Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Unbezahlte Mehrarbeit aus Angst um den Arbeitsplatz

09.07.2004


Studie: Arbeitnehmer in den neuen Bundesländern leisten trotz höherer vertraglicher Arbeitszeiten mehr freiwillige Überstunden als westdeutsche Arbeitnehmer



Je höher die Arbeitslosenrate einer Region, desto mehr unbezahlte Überstunden leisten Arbeitnehmer in Deutschland. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Studie "Unpaid Overtime in Germany: Differences between East and West" von Silke Anger, HU. Die Wirtschaftswissenschaftlerin untersuchte die Beziehung zwischen dem Arbeitslosigkeitsrisiko und unbezahlten Überstunden für vollzeitbeschäftigte Arbeitnehmer unter Verwendung von Längsschnittdaten des im DIW Berlin beheimateten Sozio-oekonomischen Panels für die Jahre 1993 bis 2000. Als Näherungsvariablen für das Arbeitslosigkeitsrisiko dienten dabei die regionalen Arbeitslosenraten auf Arbeitsamtbezirksebene.



Die Studie weist einen statistisch signifikanten Effekt der Arbeitslosenraten auf das Angebot von unbezahlten Überstunden nach, allerdings nur für männliche Beschäftigte. So führt eine um einen Prozentpunkt höhere regionale Arbeitslosigkeit für ostdeutsche Angestellte zu einem zehnprozentigen Anstieg der wöchentlichen unbezahlten Überstunden. In den westdeutschen Bundesländern bewirkt eine Erhöhung der Arbeitslosigkeit um einen Prozentpunkt bei den Angestellten nur einen siebenprozentigen Anstieg der unbezahlten Überstunden pro Woche.

Die Studie zeigt weiterhin, dass vollzeitbeschäftigte Arbeitnehmer in den ostdeutschen Bundesländern durchschnittlich mehr zusätzliche Arbeit leisten als in Westdeutschland. Und das, obwohl bereits ihre vertragliche Wochenarbeitszeit die der Westdeutschen um rund zwei Stunden übersteigt. Auch der Anteil der Beschäftigten mit unbezahlter Mehrarbeit war während der letzten zehn Jahre in den neuen Ländern höher: Während im Schnitt 23 Prozent der ostdeutschen Angestellten unbezahlte Überstunden geleistet haben, waren es im Westen nur knapp 20 Prozent. Auch bei den Arbeitern gibt es Unterschiede: Im Osten leisteten 3,5 Prozent unbezahlte Arbeit, im Westen war es nur die Hälfte.

Silke Anger vermutet, dass Arbeitnehmer unbezahlte Mehrarbeit leisten, um höhere Produktivität zu signalisieren und somit ihr Entlassungsrisiko zu reduzieren. "Arbeitnehmer könnten Überstunden als eine Investition mit in der Zukunft liegenden Vorteilen betrachten und daher ihr Arbeitsangebot freiwillig erhöhen", sagt Silke Anger. Unter diese möglichen zukünftigen Gewinne falle neben schnelleren und höhere Gehaltssteigerungen und Beförderungen auch ein geringeres Entlassungsrisiko. Erste Studien aus den USA, Großbritannien und Deutschland haben bereits den Investitionscharakter von Arbeitsstunden nachgewiesen und sich dabei auf Lohneffekte und Beförderungen konzentriert.

"Alternative Erklärungsmöglichkeiten für die höhere Mehrarbeit in Ostdeutschland könnten auch die schwächere Präsenz von Gewerkschaften in den neuen Bundesländern oder das Produktivitätsgefälle sein, das ostdeutsche Firmen dazu veranlassen könnte, den Rückstand mittels Überstundenarbeit aufzuholen", sagt Silke Anger.

Kontakt:

Silke Anger
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät
Telefon: [030] 2093 5667
Email: sanger@wiwi.hu-berlin.de

Heike Zappe | idw
Weitere Informationen:
http://www.diw.de/deutsch/dasinstitut/abteilungen/ldm/archiv/ar2004/soep2004/doksoep2004/paper2004_anger.pdf

Weitere Berichte zu: Beförderung Mehrarbeit Prozentpunkt

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Studie zu sicherem Autofahren bis ins hohe Alter
19.06.2017 | Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Schnelles und umweltschonendes Laserstrukturieren von Werkzeugen zur Folienherstellung

Kosteneffizienz und hohe Produktivität ohne dabei die Umwelt zu belasten: Im EU-Projekt »PoLaRoll« entwickelt das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT aus Aachen gemeinsam mit dem Oberhausener Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheit- und Energietechnik UMSICHT und sechs Industriepartnern ein Modul zur direkten Laser-Mikrostrukturierung in einem Rolle-zu-Rolle-Verfahren. Ziel ist es, mit Hilfe dieses Systems eine siebartige Metallfolie als Demonstrator zu fertigen, die zum Sonnenschutz von Glasfassaden verwendet wird: Durch ihre besondere Geometrie wird die Sonneneinstrahlung reduziert, woraus sich ein verminderter Energieaufwand für Kühlung und Belüftung ergibt.

Das Fraunhofer IPT ist im Projekt »PoLaRoll« für die Prozessentwicklung der Laserstrukturierung sowie für die Mess- und Systemtechnik zuständig. Von den...

Im Focus: Das Auto lernt vorauszudenken

Ein neues Christian Doppler Labor an der TU Wien beschäftigt sich mit der Regelung und Überwachung von Antriebssystemen – mit Unterstützung des Wissenschaftsministeriums und von AVL List.

Wer ein Auto fährt, trifft ständig Entscheidungen: Man gibt Gas, bremst und dreht am Lenkrad. Doch zusätzlich muss auch das Fahrzeug selbst ununterbrochen...

Im Focus: Vorbild Delfinhaut: Elastisches Material vermindert Reibungswiderstand bei Schiffen

Für eine elegante und ökonomische Fortbewegung im Wasser geben Delfine den Wissenschaftlern ein exzellentes Vorbild. Die flinken Säuger erzielen erstaunliche Schwimmleistungen, deren Ursachen einerseits in der Körperform und andererseits in den elastischen Eigenschaften ihrer Haut zu finden sind. Letzteres Phänomen ist bereits seit Mitte des vorigen Jahrhunderts bekannt, konnte aber bislang nicht erfolgreich auf technische Anwendungen übertragen werden. Experten des Fraunhofer IFAM und der HSVA GmbH haben nun gemeinsam mit zwei weiteren Forschungspartnern eine Oberflächenbeschichtung entwickelt, die ähnlich wie die Delfinhaut den Strömungswiderstand im Wasser messbar verringert.

Delfine haben eine glatte Haut mit einer darunter liegenden dicken, nachgiebigen Speckschicht. Diese speziellen Hauteigenschaften führen zu einer signifikanten...

Im Focus: Kaltes Wasser: Und es bewegt sich doch!

Bei minus 150 Grad Celsius flüssiges Wasser beobachten, das beherrschen Chemiker der Universität Innsbruck. Nun haben sie gemeinsam mit Forschern in Schweden und Deutschland experimentell nachgewiesen, dass zwei unterschiedliche Formen von Wasser existieren, die sich in Struktur und Dichte stark unterscheiden.

Die Wissenschaft sucht seit langem nach dem Grund, warum ausgerechnet Wasser das Molekül des Lebens ist. Mit ausgefeilten Techniken gelingt es Forschern am...

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Marine Pilze – hervorragende Quellen für neue marine Wirkstoffe?

28.06.2017 | Veranstaltungen

Willkommen an Bord!

28.06.2017 | Veranstaltungen

Internationale Fachkonferenz IEEE ICDCM - Lokale Gleichstromnetze bereichern die Energieversorgung

27.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

EUROSTARS-Projekt gestartet - mHealth-Lösung: time4you Forschungs- und Entwicklungspartner bei IMPACHS

28.06.2017 | Unternehmensmeldung

Proteine entdecken, zählen, katalogisieren

28.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Neue Scheinwerfer-Dimension: Volladaptive Lichtverteilung in Echtzeit

28.06.2017 | Automotive