Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue OECD-Analyse stützt Bedenken gegen Arbeitszeitverlängerungen

07.07.2004


In einer Stellungnahme zum diesjährigen Beschäftigungsausblick der OECD, der heute in Paris veröffentlicht wurde, machen Prof. Gerhard Bosch, Vizepräsident des Instituts Arbeit und Technik, und Dr. Steffen Lehndorff, Direktor des Forschungsschwerpunkts Arbeitszeit und Arbeitsorganisation, auf einige Anregungen für die aktuelle Arbeitszeitdebatte in Deutschland aufmerksam.



Die OECD untersucht die längerfristigen statistischen Zusammenhänge zwischen Arbeitszeit, Arbeitsproduktivität und Beschäftigung. Wichtig für die deutsche Diskussion sei zunächst, so Bosch und Lehndorff, dass im OECD-Vergleich kurze Arbeitszeiten mit hoher Arbeitsproduktivität einhergehen. Dies bestätige die Untersuchungsergebnisse des IAT zum Zusammenhang von Arbeitszeit und Arbeitsproduktivität in der EU (Abbildung 1): "Kurze Arbeitszeiten wirken als ’Produktivitätspeitsche’, weil sie die Phantasie anregen, wie in knapper Zeit besser gearbeitet werden kann. Lange Arbeitszeiten dagegen führen eher dazu, dass Manager zu Denkfaulheit verleitet werden und zu der trügerischen Illusion, sie könnten ihre Marktposition durch eine Lohnkostenkonkurrenz mit Niedriglohnländern sichern. Daraus entsteht nur ein aussichtsloser Unterbietungswettlauf bei Lohn und Arbeitszeit in Europa. Wenn ausgerechnet der Exportweltmeister den Rückwärtsgang bei Arbeitszeit und Lohn einlegen will, wird die Reaktion der Konkurrenten nicht lange auf sich warten lassen. In Frankreich, Österreich, den Niederlanden und anderen Ländern hat die Debatte über Arbeitszeitverlängerungen schon begonnen, und bedauerlicherweise geben deutsche Unternehmen dabei die Richtung vor."



Es dürfe nicht übersehen werden, so Bosch und Lehndorff, dass die OECD selber ausdrücklich darauf aufmerksam mache, dass ihre Arbeitszeitberechnungen nicht für internationale Arbeitszeitvergleiche geeignet seien. Die Berechnungen dienten dem Zweck der Analyse von Produktivitäts- und Beschäftigungstrends und bezögen deshalb sinnvollerweise die Teilzeitbeschäftigten in die Berechnung der durchschnittlichen Arbeitszeiten ein. Aus den von der OECD veröffentlichten Zahlen dürfe also auf keinen Fall geschlossen werden, dass die Arbeitszeiten der Vollzeitkräfte in Deutschland besonders kurz seien. Wörtlich erklärten Bosch und Lehndorff: "Da die gegenwärtige Diskussion über die 40-Stunden-Woche in Deutschland sich nur um die Arbeitszeit der Vollzeitbeschäftigten dreht, darf man für diese Debatte auch nur die Arbeitszeiten der Vollzeitbeschäftigten miteinander vergleichen. Sonst vergleicht man Äpfel mit Birnen." Wie eine diesbezügliche Analyse des IAT kürzlich gezeigt hat, liegen die tatsächlichen Jahresarbeitszeiten der Vollzeitbeschäftigten in Deutschland im Mittelfeld der EU-Länder (Abbildung 2). Deshalb sei es schlicht irreführend, wenn die Forderung nach längeren Arbeitszeiten immer wieder mit den angeblich besonders kurzen Arbeitszeiten in Deutschland begründet werde.

Die OECD-Analyse zeige eindrucksvoll, dass in vielen Ländern kurze Arbeitszeiten und hohe Arbeitsproduktivität mit hohen Beschäftigungsniveaus einhergingen. Umso bedauerlicher sei die Oberflächlichkeit der aktuellen Arbeitszeitdebatte in Deutschland, in der Arbeitszeitverlängerungen als Beitrag zur Beschäftigungsförderung ausgegeben würden, kritisieren die beiden Arbeitsmarktforscher. "Bezeichnenderweise ist ’zurück’ das gegenwärtig am häufigsten verwendete Wort - nämlich zurück zur 40- oder sogar 48-Stunden-Woche. Ein Land, das wie kaum ein anderes vom Wissen seiner Beschäftigten abhängt und das zudem einen rasch wachsenden Bedarf an qualifizierten Dienstleistungen hat, sollte besser nach vorne blicken und Vorauswirtschaft betreiben." Gerade auf zentralen Zukunftsfeldern seien große Defizite auszumachen. Deutschland sei beim Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung am Bruttoinlandsprodukt international nur Mittelmaß (Abbildung 3). Auch bei der Entwicklung sozialer Dienstleistungen (Bildung, Gesundheit, Pflege) liege Deutschland lediglich im EU-Mittelfeld, ebenso wie bei der Frauenerwerbstätigkeit (Abbildung 4). Anstatt den Blick auf die größten potentiellen Beschäftigungsmotoren für Deutschland zu lenken, halte sich die Öffentlichkeit mit einer rückwärtsgewandten Diskussion über die angebliche Notwendigkeit von Arbeitszeitverlängerungen auf. Die beiden Forscher betonten: "Die aktuelle Arbeitszeitdebatte verstellt einmal mehr den Blick auf die eigentlichen Reformaufgaben, nämlich die Stärkung des Innovationspotentials und die Entwicklung qualifizierter gesellschaftlicher Dienstleistungen."

Für weitere Fragen stehen Ihnen zur Verfügung:

Dr. Steffen Lehndorff, Durchwahl: 0209/1707-146
Prof. Dr. Gerhard Bosch, Durchwahl: 0209/1707-147

Claudia Braczko | idw
Weitere Informationen:
http://iat-info.iatge.de

Weitere Berichte zu: Arbeitsproduktivität Arbeitszeitverlängerung OECD

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Studie zu sicherem Autofahren bis ins hohe Alter
19.06.2017 | Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Schnelles und umweltschonendes Laserstrukturieren von Werkzeugen zur Folienherstellung

Kosteneffizienz und hohe Produktivität ohne dabei die Umwelt zu belasten: Im EU-Projekt »PoLaRoll« entwickelt das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT aus Aachen gemeinsam mit dem Oberhausener Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheit- und Energietechnik UMSICHT und sechs Industriepartnern ein Modul zur direkten Laser-Mikrostrukturierung in einem Rolle-zu-Rolle-Verfahren. Ziel ist es, mit Hilfe dieses Systems eine siebartige Metallfolie als Demonstrator zu fertigen, die zum Sonnenschutz von Glasfassaden verwendet wird: Durch ihre besondere Geometrie wird die Sonneneinstrahlung reduziert, woraus sich ein verminderter Energieaufwand für Kühlung und Belüftung ergibt.

Das Fraunhofer IPT ist im Projekt »PoLaRoll« für die Prozessentwicklung der Laserstrukturierung sowie für die Mess- und Systemtechnik zuständig. Von den...

Im Focus: Das Auto lernt vorauszudenken

Ein neues Christian Doppler Labor an der TU Wien beschäftigt sich mit der Regelung und Überwachung von Antriebssystemen – mit Unterstützung des Wissenschaftsministeriums und von AVL List.

Wer ein Auto fährt, trifft ständig Entscheidungen: Man gibt Gas, bremst und dreht am Lenkrad. Doch zusätzlich muss auch das Fahrzeug selbst ununterbrochen...

Im Focus: Vorbild Delfinhaut: Elastisches Material vermindert Reibungswiderstand bei Schiffen

Für eine elegante und ökonomische Fortbewegung im Wasser geben Delfine den Wissenschaftlern ein exzellentes Vorbild. Die flinken Säuger erzielen erstaunliche Schwimmleistungen, deren Ursachen einerseits in der Körperform und andererseits in den elastischen Eigenschaften ihrer Haut zu finden sind. Letzteres Phänomen ist bereits seit Mitte des vorigen Jahrhunderts bekannt, konnte aber bislang nicht erfolgreich auf technische Anwendungen übertragen werden. Experten des Fraunhofer IFAM und der HSVA GmbH haben nun gemeinsam mit zwei weiteren Forschungspartnern eine Oberflächenbeschichtung entwickelt, die ähnlich wie die Delfinhaut den Strömungswiderstand im Wasser messbar verringert.

Delfine haben eine glatte Haut mit einer darunter liegenden dicken, nachgiebigen Speckschicht. Diese speziellen Hauteigenschaften führen zu einer signifikanten...

Im Focus: Kaltes Wasser: Und es bewegt sich doch!

Bei minus 150 Grad Celsius flüssiges Wasser beobachten, das beherrschen Chemiker der Universität Innsbruck. Nun haben sie gemeinsam mit Forschern in Schweden und Deutschland experimentell nachgewiesen, dass zwei unterschiedliche Formen von Wasser existieren, die sich in Struktur und Dichte stark unterscheiden.

Die Wissenschaft sucht seit langem nach dem Grund, warum ausgerechnet Wasser das Molekül des Lebens ist. Mit ausgefeilten Techniken gelingt es Forschern am...

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Marine Pilze – hervorragende Quellen für neue marine Wirkstoffe?

28.06.2017 | Veranstaltungen

Willkommen an Bord!

28.06.2017 | Veranstaltungen

Internationale Fachkonferenz IEEE ICDCM - Lokale Gleichstromnetze bereichern die Energieversorgung

27.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

EUROSTARS-Projekt gestartet - mHealth-Lösung: time4you Forschungs- und Entwicklungspartner bei IMPACHS

28.06.2017 | Unternehmensmeldung

Proteine entdecken, zählen, katalogisieren

28.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Neue Scheinwerfer-Dimension: Volladaptive Lichtverteilung in Echtzeit

28.06.2017 | Automotive