Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Können Zuwanderer Bevölkerungsalterung aufhalten?

06.04.2004


Wirkungen alternativer Geburten- und Migrationstrends für Österreich und die EU geschätzt


Der demografische Wandel stellt das System der sozialen Sicherung in Europa vor große Herausforderungen. Deshalb beschäftigen sich Modellrechnungen mit der Frage, welche Faktoren in welchem Maß zur Schrumpfung und Alterung der Bevölkerung beitragen. Berechnungen für Österreich und die EU zeigen, dass weder steigende Geburtenraten noch höhere Zuwanderungszahlen alleine den Alterungsprozess signifikant beeinflussen können.

Die zukünftige Größe und Altersstruktur jeder Bevölkerung wird bestimmt durch: Die gegenwärtige Struktur der Bevölkerung nach Alter und Geschlecht, die zukünftige Entwicklung von Geburtenraten, Sterberaten sowie Migration. Als durch die Politik möglicherweise beeinflussbare Faktoren stellen sich nur Migration und Geburtenrate dar. Deshalb berechnen wir eine Vielzahl von Szenarien mit unterschiedlichen Annahmen der Einwanderungs- und Geburtenentwicklung und untersuchen deren Auswirkung auf die Bevölkerungsgröße. Interessant dabei ist die Altenbelastungsquote, die die Relation der Bevölkerung im Alter über 65 Jahren zur Bevölkerung von 15 bis 64 Jahren wiedergibt. Die Modellrechnungen beziehen sich auf Österreich sowie auf alle 15 Länder, die 2003 Mitglied der Europäischen Union (EU) waren. Die Ergebnisse für die EU sind in der Grafik veranschaulicht: Auf der horizontalen Achse ist ein weites Spektrum von Fertilitätsraten dargestellt, von extrem niedrigen 1,0 Kindern pro Frau bis zu unrealistisch hohen 2,2 Kindern (gegenwärtig liegt der EU-Durchschnitt bei 1,5 Kindern). Die Balken stellen vier unterschiedliche, angenommene Einwanderungsszenarien dar: Von einer unwahrscheinlichen Nullwanderung bis zum extrem hohen Wert von netto 1,2 Millionen Zuwanderern pro Jahr (in den vergangenen Jahren hatte die EU einen Wanderungsgewinn von rund 700.000 Personen).


Die Schätzungen für 2050 zeigen, dass nur die Kombination von hohen Geburtenzahlen und hoher Zuwanderung ein Schrumpfen der EU-Bevölkerung verhindert (die schwarze Linie stellt die derzeit rund 380 Millionen EU-Bürger dar). Je niedriger die Geburtenrate ist und je niedriger der Wanderungsgewinn ist, desto stärker schrumpft die Bevölkerung. Bei der Altenbelastungsquote zeigt sich, dass auch die Kombination von höchster Fertilität mit höchster Zuwanderung einen dramatischen Anstieg nicht verhindern, sondern nur mildern kann. Die Belastungsquote steigt durch das bereits in der jetzigen Altersstruktur angelegte Alter von derzeit rund 0,25 in allen Szenarien auf über 0,40. Bei einer Kombination von niedriger Fertilität mit niedriger Zuwanderung steigt die Belastungsquote in Folge der stärkeren Alterung auf mehr als das Doppelte an, im Extremfall sogar auf 0,62. Verallgemeinert man den in den Grafiken dargestellten kompensatorischen Zusammenhang zwischen Geburtenrate und Migration, zeigt sich: Sowohl bei der Bevölkerungszahl als auch bei der Altenbelastungsquote hat in der gesamten EU eine Million Einwanderer netto pro Jahr den gleichen Effekt wie im Durchschnitt ein zusätzliches Kind pro Frau übers ganze Leben gerechnet. In realistischeren Zahlen ausgedrückt heißt dies: 100.000 zusätzliche Zuwanderer pro Jahr haben den gleichen Effekt wie ein nachhaltiger Anstieg der Geburtenrate um 0,1, zum Beispiel von 1.5 auf 1.6 Kinder pro Frau. Die Bevölkerung Österreichs weist ein ähnliches Muster auf (für Deutschland vgl. z.B. Birg). Jedoch liegt die Geburtenrate unter dem EU-Durchschnitt, und der Alterungsprozess ist bereits etwas weiter fortgeschritten. Für den allgemeinen Zusammenhang ergibt sich, dass etwa 2.000 zusätzliche Zuwanderer pro Jahr den gleichen Effekt haben wie eine um 0,1 Kinder höhere Geburtenrate. Die Bevölkerungsgröße nach Alter und Geschlecht liefert nur einen Teil der relevanten Information. Für die Zahlungsbilanz der Sozialversicherung sind auch die Erwerbsquoten nach Alter und Geschlecht sowie die Produktivität (Bildung) der Erwerbstätigen von Bedeutung. Somit sind Bildungs- und Erwerbsstruktur der Zuwanderungsgruppen relevant. Auch ist die unterschiedliche zeitliche Dynamik zu beachten: Steigen die Geburtenraten in der einheimischen Bevölkerung, so dauert es etwa 20 Jahre, bis die Zahl der Erwerbstätigen steigt; Einwanderer können theoretisch sofort beginnen zu arbeiten. Wolfgang Lutz und Sergei Scherbov

Literatur: Lutz,W. and S. Scherbov: Can immigration compensate for Europe’s low fertility? Vienna Institute of Demography, Vienna 2003, 16 p. (European Demographic Research Papers)

Birg, H.: Auswirkungen und Kosten der Zuwanderung nach Deutschland. Gutachten im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums des Innern. Universität Bielefeld, Institut für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik (IBS), Bielefeld 2001, 52 S.)

Kontakt: wolfgang.lutz@oeaw.ac.at · sergei.scherbov@oeaw.ac.at

Wolfgang Lutz | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.oeaw.ac.at/vid/publications/EDRP_No
http://www.ibs.uni-bielefeld.de/personal/birg/
http://www.demografische-forschung.org

Weitere Berichte zu: Altenbelastungsquote Geburtenrate Migration Zuwanderer Zuwanderung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Zirkuläre Wirtschaft: Neues Wirtschaftsmodell für die chemische Industrie?
28.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Unternehmen entwickeln sich zu Serviceanbietern
25.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie