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Stammzellen sollen bei Reparatur von Herzkranzgefäßen helfen

19.04.2004


Herzzentrum Leipzig wirkt mit an der bundesweiten Studie Repair-AMI


Die Stammzellentherapie ist eines der Themen, die während der Frühjahrstagung "Konservative und Interventionelle Behandlungsstrategien" am Herzzentrum der Universität Leipzig erörtert werden.

Ein Anlass, mit Prof. Dr. Rainer Hambrecht, leitender Oberarzt des Herzzentrums, über diese nicht unumstrittenen Therapie zu reden.


Auf dem Bildschirm pulsiert ein Herz, pumpt das Blut durch den Körper. Doch auch diesen wichtigen Muskel selbst umspannt zu dessen Versorgung ein Netz aus Koronararterien. Rhythmisch füllen sich diese mit dem kontrastmittelangereicherten Blut und werden so während der Herzkathederuntersuchung sichtbar. Sichtbar wird auch das Problem des Patienten: Eine der Arterien ist verschlossen. Sackgasse. Herzschlag für Herzschlag rennt der Blutfluss ergebnislos gegen eine Barriere an.

Meist endet diese Blockade in einem akuten Myokardinfarkt (Herzinfakt). Das nicht mit Sauerstoff und Nährstoffen belieferte Herzareal wird durch relativ starres Bindegewebe ersetzt und verliert als Narbe seine Kontraktionsfähigkeit. Manchmal jedoch spürt der (oder die) Betroffene nur Unbehagen und Atemnot. Das Herz richtet sich mit dem Mangel notdürftig ein. Dann spricht man von einem chronischen Verschluss. "Und solch einen Fall haben wir hier", erläutert Prof. Dr. Rainer Hambrecht. "Hier unterbricht der Blutfluss", weist er am Bildschirm auf das Ende eines Gefäßes. "Es haben sich zwar so was wie Umleitungen gebildet, aber für eine ausreichende Versorgung dieses Teils des Herzens ist das nicht genug. Durch das Wiedereröffnen der Arterien mit einem winzigen Ballon und das Einfügen einer Gefäßstütze in die Arterie wird meist der erste Schritt getan. Aber dann kommt es darauf an, den bereits ’eingeschlafenen’ Teil des Herzmuskels so weit wie möglich wieder zum Kontrahieren zu bewegen. Und dazu bedarf es zahlloser winziger Gefäße. Da die aber während der Blut-Unterversorgung abgestorben sind, müssen sich neue bilden. Und das geschieht nicht automatisch."

Hier setzt die Stammzellentherapie an, die seit etwa sechs Jahren in der Diskussion ist und die seit zwei Jahren auch im Leipziger Herzzentrum in ausgewählten Fällen angewandt wird. Stammzellen sind Körperzellen, deren Rolle im menschlichen Organismus nicht von vornherein festegelegt ist. Beinahe Alleskönner. Sie sind so flexibel, dass sie dort wo sie sich ansiedeln, die dort notwendige Funktion übernehmen können. Damit unterscheiden sie sich von den spezialisierten Zellen, die sich von vornherein nur - wie ihre jeweiligen "Nachbarn" - zu Zellen eines bestimmten Organs entwickeln können.

Im Falle der Herzmedizin bedeutet dies, dass dem Patienten Knochenmark aus dem Beckenkamm oder Blut aus dem Arm entnommen und daraus im Labor mittels deren Oberflächeneigenschaften Stammzellen isoliert werden. Diese werden dann herangezogen, bis 20 bis 60 Millionen Exemplare zur Verfügung stehen. "Diese Zellen spritzen wir dann direkt dorthin, wo das Entstehen des abgestobenen und die Heilung des verletzten Gefäßgewebes stattfinden soll", so Hambrecht. In diesem Falle, da die Stammzellen aus dem Körper eines bereits geborenen Menschen stammen, spricht man von adulten (erwachsenen) Stammzellen. Im Unterschied zu den aus gerade erst gezeugtem Leben gewonnenen embryonalen Stammzellen ist deren Gewinnung und Verwendung ethisch unproblematisch. Einen Nachteil haben die "Erwachsenen" jedoch: Sie können im Gegensatz zu den embryonalen Stammzellen nicht mehr jede Aufgabe übernehmen, sondern bringen schon eine gewisse Orientierung mit. Also müssen jene Stammzellen erfasst werden, deren Vor-Spezialisierung bereits in Richtung Gefäßneubildung geht.

Gute Erfahrungen machte das Herzzentrum Leipzig bereits mit der Anwendung der Stammzellentherapie bei Fällen von chronischem Verschluss der Herzkranzgefäße, wo bisher die Behandlungsergebnisse von 25 Patienten in eine monozentrische Studie einflossen, sowie beim Einsatz der Therapie bei Gefäßstörungen an den Beinen. Hier konnten Amputationen von Zehen verhindert werden.

Neuerdings untersuchen die Leipziger Spezialisten die Anwendungsmöglichkeiten der Stammzellentherapie beim akutem Herzinfarkt. Dabei sind sie neben Medizinern aus Frankfurt, Düsseldorf, Hannover und Rostock eingebunden in das vor kurzem gestartete bundesweite Projekt Repair-AMI (Acuter Myocard Infarkt). Dieses Projekt ist eine placebokontrollierte, randomisierte (vom Zufall bestimmte) Doppelblindstudie, das heißt weder Arzt noch Patient wissen, ob im konkreten Fall neben den herkömmlichen Therapieformen auch Stammzellen eingesetzt wurden.

"Solch eine Studie ist nötig, um noch mehr belastbare Beweise für den Nutzen dieser Therapie zu erbringen", dämpft Hambrecht grenzenlose Erwartungen auf die schnelle Anwendung eines Wundermittels für alle Fälle. "Noch gibt uns die Stammzellentherapie zahllose Fragen auf: Gewinnen wir aus dem Blut und dem Knochenmark immer die richtigen Zellen als Stammzellen? Wie viele Stammzellen sind für das erhoffte Behandlungs-Ergebnis überhaupt nötig? Wie lange brauchen die Ersatzgefäße, um bis zur benötigten Größe zu wachsen? Gibt es Langzeitnebenwirkungen? Wohin spritzt man die Zellen am praktischsten, direkt ins Herz oder nur in die Vene? Haben die Stammzellen von sehr alten Menschen noch die Kraft, Gewebeneubildungen auszulösen? Welche Personen müssen ausgeschlossen werden?"

Auch wenn noch nicht alle Fragen der Gegenwart beantwortet sind, haben Hambrecht und seine Kollegen schon die Fragen der Zukunft vor Augen. Könnten Stammzellen des Patienten beispielsweise nicht bei jeder Herzoperation parat liegen, um den Heilungsprozess anzukurbeln?

Dr. Bärbel Adams | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-leipzig.de

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