Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fünf Milliarden Euro durch behindertengerechten, barrierefreien Tourismus

04.02.2004


Geographen und Verkehrswissenschaftler der Uni Münster erstellten Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums



Bis zu fünf Milliarden Euro im Jahr könnte die Tourismusbranche zusätzlich erwirtschaften, wenn sie auch die Bedürfnisse von behinderten und älteren Menschen optimal berücksichtigen würden. Bis zu 90.000 Arbeitsplätze könnten so geschaffen werden. Das ist das Ergebnis einer Studie vom Institut für Geographie und dem Institut für Verkehrswissenschaft der Universität Münster und den Beratungsunternehmen Neumann Consult und Reppel+Lorenz, die im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums erstellt wurde. Mit 20.000 verschickten und 4400 beantworteten Fragebögen ist die Untersuchung die bisher umfangreichste ihrer Art.



"Gefragt haben wir nur nach Übernachtungsurlauben, nicht nach dem Tagestourismus", erläutert Dr. Peter Neumann den Ansatz der Studie. Während im Bundesdurchschnitt rund 75 Prozent der Deutschen mindestens einmal im Jahr eine Reise antritt, die länger als fünf Tage dauert, sind es bei den Menschen mit Behinderungen lediglich 54 Prozent. Der Rest der Befragten verreist nicht, weil die Barrieren zu hoch sind. "48 Prozent der Befragten haben angegeben, dass sie häufiger verreisen würden, wenn es mehr barrierefreie Angebote gäbe", so Neumann. "Interessanterweise wird häufig nicht die Unterbringung als Problem angesehen, sondern die Kultur- und Freizeitangebote und die Fortbewegung am Urlaubsort."

Dabei muss zwischen den unterschiedlichen Beeinträchtigungen differenziert werden: Sehbehinderte Menschen geben weniger Probleme an. "Das mag daran liegen, weil sie häufiger mit einer Begleitperson verreisen, nicht daran, dass die Barrieren für sie geringer sind", erläutert Neumann, der vor anderthalb Jahren seine eigene Beratungsfirma als Spin-Off aus dem Institut für Geographie gegründet hat. "Viele der Befragten würden auch gerne einmal ohne Begleitperson verreisen können."

Immerhin 60 Prozent derjenigen, die häufiger verreisen würden, gäbe es adäquate Angebote, gaben an, sie seien bereit, dafür auch ein entsprechendes Entgelt zu bezahlen. Aus diesen Zahlen errechneten die Verkehrswissenschaftler Dr. Werner Allemeyer und Matthias Peistrup das enorme Potenzial von bis zu fünf Milliarden Euro zusätzlich. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Am Grund der Maßnahmen-Pyramide stehen "Aufgeschlossenheit und Aufmerksamkeit", dann folgen Informationsangebote, pragmatische Angebote, differenzierte Angebote und maßgeschneiderte Angebote. "Es lohnt sich nicht, dass zum Beispiel jedes Hotel maßgeschneiderte Angebote, die in der Regel teurer sind, entwickelt", so Neumann.

Pragmatische Angebote rechnen sich aber auf jeden Fall. Denn es dürfe nicht vergessen werden, dass nicht nur die Reisenden, sondern auch die Anwohner vor Ort von barrierefreien Angeboten profitieren würden. "Abgesenkte Bürgersteige helfen ebenso der Mutter mit Kinderwagen wie dem Rollstuhlfahrer", erläutert der Geograph. Hochrechnungen auf der Basis der Bundesstatistik zeigen, dass 8,1 Prozent der Deutschen einen Schwerbehindertenausweise hättne, für 20 bis 30 Prozent eine barrierefreie Umwelt notwendig sei. "Und komfortabel ist sie für alle", fügt Neumann hinzu. Außerdem werde die Bevölkerung immer älter, die Zahl der Behinderungen nehme zu. "Wer nicht in eine barrierefreie Umgebung investiert, wird langfristig nicht stehen bleiben, sondern zurückfallen", warnt er. Gefordert seien nicht nur private Investoren, sondern auch die öffentliche Hand, die ein entsprechendes Umfeld schaffen müsste.

Zur Unterstützung der Tourismus-Praktiker hat Neumann zusammen mit Reppel+Lorenz im Auftrag des ADAC eine Planungshilfe zur erfolgreichen Entwicklung barrierefreier Angebote erarbeitet. Hier werden Problemsituationen und Schwachpunkte erläutert, wie sie umgangen werden können. Außerdem zu finden sind Positivbeispiele wie die Urlaubsregion "Fränkisches Seenland" oder die behindertengerechten Stadtführungen in Erfurt, Marburg und München.

Brigitte Nussbaum | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenster.de

Weitere Berichte zu: Barriere Behinderung Verkehrswissenschaftler

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

nachricht Klimawandel: ungeahnte Rolle der Bodenerosion
11.04.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Im Focus: Turmoil in sluggish electrons’ existence

An international team of physicists has monitored the scattering behaviour of electrons in a non-conducting material in real-time. Their insights could be beneficial for radiotherapy.

We can refer to electrons in non-conducting materials as ‘sluggish’. Typically, they remain fixed in a location, deep inside an atomic composite. It is hence...

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochspannung für den Teilchenbeschleuniger der Zukunft

24.05.2017 | Physik Astronomie

3D-Graphen: Experiment an BESSY II zeigt, dass optische Eigenschaften einstellbar sind

24.05.2017 | Physik Astronomie

Optisches Messverfahren für Zellanalysen in Echtzeit - Ulmer Physiker auf der Messe "Sensor+Test"

24.05.2017 | Messenachrichten