Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Potenziale für eine Erhöhung der Beschäftigungsquote älterer Menschen

18.10.2004


Die Europäische Union hat sich das ehrgeizige Ziel gesteckt, dass bis zum Jahr 2010 mindestens die Hälfte der EU-Bevölkerung im Alter von 55 bis 64 beschäftigt sein soll. Allein in Deutschland, dessen Beschäftigungsquote Älterer mit 38,4 Prozent noch unter dem EU-Durchschnitt von 39,8 Prozent liegt, müssten dann nach Berechnungen des Instituts Arbeit und Technik /Wissenschaftszentrum NRW (IAT/Gelsenkirchen) rund 1,1 Millionen mehr Ältere als gegenwärtig arbeiten. "Mit einfachen Rezepten lässt sich das Ziel nicht erreichen, denn nicht nur die Motivation in Betrieben und bei Beschäftigten zielt bisher kaum auf längere Lebensarbeitszeiten. Auch Qualifikation, Frauenerwerbstätigkeit, Flexibilität im Erwerbsleben und das Wirtschaftswachstum spielen eine Rolle", so der Arbeitsmarktforscher Prof. Dr. Gerhard Bosch, Vizepräsident des IAT.



Potenziale für eine Erhöhung der Beschäftigungsquote Älterer ergeben sich vor allem bei den Frauen, wie die großen Unterschiede der Frauenerwerbsquoten in den EU-Ländern zeigen. Das schwedische Beispiel zeigt, dass die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt durch gezielte Gleichstellungspolitik gefördert wird. Nur wenn die Beschäftigungsquote der Frauen schon in früheren Jahren erhöht wird, wird es für sie selbstverständlich, auch nach dem 55. Lebensjahr erwerbstätig zu sein - allerdings auch nur dann, wenn sie hier von Hausarbeit entlastet werden. In jüngeren Jahren ist das die Kinderbetreuung, später die Entlastung bei der Pflege von Angehörigen. Mit den Programmen für Ganztagsschulen und Kinderbetreuung steigt jetzt auch in Deutschland - 40 Jahre nach Schweden - die Frauenerwerbstätigkeit. "Die Auswirkungen auf die Beschäftigungsquote der über 55-Jährigen treten aber erst langfristig ein und bleiben bis 2010 noch bescheiden", rechnet der IAT-Wissenschaftler Dr. Sebastian Schief.



Während sich die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern in den letzten Jahrzehnten in der EU deutlich verringert hat, entwickeln sich unter dem Aspekt der Qualifikation neue Formen sozialer Ungleichheit, stellen die IAT-Forscher fest. So liegt in Deutschland bei den gering und mittel qualifizierten Frauen und Männern die Beschäftigungsquote der älteren (55-64 Jahre) über die Hälfte niedriger als die der 45-54-Jährigen.

Das EU-Ziel einer 50-Prozent-Beschäftigung Älterer wird nur bei der relativ kleinen Gruppe der Hochqualifizierten erreicht. "Die Rentenreform muss deshalb bildungspolitisch, also durch Lernangebote vor allem für die geringer Qualifizierten unterfüttert werden, damit sie nicht nur die Arbeitslosigkeit Älterer ansteigen lässt", fordert Prof. Bosch. Aber besondere Lernangebote für Ältere laufen oft ins Leere, Lernerfahrungen müssen schon in früheren Jahren entwickelt werden. Notwenig ist eine Kultur lebenslangen Lernens, die aber aufzubauen Jahre dauert, so dass auch hier schnelle Effekte nicht zu erwarten sind.

Auch flexible Übergänge in die Rente können dazu beitragen, die Beschäftigungsquote der 55-65-Jährigen zu erhöhen. Die Erfahrungen haben allerdings gezeigt, dass Verkürzungen der Arbeitszeit am Ende des Erwerbslebens am ehesten akzeptiert werden, wenn Betrieb und Beschäftigte schon zuvor Erfahrungen mit flexiblen Erwerbsverläufen gemacht haben, z.B. Auszeiten oder Arbeitszeitanpassungen wegen Elternschaft, Weiterbildung, Pflege vorgenommen haben. Die bisherigen Programme zum gleitenden Übergang in Rente richteten sich an Beschäftigte, die ansonsten länger im Erwerbsleben geblieben wären. Notwendig wären dagegen Programme, die Älteren Arbeitszeitverkürzungen anbieten, um sie länger im Beschäftigungssystem zu halten.

Selbst bei schwachem Wachstum muss die Erhöhung der Beschäftigungsquote Älterer nicht zwangsläufig zu Lasten der Jüngeren gehen, rechnen die IAT-Arbeitsmarktexperten. Denn die Mehrbeschäftigung bestimmter Gruppen löst zusätzliche Nachfrageeffekte in der Wirtschaft aus, so dass der Beschäftigungseffekt positiv sein kann.

Die Abkehr von der bisherigen Vorruhestandspraxis und der spätere Renteneintritt sind politisch flankierende Maßnahmen zur Erhöhung der Beschäftigungsquote Älterer, reichen aber nicht aus. "Gezielte Maßnahmen müssen mit einer Politik der Gleichstellung, der Entwicklung einer Kultur des lebenslangen Lernens und flexibler Erwerbsverläufe verbunden sein", so Bosch. Dazu müsse es aber auch weiter Möglichkeiten geben, dass Beschäftigte, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten können, unter akzeptablen Bedingungen in den Ruhestand übergehen können.

Claudia Braczko | idw
Weitere Informationen:
http://iat-info.iatge.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

nachricht Klimawandel: ungeahnte Rolle der Bodenerosion
11.04.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Im Focus: Neuer Ionisationsweg in molekularem Wasserstoff identifiziert

„Wackelndes“ Molekül schüttelt Elektron ab

Wie reagiert molekularer Wasserstoff auf Beschuss mit intensiven ultrakurzen Laserpulsen? Forscher am Heidelberger MPI für Kernphysik haben neben bekannten...

Im Focus: Wafer-thin Magnetic Materials Developed for Future Quantum Technologies

Two-dimensional magnetic structures are regarded as a promising material for new types of data storage, since the magnetic properties of individual molecular building blocks can be investigated and modified. For the first time, researchers have now produced a wafer-thin ferrimagnet, in which molecules with different magnetic centers arrange themselves on a gold surface to form a checkerboard pattern. Scientists at the Swiss Nanoscience Institute at the University of Basel and the Paul Scherrer Institute published their findings in the journal Nature Communications.

Ferrimagnets are composed of two centers which are magnetized at different strengths and point in opposing directions. Two-dimensional, quasi-flat ferrimagnets...

Im Focus: XENON1T: Das empfindlichste „Auge“ für Dunkle Materie

Gemeinsame Meldung des MPI für Kernphysik Heidelberg, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

„Das weltbeste Resultat zu Dunkler Materie – und wir stehen erst am Anfang!“ So freuen sich Wissenschaftler der XENON-Kollaboration über die ersten Ergebnisse...

Im Focus: World's thinnest hologram paves path to new 3-D world

Nano-hologram paves way for integration of 3-D holography into everyday electronics

An Australian-Chinese research team has created the world's thinnest hologram, paving the way towards the integration of 3D holography into everyday...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

14. Dortmunder MST-Konferenz zeigt individualisierte Gesundheitslösungen mit Mikro- und Nanotechnik

22.05.2017 | Veranstaltungen

Branchentreff für IT-Entscheider - Rittal Praxistage IT in Stuttgart und München

22.05.2017 | Veranstaltungen

Flugzeugreifen – Ähnlich wie PKW-/LKW-Reifen oder ganz verschieden?

22.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Myrte schaltet „Anstandsdame“ in Krebszellen aus

22.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

22.05.2017 | Physik Astronomie

Wie sich das Wasser in der Umgebung von gelösten Molekülen verhält

22.05.2017 | Biowissenschaften Chemie