Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Pionierstudie zur Bedeutung der Hobbyfischerei

23.03.2004



Wissenschaftler aus dem Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei legt Pionierstudie zu Hobbyfischern vor


Die Bedeutung der Hobbyfischerei ist bisher enorm unterschätzt worden. So holen in Deutschland wohnhafte Freizeitangler sieben- bis zehnmal mehr Fisch aus den Gewässern als alle kommerziellen Seen- und Flussfischer hierzulande. Das ermittelte Dr. Robert Arlinghaus im Rahmen seiner Promotion an der Humboldt-Universität zu Berlin, die er am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin angefertigt hatte. Der Wissenschaftler beziffert den ökonomischen Gesamtnutzen der nichterwerbsmäßigen Angelfischerei in Deutschland auf 6,4 Milliarden Euro jährlich. Bei einer Pressekonferenz des deutschen Anglerverbands (DAV) am Mittwoch, 24. März, in Berlin wird Robert Arlinghaus seine Arbeit vorstellen.

Mit seinen Studien hat Arlinghaus Neuland betreten. Er untersuchte erstmals systematisch die Bedeutung der Hobbyfischerei. Dabei nahm er nicht nur den ökonomischen Nutzen ins Visier, sondern auch ökologische und soziologische Aspekte. Seine Arbeiten haben nach Ansicht von Experten Pioniercharakter in Deutschland und sind in ganz Mitteleuropa beispiellos. So berücksichtigt die EU in ihrer gemeinsamen Fischereipolitik das Angeln bisher kaum.


Eine bundesweite Befragung unter organisierten und nichtorganisierten Hobbyfischern durch Robert Arlinghaus ergab, dass im Jahr 2002 etwa 3,3 Millionen Personen mindestens einmal zum Vergnügen geangelt haben. Nach bisherigen Schätzungen lag die Zahl bei etwa 1,5 Millionen. Rund 52.000 Arbeitsplätze hängen von der nichterwerbsmäßigen Angelfischerei ab - mehr als doppelt so viel als bisher geschätzt (20.000). Insgesamt entnahmen die Hobbyfischer im Jahr 2002 knapp 45.000 Tonnen Fisch aus Süß- oder Salzwasser, das sind rund 13 Kilo Fisch pro Angler und Jahr. Dagegen stehen 4.000 bis 7.000 Tonnen Fisch aus der kommerziellen Seen- und Flussfischerei.

Zum sozialen und ökonomischen Nutzen kommt hinzu, dass sich viele Hobbyangler ehrenamtlich für den Schutz der Flüsse und Seen einsetzen. Dieser Nutzen ist vom Gesetzgeber gewollt; die Fischereigesetze der Länder sowie das Tierschutzgesetz in Deutschland gehören zu den strengsten der Welt. Gemäß den Fischereigesetzen dürfen die so genannten Fischereiausübungsberechtigten (etwa Anglervereine als Gewässerpächter) die Gewässer nicht nur nutzen, sondern müssen sie auch hegen und pflegen, also managen - eine Situation, die in der Meeresfischerei ihresgleichen sucht. Viele Wissenschaftler glauben, dass nur die Kopplung von Nutzung und Managementpflicht ein ordnungsgemäßes Management der Fischbestände ermöglicht.

Allerdings können die Angler auch Schaden anrichten. So sind das Einsetzen von gebietsfremden oder künstlich aufgezogenen Fischen ("Fischbesatz") und das bevorzugte Angeln von bestimmten begehrten Arten, im Fachjargon selektiver Befischungsdruck genannt, ernst zu nehmende Gefahren für die Gewässerökosysteme.

Gerade die Gegensätze zwischen Gewässerpflege und negativem Einfluss auf Ökosysteme haben in der Vergangenheit oft zu kontroversen Debatten zwischen Angelfreunden und Naturschützern geführt. Robert Arlinghaus hofft, mit seinen Studien die Diskussion zu versachlichen. Er sieht nämlich ein sehr hohes Potenzial für ein umweltgerechtes Management in der deutschen Angelfischerei. "Bisher konnten die tatsächlichen Gegebenheiten in Deutschland und Mitteleuropa angesichts des Datenmangels kaum objektiv eingeschätzt werden. Wir sind jetzt zwar einen Schritt weiter, doch tiefergehende Studien sind unbedingt notwendig", sagt Arlinghaus. Mit seiner Forschungsarbeit sind jetzt neue Erkenntnisse über modernes Fischereimanagement hinzugekommen, welche weniger die Fische betreffen, sondern vielmehr die Charakteristiken, Verhaltensweisen und Erwartungshaltungen der Angler.

Aus der Dissertation von Dr. Robert Arlinghaus ist bereits eine Vielzahl von international beachteten Originalpublikationen hervorgegangen, unter anderem zum Verständnis des Anglerverhaltens, zur Bewertung der Unterschiede zwischen Anglergruppen und zur Minimierung von Konflikten rund um das Fischereimanagement. Eines ergab die Arbeit des IGB-Wissenschaftlers auch: Angeln ist in Deutschland eine Männerdomäne. 94 von 100 Hobbyfischern sind männlich. Der Grund dafür ist noch nicht erforscht.

Das IGB gehört zum Forschungsverbund Berlin e.V. Es betreibt multidisziplinäre strategische Grundlagenforschung zur Struktur und Dynamik aquatischer Ökosysteme. Das IGB erarbeitet wissenschaftliche Grundlagen für neue Ökotechnologien, für nachhaltige Binnenfischerei und für ökotoxikologische bzw. -physiologische Bestimmungskriterien der Gewässerbeschaffenheit. Die Forschungen werden an Grundwasser, Seen, Flüssen und deren Einzugsgebieten überwiegend im nordostdeutschen Tiefland betrieben. Das Institut hat rund 170 Mitarbeiter und einen Etat von zirka elf Millionen Euro.

Der Forschungsverbund Berlin e.V. (FVB) ist Träger von acht natur-, lebens- und umweltwissenschaftlichen Forschungs-instituten in Berlin, die alle wissenschaftlich eigenständig sind, aber im Rahmen einer einheitlichen Rechtspersönlichkeit gemeinsame Interessen wahrnehmen. Alle Institute des FVB gehören zur Leibniz-Gemeinschaft.

Josef Zens | Forschungsverbund Berlin e.V.
Weitere Informationen:
http://www.igb-berlin.de
http://www.fv-berlin.de

Weitere Berichte zu: Angelfischerei Hobbyfischerei Pionierstudie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

nachricht Klimawandel: ungeahnte Rolle der Bodenerosion
11.04.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Im Focus: Neuer Ionisationsweg in molekularem Wasserstoff identifiziert

„Wackelndes“ Molekül schüttelt Elektron ab

Wie reagiert molekularer Wasserstoff auf Beschuss mit intensiven ultrakurzen Laserpulsen? Forscher am Heidelberger MPI für Kernphysik haben neben bekannten...

Im Focus: Wafer-thin Magnetic Materials Developed for Future Quantum Technologies

Two-dimensional magnetic structures are regarded as a promising material for new types of data storage, since the magnetic properties of individual molecular building blocks can be investigated and modified. For the first time, researchers have now produced a wafer-thin ferrimagnet, in which molecules with different magnetic centers arrange themselves on a gold surface to form a checkerboard pattern. Scientists at the Swiss Nanoscience Institute at the University of Basel and the Paul Scherrer Institute published their findings in the journal Nature Communications.

Ferrimagnets are composed of two centers which are magnetized at different strengths and point in opposing directions. Two-dimensional, quasi-flat ferrimagnets...

Im Focus: XENON1T: Das empfindlichste „Auge“ für Dunkle Materie

Gemeinsame Meldung des MPI für Kernphysik Heidelberg, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

„Das weltbeste Resultat zu Dunkler Materie – und wir stehen erst am Anfang!“ So freuen sich Wissenschaftler der XENON-Kollaboration über die ersten Ergebnisse...

Im Focus: World's thinnest hologram paves path to new 3-D world

Nano-hologram paves way for integration of 3-D holography into everyday electronics

An Australian-Chinese research team has created the world's thinnest hologram, paving the way towards the integration of 3D holography into everyday...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

14. Dortmunder MST-Konferenz zeigt individualisierte Gesundheitslösungen mit Mikro- und Nanotechnik

22.05.2017 | Veranstaltungen

Branchentreff für IT-Entscheider - Rittal Praxistage IT in Stuttgart und München

22.05.2017 | Veranstaltungen

Flugzeugreifen – Ähnlich wie PKW-/LKW-Reifen oder ganz verschieden?

22.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Myrte schaltet „Anstandsdame“ in Krebszellen aus

22.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

22.05.2017 | Physik Astronomie

Wie sich das Wasser in der Umgebung von gelösten Molekülen verhält

22.05.2017 | Biowissenschaften Chemie