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Wohlstandswachstum in Deutschland geht spürbar zurück

21.01.2005


McKinsey Global Institute warnt vor Auswirkungen der Alterung der Gesellschaft - Anstieg des Geldvermögens der Privathaushalte lässt stark nach - Keine Besserung durch höhere Geburtenrate oder Zuwanderung

Die Alterung der Gesellschaft sowie steigende Ausgaben für Gesundheit und Rente haben massive Auswirkungen auf den Wohlstand der deutschen Privathaushalte. Spätestens ab 2015 wird das Wachstum des Nettogeldvermögens sich verlangsamen und bis zum Jahr 2024 von derzeit 3,8 auf 2,4 Prozent jährlich zurückgehen. Damit würde der Zuwachs um gut 25 Prozent oder 1,2 Billionen Euro niedriger ausfallen als bei anhaltend höheren Steigerungsraten der Jahre 1986 bis 2003. Dies könnte den privaten Konsum und das Wirtschaftswachstum spürbar treffen. Eine höhere Geburtenrate oder mehr Zuwanderung aus dem Ausland werden die Entwicklung allein nicht stoppen.

Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des McKinsey Global Institute (MGI), die im Vorfeld des Davoser Wirtschaftsgipfels vorgestellt wird. Die Untersuchung der international führenden Topmanagement-Beratung simuliert in einem Rechenmodell die Auswirkungen des demografischen Wandels auf die Entwicklung des privaten Wohlstands in den USA, Japan, Deutschland, Großbritannien und Italien. Japans Privathaushalte sind danach am stärksten betroffen. Dort wird das Geldvermögen der Studie zufolge gar nicht weiterwachsen und in den kommenden zwei Jahrzehnten sogar schrumpfen. Um dieser Entwicklung entgegenzusteuern, müssten Politik und Wirtschaft ein attraktives Umfeld für Finanzanlagen mit hohen Renditen schaffen.

Geldvermögen - Indikator für Lebensstandard

Das Nettogeldvermögen dient als Indikator für die wirtschaftliche Entwicklung einer Volkswirtschaft. Steigende Raten signalisieren allgemein eine gesunde Wirtschaft, sinkende Zuwächse oder gar abnehmende Bestände eine Verschlechterung des Lebensstandards. Neben dem Bargeld gehören alle Guthaben zum Geldvermögen, darunter Aktien, Versicherungsguthaben, festverzinsliche Wertpapiere, Fonds oder Bankeinlagen. In den mehr als zehn zurückliegenden Jahren stieg das Geldvermögen in Deutschland im Schnitt stärker als die verfügbaren Einkommen. Verantwortlich dafür waren vor allem der Zinseszinseffekt sowie Kursgewinne aus Aktien und Aktienfonds. Im Jahr 2003 betrug das Nettogeldvermögen in Deutschland rund 2,4 Billionen Euro, mehr als doppelt so viel wie zwei Jahre nach der Wiedervereinigung.

Nach Angaben von McKinsey werden fallende Geburtenraten, die höhere Lebenserwartung und die damit verbundenen Belastungen für Alters- und Gesundheitsvorsorge eine dramatische Veränderung des Sparverhaltens der Menschen in der Triade zur Folge haben, die verfügbaren Erträge aus Finanzanlagen spürbar absinken lassen und so den Vermögensaufbau der Haushalte massiv bremsen.

Negative Folgen für das Wirtschaftswachstum

Insgesamt rechnet die Studie in den nächsten zwei Jahrzehnten mit einer Verlangsamung des Vermögenszuwachses in den untersuchten Ländern von zuletzt durchschnittlich 4,5 Prozent auf künftig nur noch 1,3 Prozent. Rein rechnerisch entspricht dies einem Fehlbetrag von 31 Billionen Dollar. Davon entfallen allein 19 Billionen Dollar auf die USA.

Als Konsequenz fürchtet McKinsey negative Folgen für das langfristige Wirtschaftswachstum. Sinkende oder deutlich langsamer wachsende Geldvermögen der Privathaushalte verursachen Einschnitte beim privaten Konsum sowie höhere Kapitalkosten für die Finanzierung von Investitionen. Auf die öffentlichen Haushalte kämen weitere Belastungen zu, die zu höheren Staatsdefiziten führen könnten.

In Deutschland hat sich bereits seit den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung das Wachstum des Geldvermögens abgeflacht. Vor 1991 lagen die Zuwachsraten bei acht, später nur noch bei knapp vier Prozent. Verantwortlich dafür war vor allem das langsame Wachstum der Spareinlagen. Die Sparquote fiel vom Spitzenwert 13 Prozent im Jahr 1991 auf 9,7 Prozent im Jahr 2000.

Nicht genug junge Sparer

Problematisch wirkt sich auch als Folge geburtenschwacher Jahrgänge die sinkende Spitzensparerquote aus. Sie misst die Zahl der Haushalte, die ihre finanziellen Rücklagen maximal aufstocken, im Verhältnis zur Anzahl der Haushalte, die ihre Spitzensparjahre bereits überschritten haben, also geringere Sparquoten aufweisen oder ihre Spareinlagen sogar aufbrauchen. Traditionell steigen in Deutschland die Spareinlagen nach der Haushaltsgründung steil an und fallen mit der Altersgruppe der Endfünfziger stark ab. Die Spitzensparjahre der deutschen Haushalte liegen zwischen dem 35. und dem 54. Lebensjahr. Dabei sparen im Schnitt die 45- bis 46-Jährigen das meiste Geld. Nach Angaben von McKinsey steht Deutschland am Wendepunkt. Nach einem leichten Anstieg nach der Wiedervereinigung wird die Spitzensparerquote bis 2024 kontinuierlich fallen.

Eine Möglichkeit, die Spitzensparerquote zu erhöhen und damit das nachlassende Wohlstandswachstum der Privathaushalte in Deutschland zu bremsen, wäre die Verschiebung des Renteneintrittsalters. Daneben könnten, so die McKinsey-Studie, Anlagen mit höheren Renditen den negativen Wachstumstrend des Geldvermögens aufhalten. Allein die Anhebung der unrealisierten Kapitalgewinne reiche aus, um das erkennbare Vermögensdefizit in den nächsten zwei Jahrzehnten vollständig auszugleichen.

Dagegen sei die Steigerung der Geburtenrate nicht ausreichend. Sie würde sich erst in mehreren Jahrzehnten auf die Spitzensparerquote auswirken. Keine wesentliche Verbesserung erwartet McKinsey außerdem von einer wachsenden Zahl der Immigranten. Eine Steigerung der Nettozuwanderung um 100.000 Personen pro Jahr würde bis 2024 nur einen Anstieg der Sparerhaushalte um 700.000 oder 1,6 Prozent zur Folge haben, was einem Wachstum des Nettogeldvermögens von lediglich 0,7 Prozentpunkten entspräche.

Rolf Antrecht | presseportal
Weitere Informationen:
http://www.mckinsey.com

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