Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Studie zum Saaleausbau zeigt Schwachstellen auf

16.06.2005


Wissenschaftler kritisieren Bundesverkehrswegeplanung


Der Bundesverkehrswegeplanung mangelt es an Transparenz. Zu diesem Ergebnis kommt eine gemeinsame Studie des Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle (UFZ) und der Universität Kassel. Die Wissenschaftler hatten beispielhaft die seit 15 Jahren laufenden Planungen für den Ausbau der Unteren Saale zur Wasserstraße südlich von Magdeburg untersucht. Es sei oft nicht nachvollziehbar, weshalb ein Bauprojekt in den so genannten "Vordringlichen Bedarf" eingeordnet werde oder nicht, kritisieren die Wissenschaftler. Zwar werden umfangreiche Bewertungen der wirtschaftlichen, ökologischen und raumordnerischen Wirkungen unternommen. Aber wie diese Bewertungen zustande kommen, welche Abwägungen zwischen den einzelnen Bewertungskriterien getroffen und wie sie zu einem Gesamturteil verknüpft werden, bleibt auch bei genauem Hinschauen unklar. Das aktuelle Verfahren berge zudem die Gefahr, dass negative Umweltauswirkungen der Baumaßnahmen unterschätzt würden. "Der Bundesverkehrswegeplanung fehlen eine Gesamtbetrachtung und ein umfassendes Verkehrskonzept, an dem sich die einzelnen Projekte ausrichten", mahnen Dr. Daniel Petry und Dr. Bernd Klauer vom UFZ an. "Es geht fast immer nur um einzelne Projekte. Doch wie viele Autobahnen, Bahnstrecken oder Wasserstraßen sollen es insgesamt werden? Da die Gesamtziele nicht klar definiert sind, ist es unmöglich zu beurteilen, welchen Anteil ein einzelnes Bauprojekt für das Ganze überhaupt leistet."

Um die kritisierten Schwachpunkte für die künftige Bundesverkehrswegeplanung zu beheben, schlagen die Wissenschaftler drei Korrekturen vor: Nicht nur die Ergebnisse von Bewertungen für Verkehrsprojekte wie den Saaleausbau, sondern die vollständigen Bewertungsgutachten müssen rechtzeitig vor dem Beschluss des Bundesverkehrswegeplans der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, denn der Teufel steckt im Detail. Eine Begründung der Einstufung in die verschiedenen Bedarfskategorien würde für deutlich mehr Transparenz sorgen. Es sollte dabei deutlich werden, wie wirtschaftliche und ökologische Interessen gegeneinander abgewogen werden. Und schließlich sei es unbedingt notwendig, ein Gesamtkonzept für Mobilität in Deutschland zu entwickeln und Gesamtziele für den Bundesverkehrswegeplan zu definieren. Dann wäre es nämlich möglich die einzelnen Projekte nicht isoliert voneinander, sondern in ihrem spezifischen Beitrag zur Erreichung dieser Ziele zu bewerten. Eine Vorgehensweise, wie es im Übrigen auch seit Juli 2004 die Strategische Umweltprüfung für bestimmte Pläne und Programme öffentlicher Stellen nahe legt.


Der Ausbau der Saale zur Schifffahrtsstraße ist nach wie vor umstritten. Die in den BVWP 2003 aufgenommenen Pläne sehen vor, die Ausbaulücke im Unterlauf der ansonsten staugeregelten Saale durch einen Seitenkanal zu schließen. Dieser soll die ökologisch sensible Untere Saale umgehen und eine fast ganzjährige Nutzung der Saale als Transportweg ermöglichen. Für diesen Ausbau sind im aktuellen Bundesverkehrswegeplan rund 80 Millionen Euro vorgesehen. Die Befürworter argumentieren mit der Entlastung von Straßen und Schienen durch die Schifffahrt und mit Impulsen für die Wirtschaft in dieser Region. Die Gegner verweisen auf hohe Baukosten, auf eine mögliche Gefährdung der Auen im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe und auf Restriktionen für künftige Verbesserungen des Hochwasserschutzes. "Leider sind viele Teile des Entscheidungsprozesses chronisch intransparent", kritisiert Privatdozent Dr. Thomas Döring von der Universität Kassel."Beispielsweise ist für die Nutzen-Kosten-Analyse und damit für die Bedarfseinstufung die Verkehrsprognose eine entscheidende Ausgangsgröße. Doch die wird vom Bundesverkehrsministerium nur auf Bundesebene publiziert. Die abgeleiteten Prognosen für die Schifffahrt auf der Saale sind nicht öffentlich zugänglich." Die Untersuchungen der Wissenschaftler ergaben, dass die bestehenden Gutachten und veröffentlichten Bewertungen die Zweifel an der Vordringlichkeit des Saaleausbaus nicht völlig ausräumen.

Der Bundesverkehrswegeplan (BVWP) ist das zentrale Instrument zur Steuerung und Lenkung der Investitionen des Bundes in die Erhaltung sowie den Aus- und Neubau der Verkehrsinfrastruktur. Er wurde zuletzt 2003 beschlossen und steuert Investitionen in einer Gesamthöhe von 150 Milliarden Euro. Einerseits gilt der Verkehr als eine der bedeutendsten Ursachen von Umweltproblemen - anderseits herrscht ebenfalls Konsens darüber, dass eine gut funktionierende Verkehrsinfrastruktur eine entscheidende Vorraussetzung für wirtschaftliches Wachstum und damit für gesellschaftlichen Wohlstand ist. Die Bundesverkehrswegeplanung versucht nun, diese beiden Aspekte bei der Bewertung potentieller Verkehrsprojekte zu berücksichtigen und bei Konflikten gegeneinander abzuwägen. Diese Abwägung wird durch drei Bewertungsverfahren unterstützt: Die Nutzen-Kosten-Analyse (NKA) erfasst die ökonomischen Effekte von Verkehrsprojekten in Euro. In der Umweltrisikoeinschätzung (URE) werden Auswirkungen auf Natur und Landschaft beurteilt. Die Raumwirksamkeitsanalyse (RWA) berücksichtigt raumordnerische und städtebauliche Ziele und untersucht die Netzeffekte von Verkehrsprojekten.

Die Studie "Verkehr und Umwelt - Die Bundesverkehrswegeplanung zwischen wissenschaftlicher Methodik und politischer Auseinandersetzung" erscheint voraussichtlich im August als Buch im Metropolis Verlag Marburg. Sie ist in ein langfristig angelegtes Forschungsverbundprojekt des Umweltforschungszentrums Leipzig-Halle eingebunden. Seit 2001 beschäftigen sich dort Natur- und Sozialwissenschaftler mit dem Thema "Integriertes Flusseinzugsgebietsmanagement am Beispiel der Saale". Ziel dieser interdisziplinären Forschung ist es, nicht nur die Umwelt zu untersuchen, sondern auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die die Umwelt beeinflussen. Die Studie ist zugleich das erste gemeinsam realisierte Projekt im Rahmen einer zukünftig engeren Zusammenarbeit zwischen dem Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle und der Universität Kassel, die beide Einrichtungen im Dezember des vergangenen Jahres zur stärkeren Vernetzung ihrer umweltwissenschaftlichen Kompetenzen vereinbart haben.

Doris Böhme | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-kassel.de
http://www.ufz.de/index.php?de=640

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

nachricht Klimawandel: ungeahnte Rolle der Bodenerosion
11.04.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neue Methode für die Datenübertragung mit Licht

Der steigende Bedarf an schneller, leistungsfähiger Datenübertragung erfordert die Entwicklung neuer Verfahren zur verlustarmen und störungsfreien Übermittlung von optischen Informationssignalen. Wissenschaftler der Universität Johannesburg, des Instituts für Angewandte Optik der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) präsentieren im Fachblatt „Journal of Optics“ eine neue Möglichkeit, glasfaserbasierte und kabellose optische Datenübertragung effizient miteinander zu verbinden.

Dank des Internets können wir in Sekundenbruchteilen mit Menschen rund um den Globus in Kontakt treten. Damit die Kommunikation reibungslos funktioniert,...

Im Focus: Strathclyde-led research develops world's highest gain high-power laser amplifier

The world's highest gain high power laser amplifier - by many orders of magnitude - has been developed in research led at the University of Strathclyde.

The researchers demonstrated the feasibility of using plasma to amplify short laser pulses of picojoule-level energy up to 100 millijoules, which is a 'gain'...

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Lebensdauer alternder Brücken - prüfen und vorausschauen

29.05.2017 | Veranstaltungen

49. eucen-Konferenz zum Thema Lebenslanges Lernen an Universitäten

29.05.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz an der Schnittstelle von Literatur, Kultur und Wirtschaft

29.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Intelligente Sensoren mit System

29.05.2017 | Messenachrichten

Geckos kommunizieren überraschend flexibel

29.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

1,5 Millionen Euro für vier neue „Innovative Training Networks” an der Universität Hamburg

29.05.2017 | Förderungen Preise