Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wirtschaftspolitik nach der Währungsunion - eine Renaissance der Nachfragepolitik?

15.07.2004


Neue Studie des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung zeigt: Mitgliedsländer passen sich gut an, aber das reicht nicht aus


Seit die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion 1999 in Kraft getreten ist, bestimmt die Europäische Zentralbank die Zinsen für alle Mitgliedsländer. Damit stellt sie die Nationalstaaten vor eine doppelte Herausforderung: Sie müssen ohne eine eigene Geldpolitik auskommen und gleichzeitig neuartige Destabilisierungen ihrer Konjunktur ausgleichen. Eine Studie von Henrik Enderlein am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung zeigt, dass sich die Mitgliedsländer zwar im Rahmen ihrer Möglichkeiten gut an die neue Situation angepasst haben. Doch dies reicht nicht aus, um die Probleme zu bewältigen. Vor allem Deutschland bereitet die Währungsunion wegen der hohen Realzinsen und der dezentralen Finanzverfassung Schwierigkeiten. Eine gemeinsame europäische Wirtschaftspolitik könnte die Lösung sein - sie ist allerdings kaum durchzusetzen. Eine Wiederbelebung der Nachfragepolitik wird zurzeit diskutiert. Hierzu liefert die Studie einen theoretisch fundierten Beitrag.

"One size fits all" - nach diesem Prinzip legt die Europäische Zentralbank die Zinsen für die Mitgliedsländer der Europäischen Währungsunion fest. Dabei orientiert sie sich an den wirtschaftlichen Durchschnittswerten der Eurozone. Das Ergebnis ist für die einzelnen Nationalstaaten alles andere als maßgeschneidert: Für manche Länder sind die Realzinsen zu hoch, für andere zu niedrig. Gerade Deutschland muss seit dem Beginn der Währungsunion mit überhöhten Realzinsen zurechtkommen. Die unterschiedlich hohen Realzinsen bremsen oder beschleunigen die Konjunktur in den einzelnen Staaten. Da die Mitgliedsländer jedoch die Geldpolitik an die europäische Ebene abgegeben haben, können sie nur noch in der Finanz- und der Lohnpolitik gegensteuern.


Wie aber können diese Instrumente zur Stabilisierung der Wirtschaftszyklen eingesetzt werden? Um diese Frage dreht sich die aktuelle Debatte über eine Renaissance der Nachfragepolitik Seit Mitte der 1980er Jahre waren Finanz- und Lohnpolitik bei der Stabilisierung der Konjunktur so gut wie überflüssig, da die Zentralbanken und damit die Geldpolitik diese Aufgabe beinahe vollständig übernommen hatten. Die Währungsunion jedoch stellt die zyklische Wirtschaftspolitik in den Staaten der Eurozone vor neue Herausforderungen. Wie haben die Länder darauf reagiert?

Die Antwort von Henrik Enderlein, Autor der Studie und mittlerweile Juniorprofessor an der Freien Universität Berlin: Die Mitgliedstaaten der Europäischen Währungsunion haben zwar versucht, ihre wirtschaftspolitischen Institutionen an die neue Situation anzupassen - aber auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Dafür hat Enderlein drei Gründe ausgemacht. Zum einen war das Zusammenspiel von Geld-, Finanz- und Lohnpolitik in den einzelnen Ländern schon vor der Währungsunion verschieden. Zum anderen unterscheiden sich die strukturellen Faktoren, die bestimmen, ob ein Land nach dem Beitritt mit zu hohen oder zu niedrigen Realzinsen konfrontiert ist. Und schließlich ist auch das historisch gewachsene, institutionelle Zusammenspiel zwischen den wirtschaftspolitischen Akteuren nicht in allen Ländern gleich.

In seiner Studie hat Enderlein drei Anpassungsmuster beobachtet. Länder mit hohen Realzinsen und geringem Wachstum konzentrieren ihre Reformbemühungen auf die Finanzpolitik, weil sie die Lohnpolitik nicht zur Stabilisierung einsetzen können. Hierzu zählen Frankreich und Deutschland. Besonders in Deutschland rückt die aktuelle Diskussion über eine nachfrageorientierte Erhöhung der Staatsausgaben ein weiteres Problem in den Vordergrund: die Aufgabenteilung zwischen Bund und Ländern in der Finanzpolitik. Um die Herausforderungen der Währungsunion zu meistern, müsste die Ausgabenstruktur der Länder und Gemeinden reformiert werden. Eine Zentralisierung ist in Deutschland jedoch schwer durchzusetzen, weil der Föderalismus historisch stark verankert ist.

Bei Ländern mit niedrigen Realzinsen und hohem Wachstum dagegen ist nur ein Zusammenspiel der Finanz- und der Lohnpolitik sinnvoll; deshalb werden beide angepasst. Das betrifft unter anderem Irland, Spanien und Portugal. Dort sind gleichzeitig nationale Stabilitätspakte und eine stärkere Zentralisierung der Lohnpolitik zu beobachten. Und in Staaten, die schon vorher gut auf die Währungsunion vorbereitet waren, wirkt sich der Beitritt gar nicht auf die wirtschaftspolitischen Institutionen aus. Das ist vor allem in den Niederlanden der Fall. Sie waren bereits vor der europäischen Währungsunion faktisch eine Währungsunion mit Deutschland eingegangen und sind seit den 1980er Jahren ohne nationale Geldpolitik ausgekommen.

Insgesamt kommt die Studie zu dem Schluss, dass die meisten Länder die notwendigen Reformen eingeleitet haben. Enderlein bezweifelt jedoch, dass die nationale Anpassung ausreicht, um die Probleme zu bewältigen. Ferner können die nationalen Reformen neue Schwierigkeiten auf der europäischen Ebene verursachen. Beides kann zu einer Europäisierung der Wirtschaftspolitik führen. Allerdings fehlen die Instanzen, um eine solche Politik durchzusetzen, und sie sind auch nicht in Sicht. Weder der Stabilitäts- und Wachstumspakt noch die Grundzüge der Wirtschaftspolitik, die die EU-Kommission jedes Jahr vorschlägt, können diese Aufgabe übernehmen. Gerade die Probleme mit dem Stabilitätspakt machen die Spannungen zwischen europäischer Wirtschaftspolitik und nationaler Anpassung deutlich. Eine echte Kooperationslösung könnte laut Enderlein nur ein europäischer Finanzausgleich sein, und auch der ist kaum durchzusetzen.

Für seine Studie analysierte Henrik Enderlein die Anpassung der wirtschaftspolitischen Institutionen in zehn Mitgliedsstaaten der Europäischen Währungsunion in den 1990er Jahren. Dabei verfolgte er zugleich einen ökonomischen und einen politikwissenschaftlichen Ansatz: Zunächst untersuchte er den wirtschaftlichen Anpassungsdruck und leitete daraus den institutionellen Anpassungsdruck in den einzelnen Ländern ab. Schließlich verglich er die tatsächlichen Reformen mit den erhofften Anpassungen. Die Studie ist als Dissertation am Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung entstanden und wurde mit der Otto-Hahn-Medaille der Max-Planck-Gesellschaft für herausragende Leistungen des wissenschaftlichen Nachwuchses ausgezeichnet. Rezensionsexemplare erhalten Sie von der Pressestelle des Campus Verlags unter Tel. 069/976516-20.

Weitere Informationen erhalten Sie von:

Henrik Enderlein
John F. Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin, Berlin
Tel.: 030 838-53603
E-Mail: mail@henrik-enderlein.de

Christel Schommertz | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpifg.de/pu/werbezettel/wz-2004-2_en.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Zirkuläre Wirtschaft: Neues Wirtschaftsmodell für die chemische Industrie?
28.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Unternehmen entwickeln sich zu Serviceanbietern
25.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie