Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Studie zur Herzklappenverkalkung: Nicht der Lebenswandel, das Erbgut ist schuld

17.03.2004


RWTH-Team untersuchte 187 Patienten samt ihren tiefgefrorenen Herzklappen - jetzt präsentiert es die Ergebnisse im European Heart Journal



Damit das Blut in eine Richtung fließt, hat das Herz Ventile: die Herzklappen. Sie öffnen und schließen sich mit jedem Herzschlag - vierzig Millionen mal in einem Lebensjahr. Doch im Alter jenseits der Sechzig sind sie vor Verschleiß nicht mehr gefeit: Bei einem von zwanzig Menschen kommt ein Verkalkungsprozess in Gang, der die zarten Gewebslappen unbeweglich macht. Im Spätstadium der Erkrankung öffnen sich diese nur noch zu einem Bruchteil der ursprünglichen Öffnungsweite. Sie bilden einen Flaschenhals, der den Blutdruck im Herzen gefährlich steigen lässt. Die Betroffenen klagen über Atemnot, Herzschmerzen und Ohnmachtsanfälle. Spätestens dann müssen die Klappen ersetzt werden. Denn es droht der plötzliche Herztod.



Die Ursachen der Verkalkung suchte man bislang unter den klassischen Risikofaktoren der Gefäßerkrankungen wie Cholesterin, Bluthochdruck, Diabetes und Zigarettenkonsum. Doch jüngst haben Forschungsergebnisse Zweifel an dieser Hypothese genährt. Jetzt zeigt eine Studie: Nicht der Lebenswandel, sondern das Erbgut bestimmt, wie stark die Herzklappen verkalken. Dies berichten Aachener Forscher um Jan R. Ortlepp in der jüngsten Ausgabe des renommierten European Heart Journal.

Das Team aus Medizinern, Genetikern und Chemikern der RWTH Aachen untersuchte 187 Patienten samt ihren tiefgefrorenen Herzklappen. Diese waren - da mehr oder weniger stark verkalkt - durch künstliche oder biologische Klappen ersetzt worden. Die ausrangierten Bioventile nahmen die Forscher zunächst mit Röntgenstrukturanalyse und Atomabsorptionsspektroskopie unter die Lupe. So bestimmten sie erstmals das genaue Ausmaß und die Qualität der Verkalkung.

Die Verkalkungssubstanz entpuppte sich als eine dem Zahnschmelz ähnliche Form von Calciumphosphat. Dabei überraschte die Qualität des Biominerals: "Derart gut gebaute Kristalle wachsen im Labor nur unter Extrembedingungen - bei Temperaturen von einigen Hundert Grad Celsius", so der Chemiker Richard Dronskowski. Als die Forscher das Ausmaß der Verkalkung ermittelten, stießen sie auf ein erstes Indiz für den Einfluss der Gene: Auf männlichen Herzklappen fand sich fünf Prozent mehr Calciumphosphat als auf weiblichen.

Nun konzentrierte sich das RWTH-Team auf drei Gene mit bestimmten Funktionen: Eines beeinflusst Entzündungsvorgänge, ein zweites steuert die Immunantwort auf Viren und das dritte lässt knochenbildende Zellen wachsen. Bei diesem Gen-Trio hatten sich Verdachtsmomente ergeben, denen die Forscher jetzt per DNA-Analyse nachgingen. Mit Fragebögen und medizinischen Tests erkundeten sie außerdem Risikofaktoren und Gewohnheiten der Patienten.

Das Ergebnis erhärtete den Verdacht, den die Forscher gegen die Gene hegten: Bestimmte Varianten und Kombinationen der drei Erbanlagen führten zu einer deutlich stärkeren Herzklappenverkalkung als andere. Cholesterin, Blutdruck, Blutzucker und Rauchen hatten dagegen keinen Einfluss. Jan R. Ortlepp sieht die klassischen Risikofaktoren allerdings noch nicht gänzlich entlastet: "Wir haben ja nur Patienten untersucht, bei denen bereits eine Verkalkung diagnostiziert wurde. Es ist durchaus denkbar, dass die Risikofaktoren die Erkrankung auslösen, aber nicht ihren Verlauf beeinflussen."

Die Studie beantwortet indes genau die Frage, wovon das spätere Krankheitsgeschehen abhängt, sobald es einmal in Gang gekommen ist. Die Ergebnisse aus Aachen beflügeln deshalb die Suche nach Medikamenten, die den Verkalkungsprozess bremsen oder gar stoppen könnten. Für die zumeist älteren Betroffenen wäre dies hilfreich. Denn mit der Echokardiografie ist eine schonende Diagnose des Frühstadiums möglich - viele Jahre, bevor die Krankheit lebensbedrohlich wird.

i.A. Thomas Früh


Ansprechpartner:

Dr. med. Jan R. Ortlepp
Medizinische Klinik I
AG molekulargenetische Kardiologie
Universitätsklinikum der RWTH Aachen
Pauwelsstrasse 30
52057 Aachen
Telefon 0241 / 80 - 88660 oder -82414 oder 0241 / 800 (von dort anfunken lassen)
E-Mail jrortlepp@ukaachen.de

Prof. Dr. rer. nat. Richard Dronskowski
Institut für Anorganische Chemie der RWTH Aachen
Professor-Pirlet-Straße 1
52056 Aachen
Telefon 0241 / 80 93642
E-Mail drons@HAL9000.ac.rwth-aachen.de


Quelle: European Heart Journal. The amount of calcium-deficient hexagonal hydroxyapatite in aortic valves is influenced by gender and associated with genetic polymorphisms in patients with severe calcific aortic stenosis. 2004, Volume 3, Pages 512-520.

Zusendung der Studie auf Anfrage:
Telefon 0241 / 80 - 94328
E-Mail thomas.frueh@zhv.rwth-aachen.de

Thomas von Salzen | idw

Weitere Berichte zu: Erbgut Heart Herzklappe Herzklappenverkalkung Lebenswandel RWTH Verkalkung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Diabetesmedikament könnte die Heilung von Knochenbrüchen verbessern
17.03.2017 | Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke

nachricht Soziale Phobie: Hinweise auf genetische Ursache
10.03.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise