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck und Atherosklerose verantwortlich ist. Das liegt daran, dass das gleiche Krankheitsbild ganz verschiedene Ursachen haben kann.

So hat der eine Bluthochdruck, weil ein kleines Eiweißmolekül, das den Salzhaushalt regelt, mehr Salz im Körper zurück hält, als gut für ihn ist. Der andere hat Bluthochdruck, weil die Spannung der Blutgefäße höher ist als notwendig. Wenn man dabei bedenkt, dass Hunderte von Genen am Salzhaushalt beteiligt sind, und hundert andere an der Gefäßspannung, kann man nachvollziehen wie schwierig es ist, die eigentliche Ursache zu finden. So kommt es, dass es auch noch keine ursachenbezogene Therapie für Bluthochdruck gibt, sondern in der Regel nur die Symptome bekämpft werden.

Was haben die Sorben mit den Krankheitsursachen zu tun?

Kurz gesagt, nicht mehr oder weniger als alle andere. Der „sorbische Bluthochdruck“ wird sich nur schwerlich vom Bluthochdruck anderer Menschen unterscheiden. aber er kann uns besser als der aller anderen helfen, den Krankheitsursachen auf die Spur zu kommen. Nach allem was man über die Geschichte und vor allem die Sprache weiß, sind die Sorben des katholischen Dialektgebiets der Oberlausitz die einzige eigenständige Population ganz Mitteleuropas, die groß genug ist, die feinen Unterschiede zwischen Kranken und Gesunden zu entdecken. Von den ca. 15 000 Sorben müssen wir schätzungsweise 1500 untersuchen, um zu Ergebnissen zu gelangen. In Leipzig müssten wir für die gleichen Ergebnisse 3 Millionen Menschen untersuchen.

Das liegt daran, dass eine eigenständige Population auf Gründerväter zurückgeht, von denen die heute lebenden Nachkommen abstammen, die sich im Laufe der Geschichte nicht oder nur sehr wenig mit anderen Populationen vermischt haben. Hatte nun einer dieser Gründerväter ein verändertes Salzhaushaltsgen X getragen (das zu Zeiten von Salzmangel einen Schutz darstellte), so haben alle seine Nachkommen mit Bluthochdruck dieses veränderte Salzhaushaltsgen X.

„Susod“ heißt Nachbar

Die Wissenschaftler tauften die Studie „SUSOD“.. Dahinter verbirgt sich „Sorbs – Uncover the Secrets Of Disease“, was heißt: Sorben klären die Rätsel von Krankheiten. „Susod“, heißt im Sorbischen zugleich „Nachbar“. „Wir haben den Begriff auch deshalb, weil wir zum einen unsere slawischen Nachbarn durch die Teilnahme an der Studie um ihre Hilfe bitten und weil die Teilnehmer möglichst alle Nachbarn und Verwandten zu uns schicken sollen.“, erläutert der Leiter der Studie, Prof. Dr. Michael Stumvoll, Direktor der Medizinischen Klinik III , die Namengebung. Die zuständigen Ethikkommissionen der Universität Leipzig und der sächsischen Landesärztekammer in Dresden haben die Studie ohne Einschränkungen befürwortet.

Möglich wurde die Studie nur durch die großzügige Unterstützung der sorbischen Hausärzte, die bereitwillig ihre Praxisräume zur Verfügung stellten. Hier untersuchen Mitarbeiter der Medizinischen Klinik III die Patienten und nehmen ihnen Blut ab, das im Zentrallabor des Universitätsklinikums Leipzig analysiert wird. Jeder wird ausdrücklich gefragt, ob er bei der Studie mitmachen möchte. Kinder und Jugendliche dürfen generell nicht teilnehmen. Die wissenschaftliche Auswertung erfolgt dann anonym.

Was bringt die Studie den Sorben?

Der direkte Nutzen resultiert aus der eingehenden ärztlichen Untersuchung. Die Blutuntersuchungen z.B. können auf Krankheiten hinweisen, die „nicht weh tun“ und von denen der Patient bisher noch nichts wusste. So wurde schon so manches erhöhte Cholesterin entdeckt oder eine bisher unbekannte Blutarmut. Der Glukosebelastungstest kann auch einen unterschwelligen Diabetes aufdecken.

Längerfristig können die Untersuchungsergebnisse zu neuen Behandlungs- und Vorbeugungsmaßnahmen führen. „Unsere Kinder werden davon doppelt profitieren, denn wir gehen davon aus, dass die untersuchten Krankheiten in den nächsten Jahrzehnten noch häufiger werden.“, so Stumvoll.

Prof. Dr. Michael Stumvoll | Universität Leipzig
Weitere Informationen:
http://www.uni-leipzig.de

Weitere Berichte zu: Bluthochdruck Krankheitsursache Population Volkskrankheit

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Studie zu Bildungsangeboten für die Industrie 4.0 in Österreich
05.02.2018 | Fachhochschule St. Pölten

nachricht Schildkrötengehirne sind komplexer als gedacht
05.02.2018 | Eberhard Karls Universität Tübingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics