Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Zeit der Ernüchterung

08.06.2001


Situation von Ärztinnen und Ärzten in den ersten Jahren nach dem Berufseinstieg

... mehr zu:
»Arzt »Mediziner »Prestige

Der Arzt als Helfer und Heiler ist das Vorbild beim Einstieg in den ärztlichen Beruf, aber solche Idealvorstellungen werden bald zurückgestutzt. Prestige und Erfolg holen in der Werteskala junger Medizinerinnen und Mediziner auf, wenn die Arbeit sie mit Strukturen konfrontiert, die sie zunächst als stark belastend, beengend und unerfreulich erleben. Dass die Identifikation mit dem Beruf dennoch hoch bleibt und Dauerstress kein Grund zur Unzufriedenheit sein muss, zeigt eine Untersuchung von Prof. Dr. Andrea Abele-Brehm am Lehrstuhl für Sozialpsychologie der Universität Erlangen-Nürnberg. Für Frauen gilt dies allerdings nur bedingt. Ärztinnen verlieren in den ersten Jahren an Selbstvertrauen, und sie haben an einer Doppelrolle als Mutter und Assistenzärztin besonders schwer zu tragen.

Diese Zwischenergebnisse sind den Daten einer Studie entnommen, die über fünf Jahre hinweg den beruflichen und privaten Lebensweg von Absolventinnen und Absolventen aller Fachrichtungen der Universität Erlangen-Nürnberg verfolgt. Unter denen, die bisher dreimal ausführliche Fragenkataloge zu ihren Plänen und ihren späteren Erfahrungen beantworteten, sind 212 Medizinerinnen und Mediziner, bei einem Frauenanteil von 44 Prozent. Sie haben 1995/96 das zweite Staatsexamen abgelegt und wurden drei Monate nach der Abschlussprüfung erstmals befragt. Die zweite Befragung fiel auf das Ende der Ausbildung als "Arzt im Praktikum", die dritte in die Anfangsphase der Assistenzarztzeit. Die Auswertung entwirft einen differenziertes Bild der Anfangsjahre im Arztberuf.


Beruf als Berufung

Ursprünglich bringen Absolvierende der Medizin zum Start ins Berufsleben mehr Altruismus mit als andere Akademikerinnen und Akademiker. Sie betrachten den idealen Arzt als fürsorglich und beziehungsorientiert, wollen andere Menschen unterstützen und betreuen und die Zusammenarbeit mit Kollegen suchen. Der ärztliche Beruf ist für sie in hohem Grade eine "Berufung". Daneben gilt ihnen Leistung als Lebensziel besonders viel. In der Bedeutung, die sie Werten wie Prestige, Fortschritt oder Autonomie in der Berufswelt zumessen, unterscheiden sie sich nicht von den übrigen Befragten.

In anderen Fächern werden humanistische Einstellungen nicht ganz so hoch gehalten, doch ändert sich die Bewertung nach dem Berufseinstieg wenig und eher zum Positiven. Beim medizinischen Nachwuchs dämpft die Zeit als "Arzt im Praktikum" (AiP) die zuvor vertretenen Ideale dagegen sichtlich. Neben Prestige und Fortschritt gewinnen Freizeitgestaltung und Abwechslung an Anziehungskraft.

Die Ausbildung in einem akademischen Lehrkrankenhaus wird als außergewöhnlich belastend empfunden. Die Arbeitszufriedenheit zu dieser Zeit ist relativ niedrig. Die jungen Medizinerinnen und Mediziner fühlen sich finanziell benachteiligt, berichten von geringen Handlungsspielräume und hierarchischen Führungsstrukturen und erleben häufig negative Beziehungen am Arbeitsplatz. Der Zukunft sehen sie allerdings optimistisch entgegen. Ihren Erfolg im Beruf und die Qualifizierungsmöglichkeiten beurteilen sie nicht schlechter als andere Befragte, ihre Aufstiegschancen sogar deutlich besser.

Zur Assistenzarztzeit rückt die Arbeit noch stärker in den Mittelpunkt des Lebens. Die Belastung wächst, aber auch das berufliche Engagement - zwei Tendenzen, die ein Spannungsfeld aufbauen. Den hohen Anforderungen, die sich ihnen stellen, sind die Ärzte offensichtlich gewachsen, wenn auch um den Preis einer Tendenz zum "workaholic". Mit ihrem Leben sind sie ebenso zufrieden wie andere akademische Berufsgruppen. Die Arbeitszufriedenheit, die Bindung an den Arbeitsplatz und das berufliche Selbstvertrauen spielen dabei eine wichtige Rolle. Allerdings ist das Privatleben in der Altersstufe der Befragten ebenfalls sehr wichtig. Stabile Partnerschaften tragen viel zu einem positiven Lebensgefühl bei.

Den Ärztinnen sinkt der Mut

In dieser Phase weichen Berufslaufbahnen und Selbsteinschätzungen von Männern und Frauen jedoch erstmals deutlich voneinander ab. Ärztinnen, die Beruf und Mutterschaft zu vereinbaren versuchen, sind besonders unzufrieden. Knapp ein Fünftel verzichtet einstweilen auf einen Arbeitsplatz und widmet sich nur den Kindern. Diese jungen Mütter sind zufriedener mit ihrem Leben, doch sie nehmen in Kauf, dass es für sie keine Garantie auf eine Rückkehr in den Beruf gibt. Arbeitslosigkeit betrifft Medizinerinnen generell häufiger als Mediziner.

Auffallend ist, dass Frauen im Arztberuf im Lauf der Jahre entmutigt wurden oder sich selbst entmutigt haben. Auch wenn Leistungen und Beschäftigungsverhältnisse denen der Männer vergleichbar sind, trauen sie sich weniger zu. Junge kinderlose Assistenzärztinnen sehen ihre Aufstiegschancen wesentlich pessimistischer als ihre männlichen Kollegen und beginnen an ihrer Kompetenz zu zweifeln. Ihr berufliches Selbstvertrauen sinkt - im Gegensatz zu dem der Ärzte, aber auch im Gegensatz zu dem, was Akademikerinnen im allgemeinen in den ersten Berufsjahren erleben. In der Untersuchung der Folgejahre wird sich zeigen, ob diese Tendenz anhält und was beim kontinuierlichen "Hineinwachsen" in den Arztberuf von den einstigen Idealen übrig bleibt.

Kontakt:
Prof. Dr. Andrea Abele-Brehm, Lehrstuhl Sozialpsychologie
Bismarckstraße 6, 91054 Erlangen
Tel.: 09131/85 -22307, Fax: 09131/85 -22951
E-Mail: abele@phil.uni-erlangen.de

Heidi Kurth | idw

Weitere Berichte zu: Arzt Mediziner Prestige

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Ab ins Ungewisse: Über das Risikoverhalten von Jugendlichen
19.01.2017 | Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

nachricht Der Klang des Ozeans
12.01.2017 | Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Scientists spin artificial silk from whey protein

X-ray study throws light on key process for production

A Swedish-German team of researchers has cleared up a key process for the artificial production of silk. With the help of the intense X-rays from DESY's...

Im Focus: Forscher spinnen künstliche Seide aus Kuhmolke

Ein schwedisch-deutsches Forscherteam hat bei DESY einen zentralen Prozess für die künstliche Produktion von Seide entschlüsselt. Mit Hilfe von intensivem Röntgenlicht konnten die Wissenschaftler beobachten, wie sich kleine Proteinstückchen – sogenannte Fibrillen – zu einem Faden verhaken. Dabei zeigte sich, dass die längsten Proteinfibrillen überraschenderweise als Ausgangsmaterial schlechter geeignet sind als Proteinfibrillen minderer Qualität. Das Team um Dr. Christofer Lendel und Dr. Fredrik Lundell von der Königlich-Technischen Hochschule (KTH) Stockholm stellt seine Ergebnisse in den „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften vor.

Seide ist ein begehrtes Material mit vielen erstaunlichen Eigenschaften: Sie ist ultraleicht, belastbarer als manches Metall und kann extrem elastisch sein....

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Neuer Algorithmus in der Künstlichen Intelligenz

24.01.2017 | Veranstaltungen

Gehirn und Immunsystem beim Schlaganfall – Neueste Erkenntnisse zur Interaktion zweier Supersysteme

24.01.2017 | Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Im Interview mit Harald Holzer, Geschäftsführer der vitaliberty GmbH

24.01.2017 | Unternehmensmeldung

MAIUS-1 – erste Experimente mit ultrakalten Atomen im All

24.01.2017 | Physik Astronomie

European XFEL: Forscher können erste Vorschläge für Experimente einreichen

24.01.2017 | Physik Astronomie