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Im Gehirn gilt links vor rechts: RUB-Studie in Current Biology

24.05.2005


  • Im Gehirn gilt links vor rechts
  • Menschen und Vögel zeigen einseitige Aufmerksamkeit
  • RUB-Studie in Current Biology
Menschen richten ihre Aufmerksamkeit tendenziell auf die linke Hälfte ihres Gesichtsfelds. Bisher nahm man an, dass für diese Vorliebe das Corpus Callosum verantwortlich ist, welches für die schnelle Vermittlung von Informationen zwischen zwei spezialisierten Hirnregionen sorgt. Ein Team von Bochumer Biopsychologen um Bettina Diekamp wies jetzt aber gemeinsam mit italienischen Kollegen die Links-Vorliebe auch für zwei Vogelarten nach - und Vögel haben kein Corpus Callosum. "Der Grund für die einseitige Aufmerksamkeit muss also woanders liegen", folgert die Wissenschaftlerin, "und sie muss sich schon entwickelt haben, bevor sich Vögel und Säugetiere voneinander weg entwickelt haben, also vor mehr als 250 Millionen Jahren." Ihre Ergebnisse sind in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Current Biology" vom 24. Mai 2005 veröffentlicht.
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Menschen wählen lieber links

Stellt man gesunde Menschen vor die Aufgabe, auf einem Blatt mit sehr vielen in Reihen platzierten Buchstaben nur die E’s und R’s anzustreichen, wählen sie häufiger die Zielbuchstaben auf der linken Seite aus und übersehen welche auf der rechten Seite: Die Aufmerksamkeit richtet sich also eher nach links, ein als "Pseudoneglect" bekanntes Phänomen. Optische Eindrücke auf der linken Seite, die wir mit dem linken Auge wahrnehmen, werden von der rechten Gehirnhälfte verarbeitet. Ist diese Gehirnhälfte geschädigt, haben die Betroffenen weit größere Schwierigkeiten sich zu orientieren als nach Schädigungen der linken Hirnhälfte.


Alte Annahme entkräftet

Um den Effekt zu ergründen, ließen die Forscher Tauben und Hühner aus gleichmäßig vor ihnen verteilten Körnern picken. Die Tiere waren bei dem Versuch in der Mitte der Auswahlfläche fixiert. Beide Vogelarten entschieden sich häufiger für die Körner zu ihrer Linken und übersahen welche zu ihrer Rechten, zeigen also genau wie Menschen den Pseudoneglect. Dieser Fund zeigt, dass der Corpus Callosum, über den Vögel nicht verfügen, nicht der Grund für den Effekt sein kann. Außerdem erlaubt das Ergebnis einen Blick in die Evolution: Die Vorliebe für die linke Seite muss schon vorhanden gewesen sein, bevor sich Vögel und Säugertiere auseinanderentwickelt haben.

Ökonomie versus Effizienz

"Die Frage ist, warum die Vögel sich bei der Futtersuche auf die linke Seite konzentrieren, obwohl das ökonomisch unsinnig ist", so Bettina Diekamp. Wahrscheinlich arbeitet ein asymmetrisch spezialisiertes Gehirn effizienter. Vögel zeigten z.B. einen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß ihrer Hirnasymmetrien und ihrer Fähigkeit, zwei Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen, etwa Futter zu finden und wachsam auf Fressfeinde zu achten. Die Fähigkeit zur parallelen Verarbeitung verschiedener Aufgaben könnte somit die Grundlage für die evolutionäre Entstehung der Funktionsasymmetrien des Gehirns darstellen. Bisher nahm man an, dass nur wir Menschen über Links-Rechts-Unterschiede unserer Hirnfunktionen verfügen und das diese Eigenschaft einen Teil unserer denkerischen Überlegenheit ausmacht. Die Ergebnisse aus der Biopsychologie machen es aber wahrscheinlicher, dass Menschen in ihrer Evolution die Hirnasymmetrien einfach nur geerbt und nicht neu entwickelt haben.

Weitere Informationen

Bettina Diekamp, PhD, Department of Psychological and Brain Sciences, 150 Ames Hall, Johns Hopkins University, 3400 N. Charles Street, Baltimore, MD 21218, USA, Tel. 001 - 410 - 516 0228, Fax: 001 - 410 - 516 6205, E-Mail: b.diekamp@jhu.edu

Prof. Dr. Onur Güntürkün, Lehrstuhl für Biopsychologie, Fakultät für Psychologie der Ruhr-Universität Bochum, Raum GAFO 05/618, 44780 Bochum, Tel. 0234/32-26213, Fax: 0234/32-14377, E-Mail: onur.guentuerkuen@rub.de

Dr. Josef König | idw

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