Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Finanzlage deutscher Krankenhäuser wird sich weiter verschlechtern

15.11.2004


Die Insolvenzwahrscheinlichkeit deutscher Krankenhäuser wird in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Dies ist ein wesentliches Ergebnis einer gemeinsamen Untersuchung des RWI Essen und der ADMED GmbH.



In ihrem Rahmen wird erstmals eine größere Anzahl von Krankenhäusern systematisch auf ihre Insolvenzwahrscheinlichkeit hin überprüft. Es zeigt sich, dass Kliniken in öffentlich-rechtlicher Trägerschaft in Bezug auf Zahlungsunfähigkeit stärker gefährdet sind als private oder freigemeinnützige. Zudem sind ostdeutsche Kliniken finanziell durchschnittlich in einer besseren Situation als westdeutsche.



Die Zahl der Krankenhäuser, die von Insolvenz bedroht sind, wird sich in den kommenden Jahren weiter erhöhen. Zu diesem Ergebnis kommt die gemeinsame Studie "Insolvenzrisiken der deutschen Krankenhäuser - Bewertung und Transparenz unter Basel II" des RWI Essen und der Health Care Unternehmensberatung ADMED GmbH. Datengrundlage sind Jahresabschluss- und extern zugängliche krankenhausspezifische Daten für 212 Krankenhäuser.

Die Studie errechnet für die untersuchten Kliniken eine durchschnittliche Insolvenzwahrscheinlichkeit von 1,7 Prozent; für die Gesamtwirtschaft beträgt dieser Wert etwa ein Prozent. Dies bedeutet, dass im Schnitt innerhalb eines Jahres 1,7 Prozent aller untersuchten Krankenhäuser zahlungsunfähig werden. Bis 2008 wird sich dieser Wert voraussichtlich auf 2,2 Prozent erhöhen. Der Anstieg ist im Wesentlichen darauf zurückzuführen, dass die Krankenhäuser sich wegen des erwarteten Rückzugs der öffentlichen Hand zunehmend verschulden müssen.

Auch der Anteil der Kliniken, die erhebliche Schwierigkeiten bei der Kreditaufnahme haben, wird zunehmen. Meist vergibt eine Bank ab einer Insolvenzwahrscheinlichkeit von etwa 2,6 Prozent keinen Kredit mehr. Bereits heute liegen 21 Prozent der Kliniken in diesem Bereich beziehungsweise darüber. Bis 2008 wird ihr Anteil voraussichtlich auf 26 Prozent ansteigen.

Studie wertet Daten von 212 Krankenhäusern aus

In der Studie wird erstmals eine größere Zahl deutscher Krankenhäuser systematisch auf ihre Insolvenzwahrscheinlichkeit hin untersucht. Hierzu werden in einer Stichprobe Daten von 212 der insgesamt rund 2.200 deutschen Krankenhäuser zusammengetragen und analysiert. Auf Grundlage dieser Daten und unter Berücksichtigung krankenhausspezifischer Entwicklungen werden die Jahresabschlüsse bis 2008 fortgeschrieben. Berücksichtigt werden dabei beispielsweise die Auswirkungen durch die Angleichung der Preise für Behandlungen im Krankenhaus (Fallpauschalen) sowie die Konsequenzen des erwarteten Rückzugs der öffentlichen Hand aus der Finanzierung und Maßnahmen zum Abbau des Investitionsstaus. Bürgschaften der öffentlichen Hand werden nicht berücksichtigt. Auf Grundlage dieser Informationen werden mit Hilfe eines Ratingverfahrens von Moody’s KMV Ratings für die aktuelle Situation und 2008 erstellt.

Öffentlich-rechtliche Kliniken haben durchschnittlich schlechtere Ratings

In Bezug auf die Trägerschaft fällt das aktuelle Rating öffentlich-rechtlicher Kliniken deutlich schlechter aus als das der privaten und der freigemeinnützigen. Der Trend zur Konsolidierung in Form weiterer Privatisierungen und Zusammenschlüsse wird daher weiter anhalten. Regional betrachtet haben zur Zeit Kliniken in Ostdeutschland eine signifikant niedrigere Insolvenzwahrscheinlichkeit als Kliniken im Westen. Ein Grund hierfür könnte die dort umfangreiche Förderung in den 90er Jahren sein. Diese Förderung senkt den Bedarf an externer Finanzierung.

Die zukünftige Finanzsituation der Kliniken wird auch durch ihre veränderte Entlohnung beeinflusst werden. Denn in den kommenden Jahren wird sich die Vergütung, die ein Krankenhaus für eine bestimmte Behandlung erhält, auf der Ebene der Bundesländer angleichen. Dies dürfte dazu führen, dass sich das Rating von Krankenhäusern mit derzeit relativ hohen Budgets im Schnitt verschlechtert und umgekehrt.

Krankenhäuser müssen mehr und mehr unternehmerisch handeln

Ein Krankenhaus kann sein Rating aktiv durch seine Unternehmenspolitik beeinflussen. Wegen des hohen Stellenwerts der Liquidität kommt dabei zwei Maßnahmen eine besondere Bedeutung zu: Kostensenkung und Eigenkapitalzufuhr; beides verbessert die Ratingposition. Andere Maßnahmen sind Leasing, Factoring oder höhere Auslastung.

Rating gewinnt an Bedeutung

Die Insolvenzwahrscheinlichkeit wird zunehmend die Kreditkonditionen bestimmen. Die neue Kreditvergaberichtlinie Basel II beschleunigt diesen Prozess. Ihr Ziel ist es, die Eigenkapitalhinterlegung der Banken stärker am individuellen Risiko ihrer Kreditnehmer auszurichten. Kreditnehmer guter Bonität können mit Vergünstigungen rechnen. Solche mit schlechter Bonität müssen sich auf höhere Finanzierungskosten einstellen oder erhalten keine Kredite mehr. Nimmt beispielsweise eine Klinik mit einer hohen Insolvenzwahrscheinlichkeit von 2,8 Prozent einen Neukredit auf, würde sie einen Risikoaufschlag von ca. 2,7 Prozent zahlen. Bei einer Insolvenzwahrscheinlichkeit von nur 0,8 Prozent würde sich der Risikoaufschlag auf 0,90 Prozent reduzieren. Die geringere Insolvenzwahrscheinlichkeit würde somit zu einer deutlichen Ersparnis führen.

Ansprechpartner: Dr. Boris Augurzky, Tel.: (0201) 81 49-203

Joachim Schmidt | idw
Weitere Informationen:
http://www.rwi-essen.de

Weitere Berichte zu: Bonität Insolvenzwahrscheinlichkeit Rating Risikoaufschlag

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Studie zu sicherem Autofahren bis ins hohe Alter
19.06.2017 | Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Im Focus: Forscher entschlüsseln erstmals intaktes Virus atomgenau mit Röntgenlaser

Bahnbrechende Untersuchungsmethode beschleunigt Proteinanalyse um ein Vielfaches

Ein internationales Forscherteam hat erstmals mit einem Röntgenlaser die atomgenaue Struktur eines intakten Viruspartikels entschlüsselt. Die verwendete...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

Forschung zu Stressbewältigung wird diskutiert

21.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Individualisierte Faserkomponenten für den Weltmarkt

22.06.2017 | Physik Astronomie

Evolutionsbiologie: Wie die Zellen zu ihren Kraftwerken kamen

22.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Spinflüssigkeiten – zurück zu den Anfängen

22.06.2017 | Physik Astronomie