Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Stress, Frustration, Resignation: Studie über Gesundheit von Bäuerinnen

12.04.2001


Für das Thema Agrarpolitik und Gesundheit: Eine qualitative Studie zurGesundheitsförderung von Bäuerinnen" ihrer kürzlichabgeschlossenen Diplomarbeit hat die Psychologin Johanne Venema neunVollerwerbsbäuerinnen zwischen 30 und 54 Jahren interviewt. Der 55-jährigenWissenschaftlerin ist das Arbeitsumfeld der Frauen vertraut. Siebewirtschaftet mit ihrem Man und ihrem ältesten Sohn selbst einen90-Hektar-Milchviehbetrieb im ostfriesischen Rheiderland.
Im Mittelpunkt der Befragung stand die Alltagsbelastung der Bäuerinnenund ihre Möglichkeit, emotionalen Druck aus physischer und psychischer Überlastungzu kompensieren.


Dabei zeigte sich, dass die aktuelle Agrarpolitik und deren Rahmenbedingungendeutlich Auswirkungen auf die Gesundheit von Bäuerinnen hat. Verstärktdurch die aktuellen Themen BSE und MKS (Maul- und Klauenseuche) erhöhesich der emotionale Druck der Frauen. Der Teufelskreis aus absehbaren Einkommens-Verlusten,Enttäuschung und Wut auf die Politik auf der einen undBetriebsumstrukturierung, körperliche Mehrbelastungen durch Zuerwerb aufder anderen Seite führe geradewegs in die "Selbstzerstörung",beschreibt eine Interviewpartnerin ihre Situation.
Als Konsequenz dieser "besorgniserregenden Befunde" aus Venemaswissenschaftlicher Arbeit ist ein bislang bundesweit einmaliges Projektzur Gesundheitsförderung von Bäuerinnen entstanden, das in Kürze seineArbeit aufnehmen wird. Beteiligt sind die Hannoversche landwirtschaftliche(OK) Krankenkasse und die Evangelische Erwachsenenbildung.

 Als Johanna Venema ihre Diplomarbeit im Fach Psychologie der Universität Oldenburg über "Agrarpolitik und Gesundheit" schrieb, standen die Themen BSE und "MKS" (Maul- und Klauenseuche) noch nicht auf der Tagesordnung. Gleichwohl hält sie Ergebnisse ihrer Untersuchung keinesfalls für überholt. "Die von mir befragten Bäuerinnen würden sich heute sicher noch deutlicher und akzentuierter äußern, aber die Grund-Struktur ist die gleiche", sagt die Wissenschaftlerin, die in ihrem anderen Beruf selbst Bäuerin ist. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem ältesten Sohn bewirtschaftet die 55-Jährige einen 90-Hektar-Milchviehbetrieb im ostfriesischen Rheiderland. Durch die aktuelle Situation sei der emotionale Druck für die Menschen in der Landwirtschaft derzeit so groß, dass sie täglich Anrufe bekomme vor allem von Frauen, die Trost und Zuspruch benötigten, erzählt die Psychologin. Als Konsequenz aus ihrer wissenschaftlichen Arbeit hat sie ein bundesweit bislang einmaliges Projekt zur Gesundheitsförderung von Bäuerinnen initiiert, das in Kürze seine Arbeit aufnehmen wird. Beteiligt sind die Hannoversche landwirtschaftliche (OK) Krankenkasse und die Evangelische Erwachsenenbildung.
Für ihre kürzlich abgeschlossene Diplomarbeit - "Eine qualitative Studie zur Gesundheitsförderung von Bäuerinnen" - hat Venema neun Vollerwerbsbäuerinnen zwischen 30 und 54 Jahren aus dem Rheiderland interviewt. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die Agrarpolitik und deren Rahmenbedingungen deutliche Auswirkungen auf die Gesundheit von Bäuerinnen hat, vor allem auf deren seelisches und soziales Wohlbefinden. Ein weiteres Ergebnis: Bäuerinnen stehen gesundheitsfördernden Projekten prinzipiell positiv gegenüber.


Zum Hintergrund: Die Situation in der Landwirtschaft ist von einschneidenden Veränderungen gekennzeichnet: Mit der Agenda 2000 ist in der EU eine umfassende Agrarreform geplant, die nach Expertenansicht u.a. mit deutlichen Einkommenseinbußen für die Landwirte verbunden sein wird. Schon in der Vergangenheit waren deren Einkommen stetig gesunken. So verzeichnet die Gewinnentwicklung in der Landwirtschaft eine fallende Tendenz seit 1990/91, während der gewerbliche Vergleichslohn kontinuierlich gestiegen ist. Hinzu kommt, dass die Prämien einen immer größeren Anteil am Gewinn eines landwirtschaftlichen Unternehmens ausmachen (teilweise über 50 Prozent), während die Erzeugerpreise weiter sinken. Überdies sind für das komplizierte Prämiensystem immer umfangreichere Antrags- und Kontrollverfahren erforderlich.
Johanna Venema konstatierte bei den befragten Bäuerinnen eine recht hohe körperliche Belastung. Sie erleben sich zeitweise überfordert, stark ermüdet und körperlich erschöpft. Um die zu erwartenden Einkommensverluste ausgleichen zu können, erwarten die Bäuerinnen körperliche Mehrbelastungen durch Betriebsvergrößerungen oder einen Zuerwerb. Eine Interview-Partnerin bezeichnet diese Entwicklung als "Selbstzerstörung".
Die Reihe der belastenden Emotionen, die durch die veränderten politischen Bedingungen ausgelöst wurden, reicht von zunehmender Unlust bei der Arbeit über Enttäuschung und Trauer über die schwierige wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre, Schmerzen und Neid bezogen auf die Mitmenschen, Ärger und Wut über die politischen Entscheidungen bis zu Ängsten, großen Sorgen und Hoffnungslosigkeit bezogen auf die Zukunft.
Ihre eigene Lebenssituation bewerten die meisten befragten Bäuerinnen sehr kritisch. Sie empfinden Anspannungen, Stress, Nervosität und Unsicherheit. Häufige gedankliche Auseinandersetzungen mit der Zukunft belasten sie sehr. Bedrohung, Frustration, Resignation und Sinnlosigkeit erleben sie in ihrem Alltag in Verbindung mit agrarpolitischen Rahmenbedingungen. Sie sprechen von Ausgeliefertheit, Hilflosigkeit, Machtlosigkeit und Ohnmacht gegenüber der Politik. Überdies verdrängen sie Gedanken an die Zukunft, beschäftigen sich nicht mit agrarpolitischen Themen oder konzentrieren sich auf ihre eigenen Angelegenheiten.
Das soziale Wohlbefinden speist sich im Wesentlichen aus einer funktionierenden Partnerbeziehung. Umgekehrt heißt das, dass Partnerschaftsprobleme besonders schwer wiegen. Eher problematisch wird die Beziehung zu Berufskollegen und -kolleginnen gesehen. Vorherrschend scheint die Erfahrung der mangelnden Solidarität, der Konkurrenz und des Neides innerhalb der Berufsgruppe zu sein. Nur wenn die Belastungen sehr stark wahrgenommen werden, sucht man offenbar den Austausch mit und Trost unter Berufskolleginnen. Als bestehende, belastende Bedingung werden die soziale Kontrolle, traditionelle Wertvorstellungen und eine mangelnde Anerkennung von Frauen innerhalb des Berufsstandes erlebt.
Auch ihre Beziehungen zu Menschen anderer Berufssparten beurteilen die Bäuerinnen eher negativ. Im direkten Vergleich sehen sie sich als Verlierer. Erst bei näheren Kontakten verliert sich diese Wahrnehmung.
Vor dem Hintergrund dieser "Besorgnis erregenden Befunde" plädiert die Wissenschaftlerin für eine spezielle Gesundheitsförderung im ländlichen Raum. Wichtig sei, so Venema, das Bedürfnis nach Vertrauen, emotionaler Sicherheit, Verlässlichkeit und Geborgenheit zu befriedigen. Auch im ländlichen Raum sollten Menschen befähigt werden, mehr Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu erlangen und ihre Gesundheit so zu stärken, dass sie den zunehmenden Anforderungen ihres Alltags gewachsen blieben.

Kontakt: Dipl.-Psych. Johanne Venema, 26844 Jemgum,
Tel.: 04958/277, E-Mail: VenemaGbR@t-online.de¸ Prof. Dr. Wilfried Belschner, Fach Psychologie, Universität Oldenburg, Tel. 0441/798-5131, Fax: -5138, E-Mail: wilfried.belschner@uni-oldenburg.de

Gerhard Harms | idw

Weitere Berichte zu: Agrarpolitik Frustration Gesundheitsförderung Resignation Stress

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Zirkuläre Wirtschaft: Neues Wirtschaftsmodell für die chemische Industrie?
28.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Unternehmen entwickeln sich zu Serviceanbietern
25.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie